Buch
Hugo Hamiltons Roman „Palmen in Dublin“ erzählt von irisch-deutschen Befindlichkeiten
Hugo Hamilton, 1953 in Dublin geboren, ist Kind eines Iren und einer Deutschen. Er hat neun autobiografisch grundierte, in Deutschland sehr erfolgreiche Romane geschrieben, und es gibt keinen unter ihnen, der nicht einen Sprachkonflikt, den Zusammenstoß von Kulturen und die dadurch entstehenden Familienprobleme thematisiert hätte.
„Palmen in Dublin“, sein neuestes Werk, macht da keine Ausnahme. Dessen namenloser Ich-Erzähler ist zur Zeit der Handlung, aus der er immer wieder in die Vergangenheit springt, Mitarbeiter eines Kulturinstituts, das sowohl traditionelle irische Musik als auch die lange unterdrückte gälische Sprache fördert. Vor dem Gälischen jedoch, das der Anti-Held im fortlaufenden Text als „Geistersprache“ bezeichnet, hat er Angst wie einst vor seinem Vater, der gewalttätig wurde, wenn sein Sohn sie im Alltag nicht benutzte und stattdessen lieber Deutsch oder Englisch sprach.
Furien der Kindheit
Verheiratet mit Helen, einer ehemaligen Schauspielerin, und liebevoller Papa zweier kleiner Mädchen, scheint ihn das Archiv der gälischen Stiftung, das er betreut, denn auch krank zu machen. Der Keller vielmehr, in dem er arbeitet: ohne Tageslicht und den Furien seiner Kindheit ausgeliefert. In seinen immer wieder heftig ausbrechenden Zahn- und Rückenschmerzen sieht er einen psychologischen Hintergrund und legt den Lesern nahe, den Grund für seine Leiden in seiner ureigenen Zerrissenheit zu suchen.
Was Hamilton eindrücklich zeigt, ist, wie sich im Leben jedes Individuums die ganze Weltgeschichte spiegelt, eingeschlossen der deutschen und irischen Verwandtschaft, mit der die kleine Familie Kontakt hat. In einer gleichsam vom Hölzchen auf Stöckchen kommenden Suada, die freilich niemals langweilig oder gar überwältigend wirkt, lässt der Autor seinen Anti-Helden vermeintlich aberhunderten von Verästelungen nachgehen. Immer neue Abzweigungen tun sich auf in der Biografie seiner aus Prag stammenden Mutter, die zum Widerstand gehörte und von den Deutschen gefangen genommen wird, in der seines Vaters, der ein unbeirrbarer IRA-Kämpfer war, den Lebensläufen seiner Schwiegermutter, die nach Kanada ausgewandert ist, seiner Onkel und Tanten, die sich bei Familienfesten einfinden.
Berliner Episoden
Dadurch, dass er mit Helen ein paar Jahre in Berlin gelebt hat, wächst sogar Berlin eine Rolle zu, samt Mauerfall und Wiedervereinigung. Auch von den vielen Freunden, die nach der Rückkehr des Ehepaars nach Dublin und Helens Gründung eines Yoga-Cafés wieder auftauchen, besitzt jeder seine eigene Geschichte, die erzählt werden will. Hamiltons autofiktionaler Stellvertreter kann sich nicht wehren gegen die auf ihn einstürzende Realität, deren Erweiterungen ihrerseits Rattenschwänze von kaum zu bewältigenden, aber immerhin vergnüglich zu lesenden Anekdoten mit sich bringen.
Ungefähr in der Mitte des Romans beginnt sich dann ein Schuldendrama von kafkaesken Ausmaßen zu entwickeln. Der Ich-Erzähler, der seine Stelle gekündigt hat, und seine Frau, die sich sowieso nicht um Finanzen kümmert, haben über ihre Verhältnisse in ihr neues Leben investiert. Die Gläubiger aber wollen sich nicht gedulden. Die von allen Seiten drohenden Geldforderungen schnüren dem Paar nun die Luft ab. Der Anti-Held, der sich allmählich zum Helden wandelt, überwindet jedoch nicht nur die existenzielle Krise, in der er steckt, sondern wird auch zum Schriftsteller, der – endlich, endlich – über alles sprechen, respektive schreiben kann, wovon er früher immer nur schweigen konnte.
Um Palmen geht es auch
So kann, wer mag, in Hamiltons Roman „Palmen in Dublin“ dem Wachsen des Romans selbst zusehen, wobei die wegen des Golfstroms in Irland so gut gedeihenden Palmen immer wieder ihre spezielle Erwähnung finden. Kein Zweifel, dies ist ein anrührendes, wunderbar luzide geschriebenes Buch, das der Verlorenheit die Liebe entgegensetzt. Ohne Sentimentalität, aber – man traut es sich kaum zu sagen – mit viel Herz.
Lesezeichen
- Hugo Hamilton: „Palmen in Dublin“; aus dem Englischen von Henning Ahrens, Luchterhand; 286 Seiten; 22 Euro