Serie
Hinfallen und aufraffen – Trostmusik (Teil 13): „Lamentations“ von American Aquarium
Das soll Trostmusik sein? Eine CD, die „Lamentations“ heißt – Klagelieder? Auf dem Cover ein Gesicht, tief in zwei Hände vergraben, über die Tränen fließen? Ja! BJ Barham, Sänger, Gitarrist und Kopf von American Aquarium weiß, wie es sich anfühlt, ganz unten zu sein und wieder aufzustehen. Sei es wegen der schweren Alkoholsucht, die er überwunden hat, sei es wegen der Liebe. Bei „I Hope He Breaks Your Heart“ singen alle Fans mit – ob frisch verliebt oder frisch verlassen: „Ich hoffe, er bricht dir das Herz. Ich hoffe, du weinst die ganze Nacht. Und ich hoffe, dir geht’s dann so wie mir jetzt.“
Rockmusik mit Einflüssen aus Folk und Country
Alternative Country nennt sich diese Musik. Rockmusik mit Einflüssen aus Folk und Country und mit Punk-Attitüde. Als würde Bruce Springsteen mit The Clash Songs spielen, die Johnny Cash von Woody Guthrie gelernt hat. Mit „Lamentations“ gelang American Aquarium ein Meilenstein. Es ist ihr bestes Album, eine der besten CDs 2020 und eine der besten des gesamten Genres. Dabei wollte sich die Band schon auflösen. „Burn. Flicker. Die“ sollte 2012 ihr Abschiedsalbum werden. Brennen, flackern, sterben. Es wurde so erfolgreich, dass sie weitermachten. 2020 hätte das getoppt, doch dann schlug Corona zu. Die Band saß im Frühjahr auf einem Meisterwerk – und konnte es nicht live spielen.
Hinfallen, aufstehen. Diese Gegensätze ziehen sich wie ein roter Faden durch das Werk der Band. Auch weil BJ Barham aus North Carolina kommt, einem der Südstaaten der USA. Um seine Heimat und die Menschen von dort geht es in vielen American Aquarium-Songs, aber Barham glorifiziert den Süden nicht, im Gegenteil. Er steht aber stets auf der Seite der Underdogs, der Unterprivilegierten. Ja, das sind die, die Donald Trump gewählt haben, dessen Politik Barham verabscheut. Aber er versteht, wie Trump gewählt werden konnte, etwa in dem vier Jahre alten „Tough Folks“: „Letzten November hab’ ich selbst gesehen, was Verzweiflung mit anständigen Leuten macht.“
Menschen, die ihren Glauben verloren haben
„Me and Mine (Lamentations)“, Auftakt und Titelstück der aktuellen CD, fasst das noch mal in sechs Minuten zusammen. Familien, die verarmen, die ihre Arbeit verlieren und damit ihren Glauben an die Politik, an Gott und an den amerikanischen Traum. In dieser Reihenfolge. In „When the Dogwood Blooms“ ist das Geld knapp, die Rechnungen müssen bezahlt werden, und der Protagonist hat ein Angebot, das er nicht ausschlagen möchte: „Der Freund von ’nem Kumpel braucht da bei was Hilfe.“ Kein Wunder, dass Barham mittlerweile oft mit Bruce Springsteen verglichen wird. Wie singt der noch mal in „Atlantic City“? „Ich hab’ diesen Typ getroffen, und ich werd’ ihm ’nen kleinen Gefallen tun.“ 40 Jahre später, und die Sorgen sind gleich geblieben.
Es gibt für alles eine Zeit
Das sind die Klagelieder, die Barhams Figuren anstimmen. Doch „Lamentations“ schlägt einen Bogen. Und mit der Zeit merkt man: Es geht hier nicht alleine ums Klagen, es geht darum, etwas zu tun. In „The Luckier You Get“ erinnert sich Barham an den Rat seines Vaters: „Je härter du arbeitest, desto mehr Glück hast du.“ Und wenn „Lamentations“ nach 40 Minuten beim zehnten und letzten Stück, „The Long Haul“, angekommen ist, dann weiß man, nichts ist so schlimm, dass man es nicht überstehen kann: „Wir raffen uns wieder auf, jedes Mal, wenn wir hinfallen.“ „Lamentations“ ist nach den Klageliedern Jeremias aus dem Alten Testament benannt. Doch am Ende erinnert man sich an ein anderes Buch der Bibel. An die Worte des Predigers, dass es für alles eine Zeit gibt: „Klagen hat seine Zeit und Tanzen hat seine Zeit.“