Kultur Hintergrund: Lust am eigenen Untergang? – Wie Kinos die Zusammenarbeit mit Netflix einschätzen

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Der Streamingdienst Netflix rechnet für seine Produktion „Roma“ mit dem Oscar. Voraussetzung dafür ist ein Kinostart. In den USA läuft „Roma“ deshalb, wie es die Regeln verlangen, eine Woche in einem Kino im Los Angeles County, um nominiert werden zu können. Dass Netflix den Film auch in Europa ins Kino bringt, ist eine andere Sache. Es geht nicht nur darum, den Ruf als besserer Kinoproduzent zu etablieren, es geht um knallharte Ökonomie. In Europa versucht Netflix, das sogenannte Kinofenster (Erstfenster) auszuhebeln: die Zeit, die laut Gesetzen und Vereinbarungen verstreichen muss zwischen Kinostart und Verwertung im Fernsehen, auf DVD, im Internet. Acht Tage Vorsprung gibt Netflix „Roma“ im Kino statt der üblichen 70 bis 90 Tage. In Frankreich sind sogar sechs Monate Warten Pflicht – dort biss Netflix auf Granit: Kein einziges Kino spielt „Roma“. In Deutschland sieht das anders aus. Netflix schrieb Kinoketten und einige einzelne Kinos an. Es diktierte die Spieldaten – 6. bis 12. Dezember, ab 14. Dezember läuft der Film für Netflix-Abonnenten im Stream. Auch ließ sich Netflix zusichern, keine Besucherzahlen zu veröffentlichen, da der Dienst grundsätzlich nicht über Nutzungszahlen informieren will. Cinemaxx sagte ab, Cinestar zu, aber nicht für alle seine 38 Kinos, nur für die Hälfte – Ludwigshafen etwa ist nicht dabei. Bundesweit spielen 38 Kinos „Roma“, darunter nur acht Arthouse-Kinos, für deren Publikum der Film gemacht ist, der nur im Original mit Untertiteln gezeigt wird. „Wir haben uns bei Netflix gemeldet, weil wir den Film unserem Publikum nicht vorenthalten wollten“, sagt Oliver Lebert, Co-Betreiber des Kinos Filmwelt in Grünstadt, dem einzigen Pfälzer Kino, das „Roma“ zeigt. Dass der Vorsprung des Kinos gegenüber Streaming unterlaufen wird, sieht er zwar auch, „aber ,Roma’ gehört zu den Filmen, die sonst gar nicht ins Kino gekommen wären“, meint er. „Man muss ,Roma’ nicht, wie üblich, drei Wochen spielen, wenn man ihn zum Bundesstart hat. Netflix bietet flexibel einzelne Vorstellungen an. Man muss da Abstriche machen und darf sich neuen Partnern nicht verwehren, man muss ihnen eine Chance geben. Wir machen es auch nur an einem Tag, als Event.“ Hinzu komme, dass das Gros der Zuschauer des Grünstadter Kinos kein Netflix-Abo habe, so Lebert. Die Arthouse-Kinos der Pfalz, das Union in Kaiserslautern und das Provinzkino in Enkenbach spielen „Roma“ nicht, so Geschäftsführer Stefan Sprengart. Sie sind Mitglied der AG Kino, der über 300 Filmkunst- und Programmkinos angehören. Die AG Kino empfahl ihren Mitgliedern im September bei der Filmkunstmesse in Leipzig, Netflix-Filme nur zu den üblichen Kinobedingungen (also mit einem größeren Zeitabstand zwischen Kino- und Streamingstart) zu zeigen. Er habe einen Anruf von Netflix bekommen und abgesagt, sagt wiederum Michael Krane, der in Saarbrücken eines der größten Filmkunstkinos Deutschlands (Camera zwo sowie Filmhaus mit zusammen sieben Sälen) betreibt. Dass bundesweit auch Arthouse-Kinos „Roma“ spielen, kommentiert er so: „Einige gefallen sich wohl in der Lust am eigenen Untergang.“ Hintergrund ist, dass das Geschäftsmodell von Streamingdiensten wie Netflix nicht auf Zusammenarbeit mit Kinos ausgerichtet ist, sondern darauf, Kunden mit Abos an sich zu binden. Die Kinos sehen in den Streamingdiensten einen wesentlichen Faktor für den Rückgang der Besucherzahlen. Netflix hat auf die Bitte um eine Stellungnahme zum Kinostart von „Roma“ nicht geantwortet. | Andrea Dittgen

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