Hip-Hop RHEINPFALZ Plus Artikel „Ich möchte positive Vibes aussenden“: Am Freitag erscheint Jan Delays neues Album

Möchte sich nicht von schlechten Dingen runterziehen lassen, sondern daraus schöpfen: Jan Delay.
Möchte sich nicht von schlechten Dingen runterziehen lassen, sondern daraus schöpfen: Jan Delay.

Auf „Earth, Wind & Feiern“, seinem fünften Soloalbum , badet „Beginner“ -Sänger Jan Delay geradezu in handgemachten Rhythmen . Vor allem aber will er gute Laune verbreiten. Ein Gespräch über das Vatersein, Knastbesuche und Verschwörungstheorien in der Hip-Hop-Szene.

Jan Delay, wie ist es, in Zeiten von Corona Musik zu machen?
Die Platte „Earth, Wind & Feiern“ war drei Tage vor Corona fertig. Dann kam noch Marteria vorbei, hat seinen „Eule“-Part eingerappt und ist anschließend nach Venezuela geflogen. Und in der Woche, als wir den Vorverkauf starten wollten, ging die Scheiße los. Nach zwei Monaten wurde mir klar, dass man auf absehbare Zeit keine Konzerte wird geben können. Für mich ist es hart, dass ich jetzt nicht mit den Leuten zusammen die Songs feiern kann. Sie laufen auch nicht in Clubs. Mal gucken, ob man das mit neuen Ideen kompensieren kann.

Was macht Ihnen in dieser Zeit gute Laune?
Musik zum Beispiel. Ich wollte eine positive Platte mit guten Vibes machen, um all die beschissenen Sachen angehen zu können. Das hilft. Ein Argument mehr für mich, gerade diese Platte rauszuhauen. Die Zeile „Es sind finstere Zeiten, aber das muss gar nicht sein“ aus dem Intro habe ich übrigens vor Corona geschrieben.

Hatten Sie von Anfang an eine Vorstellung von dem Sound der neuen Platte?
Wir wollten uns diesmal keine Genre-Handschellen anlegen. Wir haben einfach die Musik gemacht, auf die wir Bock hatten und geschaut, was daraus wird. Positive Vibes und gute Energie. Uplifting Music halt. Das heißt nicht, dass ich nicht über ernste Themen reden will, aber man soll daraus etwas schöpfen und nicht runtergezogen werden. Ich hatte auch mal wieder Lust auf Reggae, Dancehall, Trap und Afrobeat. Wenn ich mit meiner Band Rhythms aufnehme, schmeiße ich am Ende eher die Live-Drums raus und programmiere neue drunter. Funk- oder Boogie-Nummern dicken wir an, damit es clubmäßig klingt. Der rote Faden war, alte Musiken ins Hier und Jetzt zu holen.

Der Titel „Earth, Wind & Feiern“ ist eine Anspielung auf die Band Earth, Wind & Fire. Zeilen wie „Mucke aus den USA, Karibik und Afrika, ich ess’ nur rote Paprika und baue noch ’nen Klassiker“ drücken Ihre Wertschätzung für schwarze Soul-, Funk- und Reggaemusik aus.
Earth, Wind & Fire ist eine der besten Bands aller Zeiten. Ich höre eigentlich nur schwarze Musik, das kommt von der Plattensammlung meiner Eltern. Madonna und Udo Lindenberg finde ich immer noch super, aber die haben letztendlich auch schwarze Musik gemacht. Ich habe ihr alles zu verdanken. (lacht)

Eine neue Bewegung gegen kulturelle Aneignung richtet sich gegen eine klischeehafte Darstellung eines Milieus und einer Kultur, der man nicht selbst angehört. Dürfen Weiße schwarze Musik machen?
Ich kann verstehen, dass man keine anderen Kulturen ausbeuten soll. Das tue ich auch nicht, weil ich schon mein ganzes Leben lang mit Liebe und Leidenschaft Musik mache. Ich versuche auch immer, etwas zurückzugeben. Deshalb stehe ich Cultural Appropriation (deutsch: kulturelle Aneignung) vorsichtig gegenüber. Das, was mich initial umgehauen hat, war Hip-Hop. Genauso wie Hip-Hop von vornherein antirassistisch ist, ist er nach allen Seiten offen. Du brauchst keinen Status, kein Geld und auch keine besondere Herkunft, um diese Musik zu machen. Du brauchst nur einen Zettel, einen Stift und Talent. Dabei bedienst du dich überall, wo du willst. Das würde ja Cultural Appropriation komplett im Wege stehen. Deshalb funktioniert dieses Prinzip für mich als Old-School-Hip-Hopper nicht. In meinem Song „Spaß“ schildere ich, wie es ist, im Alltag der besorgten Bürger unterwegs zu sein. Dort gibt es nichts, was aus dem Ausland ist. Das ist tierisch langweilig, ätzend und trist. Ich möchte bitte gerne viel Cultural Appropration in meinem Leben haben!

