Lothringen
Im „Macherland“ der Kreativen von Metz
Die sogenannte Kreativwirtschaft wird für viele Städte zu einem immer wichtigeren Faktor. Auch im lothingischen Metz ist dies der Fall. Dort ist im ehemaligen Depot der städtischen Verkehrsbetriebe an der Avenue de Blida ein „Zentrum der Möglichkeiten“ entstanden. Wo einst Omnibusse in Reih und Glied standen, tummeln sich nun auf rund 30.000 Quadratmeter Start-Ups, Programmierer, Kunsthandwerker, digitale Entwickler, Grafiker, App-Designer, Szenographen oder Videofilmer.
Die Corona-Pandemie hat dem lebhaften Treiben dieser rasch erfolgreichen neuen Einrichtung mit Namen „Bliiida“ ein vorläufiges Ende gesetzt. Mittlerweile ist sie wieder geöffnet. Es geht weiter – vorsichtig.
Co-Working-Space mit Gemüsegarten
„Wir haben in dieser Zeit vor allem virtuell gearbeitet, Online-Workshops angeboten und ähnliches. Es gab sehr viele Solidaritätsaktionen“, berichtet Virginie Joalland, die Kommunikationsbeauftragte von Bliiida. Schließlich war und ist die Region Grand Est von der Pandemie besonders stark betroffen.
Es gibt auf dem Areal ein You-Tube-Haus, ein Quartier für digitale Innovationen, einen Gemüsegarten, Co-Working-Spaces, einen Konzertraum und regelmäßig Festivals, die derzeit natürlich nicht stattfinden können. Kooperationen unterhält man mit dem in Metz angesiedelten Centre Pompidou ebenso wie mit künstlerischen Einrichtungen in Straßburg. Rund 150 vorwiegend junge Menschen, oft gerade von der Uni gekommen, und 85 Start-Ups sind in das Projekt mit seinem äußerlichen 70er-Jahre-Beton-Chic eingebunden.
Jeder darf mitmachen
„Hier hat man kreativen Spielraum. Jeder kann seine Ideen verwirklichen und sich mit anderen vernetzen“, begeistert sich Gautier Raguenaud, zuständig für innovative Projekte bei Bliiida. Auf dem Areal gibt es Engagierte, die Food-Sharing respektive eine Foodbank betreiben und Lebensmittel retten. Es existiert ein Team, das „Upcycling“ betreibt. Dies bedeutet, dass aus Metall, Schrott oder anderen Materialien, die ihr Leben längst ausgehaucht haben, neue Dinge hergestellt werden.
Wer möchte, kann sich vor Ort 3-D-Drucker, CNC-Fräsen oder Laser-Scanner ausleihen, um etwas herzustellen. Dafür gibt es ein Projekt, das „Makerland“ heißt und zu dem auch die Bevölkerung eingeladen ist. „Jeder kann hier mitmachen. Solange er seine Ideen teilt, egal, ob er etwas repariert oder etwas Neues erschafft“, betont Raguenaud.
Dann eben virtuelle Workshops
Eher zum klassischen Kunsthandwerk zählen dagegen Jennifer Gaspary und Anais Chappron. Erstere ist Designerin. Ihre Mission: Sie arbeitet mit Beton und gestaltet aus dem Material überraschend fragile Lampenschirme. „Beton ist ein spannender Werkstoff. Ich schätze die Haptik“, sagt die junge Frau mit dem Pferdeschwanz. Anais Chappron wiederum ist vom klassischen Jugendstil aus dem nahen Nancy inspiriert. Sie ist Töpferin und liebt organisches Design. „Das wirklich gute an Bliiida ist, dass ich mit so vielen anderen Handwerkern und Künstlerin in Kontakt komme. Wir machen gemeinsam Ausstellungen und – wir sind sichtbar. Das heißt, wir arbeiten nicht im stillen Kämmerlein, sondern tauschen uns aus und bieten Workshops an. Das sind erfreuliche Kollaborationen mit anderen Menschen“, erklärt die Lothringerin, die aktuell gerade virtuelle Workshops anbietet.
Ein weiterer Kreativer ist Yannick Neuvillers, der mit Holz arbeitet, das vorwiegend aus der Region Moselle stammt. Früher baute er auch Bühnenbilder für das Opernhaus von Metz. Sein Ziel: atypische Möbel, welche die gängigen Codes brechen, herzustellen.
Inspiration, Innovation, Intelligenz
Treffpunkt für sie alle ist die Kantine, die von den Bliiida-Akteuren selbst gestaltet wurde. Das Angebot umfasst hier vorwiegend Bio-Mahlzeiten. Auf dem fabrikartigen Areal stößt man indes immer wieder unerwartet auf Skulpturen und Kunst-Objekte. Währenddessen schrauben einige Leute an klassischen Arcade Games aus den 1980er Jahren und alten Flippergeräten.
Die drei iii im Namen von Bliiida stehen im Übrigen für Inspiration, Innovation und kollektive Intelligenz, klärt Raguenaud auf – angelehnt an die Adresse in der Avenue de Blida. „Wir verbinden hier Kunst und Technologie. Kultur- und Kreativwirtschaft finden auf diesem Gelände zusammen. Die Zeiten in denen Städte sich ausschließlich über ihre industrielle Geschichte definieren, sind vorbei. Wir möchten gemeinsam spannende neue Dinge entwickeln“, erklärt der Projektmanager.
Von Europa gefördert
Sein Team verfügt über ein jährliches Budget von rund 1,8 Millionen Euro. Subventioniert wird das Projekt von der Stadt Metz, der Region Grand Est und dem Interreg-Programm der EU. Rund ein Viertel des Budgets wird selbst erwirtschaftet. Entstanden ist die Idee bei der „Nuit blanche“, der weißen Nacht, einem Kunst-Festival das vor einigen Jahren rund 60.000 Menschen auf das Areal zog.
Das Gelände ist keine zehn Minuten entfernt von der Innenstadt mit ihrer Kathedrale, die in diesem Jahr ihren 800. Geburtstag feiert. Jeder Künstler, der einen Platz bei Bliiida gefunden hat, kann ein Jahr bleiben, ohne einen Obulus zu entrichten. Stattdessen erbringt er eine Gegenleistung mit seinem Savoir-faire. Dann muss er weiterziehen und Platz für neue Projektideen machen. Start-Ups dagegen zahlen eine geringe Miete. Festivals wie „Futuroklatsch“, „Fabrik der Technonauten“ oder Veranstaltungen wie „Makerland“ sorgten in der Vergangenheit für regen Austausch. Und nun soll es so oder vielleicht auch etwas anders weitergehen. Man ist ja schließlich kreativ!