Premiere
Huxley-Klassiker „Schöne, Neue Welt“ am Lauterer Pfalztheater
Als der Brite Huxley im Sommer 1931 seinen Roman „Schönen Neue Welt“ schreibt, hat er vor allem die kapitalistische Konsumgesellschaft der Vereinigten Staaten vor Augen. Anders als in Orwells Dystopie „1984“ funktioniert die Gleichschaltung der Gesellschaft nicht vorrangig durch Zwang, sondern durch Bedürfnisbefriedigung und Akzeptanz. Und so scheint Huxleys gesellschaftliche Utopie auf den ersten Blick auch gut zu funktionieren.
Quasi im Reagenzglas werden Menschen gezüchtet, eingeteilt in Kasten von Alpha bis Epsilon. Sie folgen ihrer Bestimmung weitgehend geräuschlos – die Alphas regieren, die Epsilons machen die Ausputzer, denken können müssen sie dabei nicht. Und selbst bei den oberen Schichten dreht sich alles nur um einen geregelten Arbeitstag, danach eine gezielte Einnahme von Glücksdrogen, den Besuch diverser Freizeitvergnügungen und – ganz wichtig – eine grenzenlose Kopulation. Monogamie war gestern. Und ist in der schönen, neuen Welt den Wilden vorbehalten.
Zoobesuch einmal anders
Diese leben als Relikte in einem Reservat nach traditionellen Regeln und Werten. Sie werden des Öfteren von Alphas besucht und bestaunt – Zoobesuch einmal anders. Dabei kommt es, wie es kommen muss: Das Aufeinandertreffen der Kulturen führt zu gegenseitigen Verwicklungen, in deren Verlauf ein Wilder namens John der hochtechnisierten Zivilisation die Maske vom Gesicht reißt. Was allerdings nichts an seinem unausweichlichen, tragischen Ende ändert.
Krzysztof Minkowski spitzt in seiner gestrafften Bühnenfassung, die am Pfalztheater ganze 70 Minuten dauert, die weitaus umfangreichere und vielschichtigere Romanvorlage auf den zentralen Konflikt der beiden Welten zu. Dabei nutzt er die durch den Wasserschaden entstandene räumliche Misere geschickt: Auf der neuen, kleinen Bühne im unteren Foyer inszeniert er die moderne, die schöne neue Welt. Das Reservat findet sich dagegen im oberen Foyer. Und so muss – oder vielmehr darf – sich das 80-köpfige Publikum in Bewegung setzen, um im Obergeschoss die Wilden hautnah zu erleben. Das Spiel mitten im Publikum bringt dabei unheimlich viel Nähe, die vier Akteure vermitteln ihre Charaktere unmittelbar und eindringlich.
Publikum unter Drogen
Aber auch im unteren Foyer umspielen Anne Mareen Rieckhof, Robert Flanze, Nicolas Handwerker und Lukas Jakob Huber die Zuschauer regelrecht – bestäuben es mit der Glücksdroge Soma oder winden sich an den Seiten oder im Hintergrund der Stuhlreihen in ihren Emotionen. Und derer hat die Inszenierung viele. Von tiefster Verzweiflung über ebensolche Verwunderung bis zur Hybris und zur reinen Geilheit reicht der Bogen der Gefühle, die das Quartett glaubhaft vermittelt.
Die Übertragung des Stoffes in unsere Tage funktioniert zuallererst über die technischen Motive der Inszenierung. So spielen sich Teile der Handlung unsichtbar hinter der Bühne ab oder werden mittels Bildschirm übertragen – all die seligen und unseligen Schaltkonferenzen, die in den vergangenen Pandemiejahren so vehement zugenommen haben, scheinen herauf. Ansonsten hält sich die Inszenierung interpretatorisch zurück; nur an einer Stelle gendert eine Figur und spielt damit auf eine aktuelle Debatte an.
Plädoyer für die Freiheit
Minkowski überlässt es vielmehr dem Zuschauer selbst, seine Schlüsse und Parallelen zu ziehen, etwa zu einer Gesellschaft, deren Meinungskorridor sich immer weiter verengt, die mit abweichenden Standpunkten immer größere Schwierigkeiten hat und in der Toleranz und Freiheit als Werte immer weiter zurückstehen hinter einer (vermeintlichen) Sicherheit und (staatlicherseits) betreutem Denken. Und so wird die heftige Diskussion zwischen dem Alpha-Chef und John zur zentralen Szene. Sein Plädoyer für Freiheit und Menschlichkeit ergreift tief und enttarnt den schönen, neuen Weltstaat als das, was er ist: Totalitarismus in Reinform. Insofern hat die Botschaft des Stückes nichts von ihrer Aktualität verloren. Im Gegenteil.
Termine
28. Mai, 7., 9., 15., 18., 19., 26. Juni, 15. Juli; Karten unter www.pfalztheater.de und 0631 3675-209.