Woher kommt der Hass der „besorgten Bürger“ auf alles Fremde?
Das habe ich mich auch schon als Kind gefragt, als wir in der Schule über Nazis geredet haben, die 1933 an die Macht gekommen sind. Wieso haben die damals die Juden so gehasst? Das konnte ich noch nie verstehen. Man sollte nie aufhören, sich damit in der Kunst auseinanderzusetzen, in welcher Form auch immer. Dieses Zersplittern, das wir gerade erleben, ist auf Facebook zurückzuführen. Auf der Rockplatte, auf die keiner Bock hatte, war der Song „Scorpions Ballade“. Er dreht sich darum, dass alles verschwimmt. Wo sind meine Feinde, wo sind meine Freunde? Das ist noch mehr vorangeschritten durch Facebook. Besserverdiener-Ökos mit Jack-Wolfskin-Klamotten, Esoterik-Impfgegner und latente Nazis der Identitären Bewegung demonstrieren heute Hand in Hand gegen den Mundschutz. Was geht da ab?

Auch in der Hip-Hop-Szene kursieren Verschwörungstheorien. Als Beweis für die angebliche Flachheit der Erde führte der Rapper Olexesh in einem Interview mit hiphop.de an, dass alle Nasa-Aufnahmen „mit Fischauge gedreht“ werden würden. Würden Sie mit Kollegen ernsthaft über dergleichen diskutieren wollen?
Wenn einer von den Rappern, die ich gut kenne, solche kruden Sachen sagt, würde ich mit ihm diskutieren, weil es mir wirklich wichtig ist. Aber bisher hat noch keiner von denen, deren Nummer ich hier in meinem Handy habe, behauptet, dass die Erde eine Scheibe sei. Aber Alter, im Moment will ich gar nichts ausschließen!

Zurück zu Ihrer Platte: Funk und Soul sind heute so vital wie lange nicht mehr. Aber haben die ihre Radikalität und ihr innovatives Potenzial vor lauter Nostalgie nicht längst verloren?
Das Radikale kam zum Beispiel auf meiner Reggae-Platte „Searching For The Jan Soul Rebels“ viel mehr zum Glänzen. Aber jetzt möchte ich eher positive Vibes aussenden, weil wir im Moment genug Scheiße um uns herum haben, um die wir uns wirklich kümmern müssen. Musik kann gute Laune machen und Energie erzeugen. Damit kann man Taten vollbringen. Die Innovation ist mir bei Jan Delay einfach egal. Für mich als Pop-Fan ist sie eine der langweiligsten Sachen, die es gibt. Sehr abschreckend. Die Eagles Of Death Metal darf man eigentlich nicht mehr hören, aber ich liebe ihren Song „Wannabe in LA“. Aber dann kommt da dieses abgefuckte Solo. Immer wenn es zu gefällig wird, muss etwas folgen, das alles rumreißt. Leute, ihr habt so einen schönen Song, warum müsst ihr da jetzt mit eurer abstrakten Innovation kommen! Innovation ist nur geil, wenn es wie bei Billie Eilish wirklich um neue Sounds geht.

Sind Sie ein Klang-Nerd?
Volles Brett! Ich bin ja selber der Producer, zusammen mit Tropf und Fiji Kris von KitschKrieg. Alle guten Produzenten sind Nerds

In „Zurück“ singen Sie darüber, wie es ist, sich immer wieder von Ihrer Tochter verabschieden zu müssen, wenn Sie auf Tour gehen. Erleben Sie das Vaterdasein jetzt, wo keine Konzerte möglich sind, besonders intensiv?
Ja, es ist wunderschön. Die totale Entschleunigung gepaart mit dem totalen Beisammensein. In der Wohnung mit seiner Familie im Hier und Jetzt zu sein ist viel größer als die Krise da draußen. Man geht nur einmal die Woche in den Supermarkt, weil man denkt, dass man beim Deokaufen tot umfällt. Ich war noch nie so lange am Stück mit meiner Tochter zusammen. Ich habe auch gemerkt, wie viel Zeit Hausarbeit kostet. Ich habe zum Beispiel angefangen, Brot zu backen.

Info

  • Jan Delay: Earth, Wind & Feiern (Universal), erscheint am Freitag;
  • Live sind Jan Delay & Disko Nr. 1 am 12. Juli in Wiesbaden beim Strandkorb Open Air zu hören.

Zur Person:

Geboren wurde Jan Delay am 20. Februar 1976 in Hamburg-Eppendorf als Jan Phillip Eißfeld. Noch als Gymnasiast gründet er mit DJ Burn, Nabil Sheikh, Mirko und Platin Martin die Hip-Hop-Formation Absolute Beginner. Ihr stilprägendes sozialkritisches Album „Bambule„ (1998) verkauft sich bis heute 250.000 Mal. Der Nachfolger „Blast Action Heroes“ steigt auf Platz 1 der Media Control Charts. Seit 2001 hat der Rapper Jan Delay fünf Soloplatten mit Elementen wie Hip-Hop, Reggae, Soul, Rock und Funk eingespielt und eroberte dreimal die Spitze der Charts. Der preisgekrönte Künstler arbeitete mit Udo Lindenberg zusammen, unterstützt Oxfam und wettert regelmäßig gegen die Macht großer Konzerne. Jan Delay wurde 2014 Vater einer Tochter und pendelt zwischen Hamburg und Berlin.

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