Kultur
In der Falle: Meg Wolitzers „Zehnjahrespause“
Ein Roman über gelangweilte Hausfrauen? Stimmt: Klingt nicht besonders spannend. Warum man „Die Zehnjahrespause“ von Meg Wolitzer trotzdem ganz gut in einem Rutsch weglesen kann? Weil die 60-jährige US-amerikanische Bestsellerautorin eine tolle Erzählerin ist.
Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist das Thema für junge Eltern. Unflexible Arbeitszeiten, unbezahlte Elternzeit und kaum erschwingliche Kinderbetreuung treiben in den USA hauptsächlich junge Frauen aus ihren Berufen. Auch in Deutschland sind es überwiegend Frauen, die zugunsten der Kinder – bisweilen notgedrungen – beruflich zurückstecken. Und sich irgendwann Mitte 40 angesichts von Teilzeitfalle und schlechterer Bezahlung fragen, ob der Zug für sie jetzt endgültig abgefahren ist.
Die Übersetzung kommt reichlich spät
Meg Wolitzers Thema ist also durchaus aktuell und relevant. Allerdings taugen ihre Protagonistinnen, die Freundinnen Amy, Roberta, Jill und Karen, nur bedingt als Identifikationsfiguren. Und das liegt auch daran, dass der Roman erst zehn Jahre nach der Veröffentlichung in den USA in Deutschland erscheint. Zu spät.
Und so entwickelt die Geschichte der vier Mitvierzigerinnen, Akademikerinnen, Künstlerin, Finanzexpertin, stellenweise beinahe den Charme einer Erzählung aus dem vergangenen Jahrhundert. Man kann sich in das Thema hineinversetzen – aber es betrifft einen kaum persönlich. Zu sehr entsprechen die vier dem Klischee der Latte-macchiato-trinkenden Mütter, die einerseits ihren geplatzten Träumen nachtrauern, aber eigentlich, wenn sie ehrlich sind, ganz froh sind, sich nicht dem beruflichen Stress aussetzen zu müssen.
Die apolitischen Töchter
„Die Zehnjahrespause“ ist ein Roman über moderne Frauen, über New York und eine akademische Mittelschicht, die sich das Leben in der Metropole kaum leisten kann. 2008, als „The Ten Year Nap“ im Original erschien, waren die Terroranschläge des 11. September 2001 noch sehr präsent, die Finanzkrise entfaltete gerade ihre volle Wucht in Amerika.
Im Mittelpunkt des Romans steht Amy Lamb. Als junge Anwältin hat sie Ehemann Leo in der Kanzlei kennengelernt. Während er Karriere macht und ackert, damit sich die Familie teure Schulgebühren und eine völlig überzogene Miete in Manhattan leisten kann, ist Amys einzige Aufgabe der inzwischen zehnjährige Sohn Mason. Zum Entsetzen ihrer Mutter, Autorin historischer Frauenromane und Vorkämpferin des Feminismus. Die sieht ihre Sache verraten von der Töchter-Generation, die sich klaglos wieder einfügt in alte Rollenbilder.
Statt gemeinsam für bessere Rahmenbedingungen in der Arbeitswelt zu kämpfen, machen es sich bei Meg Wolitzer diesmal die Frauen in Ehrenamt und Teilzeitjob bequem.
Lesezeichen
- Meg Wolitzer: „Die Zehnjahrespause“, Übersetzung Michaela Grabinger, Dumont Buchverlag, 2019, 414 Seiten, 24 Euro, ISBN 978-3-8321-8107-9.