Literatur RHEINPFALZ Plus Artikel Im Bulli durch Kanada und die USA: „Volkswagen Blues“ von Jacques Poulin

Der Roman beginnt auf der Gaspé-Halbinsel in Québec.
Der Roman beginnt auf der Gaspé-Halbinsel in Québec.

Die französischsprachige Literatur Kanadas ist in Deutschland weit weniger bekannt als die englischsprachige. Abhilfe sollte die Buchmesse leisten, deren Gastland 2020 Kanada war. Bekanntlich musste der große Auftritt ausfallen, und ob er 2021 nachgeholt werden kann, ist ebenfalls fraglich. Aber die Bücher aus Kanada, sie sind ja da. Und so lässt es sich beispielsweise mit Jacques Poulins Roman „Volkswagen Blues“ bestens im Geiste durch die Weite des Landes streifen.

Schon 1984 ist der Roman des heute 83-jährigen Autors in Kanada erschienen, führt also in eine Welt ohne Mobiltelefone und Internet. Und in eine Zeit, in der sich das Land noch gar nicht so sehr seiner Verantwortung gegenüber der indigenen Bevölkerung bewusst war. Statt von „First Nations“ war noch von Indianern die Rede. Und da hierzulande die Historie Kanadas nun wahrlich keine exponierte Rolle im Schulunterricht einnimmt, dürfte sich so mancher Leser und so manche Leserin gern zusammen mit den beiden Protagonisten dieser Unbekannten nähern.

Das Rätsel der „Großen Heuschrecke“

„Volkswagen Blues“ ist eine Reiseerzählung: Ein etwa 40-jähriger Schriftsteller aus Québec macht sich auf, um seinen Bruder zu suchen, zu dem der Kontakt schon lange abgerissen ist. Im alten VW-Bulli tuckert dieser „Jack Waterman“ los, ohne allzu großen Plan. Und trifft bald auf eine junge Frau, ohne die er wohl nie weiter gekommen wäre. Namenlos ist diese praktischer veranlagte Automechanikerin zunächst, nur „das Mädchen“ oder „Große Heuschrecke“ genannt. Erst als sie sich besser kennen, offenbaren sie einander ihre eigentliche Identität: Jacques heißt der Autor in Wahrheit, Pitsémine die großgewachsene junge Frau, die (fast) immer barfuß mit ihm mitreist ins Unbekannte. Sie ist die Tochter eines weißen Lastwagenfahrers und einer Angehörigen der Innu. Und es geht denn auch um die Frage, wer man denn ist und was das Selbstverständnis ausmacht, vor allem das kulturelle.

Nur langsam kommen die zwei voran, schon Québec ist groß. Und es gilt ja, in Museen, Büchereien oder Postämtern zu suchen, schließlich kann man noch nicht googeln. Außerdem geht es ohnehin weniger um die Suche nach dem Bruder als darum, sich in langen Gesprächen anzunähern. Und voneinander zu lernen. Jack ist angetan von den vermeintlichen Heldentaten der französischen „Entdecker“ Neu-Frankreichs wie „Champlain, Etienne Brulé, Jean Nicolet, Radisson, Louis Jolliet und Pater Marquette, Cavalier de La Salle, d’Iberville und La Veréndrye“. Namen, die Pitsémine verärgern und traurig machen. Oder er erzählt von den „Voyageurs“, den paddelnden Pionieren, die sie immerhin im „Umgang mit den Indianern halbwegs akzeptabel“ findet, „gemessen an den damaligen Sitten“.

Die Reise endet in San Francisco

Bis nach San Francisco reist das ungleiche Duo, unterhält sich dabei über Musik und Literatur – der Roman macht etwa Lust, die Schriftstellerin Gabrielle Roy zu entdecken, von der beide schwärmen. Vor allem aber geht es um die weiße Besiedlung Nordamerikas – aus ihren jeweils unterschiedlichen Perspektiven.

Eine anregende, wenn auch gegen Ende melancholische Lektüre in schnörkelloser Sprache, die auch noch ein wenig den Geist der Beatniks atmet. Auch Poulins Vorbild Hemingway kommt in den Sinn. Und ein Buch, das die Leser auf fast jeder Seite dazu verleitet, einen erwähnten Ort, eine historische Figur, ein geschichtliches Ereignis, einen Autor – mit Freude – nachzuschlagen. Um im Geiste mitzureisen.

Lesezeichen

  • Jacques Poulin: „Volkswagen Blues“; aus dem Französischen von Jan Schönherr; Carl Hanser Verlag; 256 Seiten; 23 Euro.
Mehr zum Thema
x