Landesausstellung RHEINPFALZ Plus Artikel Große Habsburger-Schau im Historischen Museum der Pfalz

Was geschah mit Rudolfs Nase? Ein ungelöstes Rätsel um die Bildnisplatte des Habsburger Herrschers, die sich heute in der Krypta
Was geschah mit Rudolfs Nase? Ein ungelöstes Rätsel um die Bildnisplatte des Habsburger Herrschers, die sich heute in der Krypta des Doms befindet.

Es spielen mit: ein Medienkaiser, ein Urkundenfälscher, ein Langzeitherrscher und ein „Kaiser der Herzen“, mit dem alles begann. 750 Jahre nach der Krönung Rudolfs von Habsburg zum deutschen König widmet das Historische Museum der Pfalz dem Aufstieg des Hauses Habsburg eine große Mittelalter-Ausstellung und spielt dabei virtuos auf allen Klaviaturen der Gegenwart.

Wer Habsburg sagt, denkt zuerst an Wien, an den Stephansdom und die Hofburg. Speyer, seinen Mariendom und eine mittelalterliche Burg auf halbem Weg zwischen Basel und Zürich bringen die wenigsten in Verbindung mit einer der bedeutendsten europäischen Herrscherdynastien. Und doch: Im schweizerischen Kanton Aargau liegt die Stammburg des „Hauses Österreich“, und den Dom zu Speyer wählte sein Begründer Rudolf von Habsburg als Grablege: ein Graf, der zum König aufgestiegen war (aber nie Kaiser wurde) und sich jetzt in einer Reihe mit den dort bestatteten Salier- und Stauferherrschern sah.

Wo alles begann: die Habsburg bei Brugg im heutigen Schweizer Kanton Aargau, Stammsitz des Adelsgeschlechts.
Wo alles begann: die Habsburg bei Brugg im heutigen Schweizer Kanton Aargau, Stammsitz des Adelsgeschlechts.

Es mag ins Reich der Sage gehören, dass der alte König, der sein Ende nahen fühlte, sein Pferd bestieg und von Germersheim nach Speyer ritt, um dort zu sterben. Die romantisch gefärbten Bilder und die Verse, die davon berichten, haben sich ins kollektive Gedächtnis der Region eingeprägt. Zählt man dazu noch die vielen Pfälzer Stadtgründungen, die bei Jubiläumsfeiern nicht ohne den Namen Rudolf von Habsburg auskommen, dann ist es mehr als gerechtfertigt, wenn sich jetzt das für seine kulturhistorischen Mittelalterausstellungen bundesweit renommierte Museum in Speyer dieser Persönlichkeit angenommen hat. Und dann die Geschichte fortspinnt bis zu Kaiser Maximilian I., der den Beinamen „der letzte Ritter“ trug. Auch er hatte, wie wir erfahren werden, noch große Pläne für den Dom zu Speyer.

Rudolf, der Stadtgründer

Speyer, wo neben Rudolf auch sein Sohn Albrecht die letzte Ruhe fand, ist der einzige außerösterreichische Grablegeort der Habsburger. Landau, Neustadt, Wolfstein, Germersheim Kaiserslautern, Alzey, Hagenbach, Godramstein, Bergzabern, Gau-Odernheim und Kreuznach verdanken Rudolf von Habsburg ihre Stadtrechte. Wie das alles kam – und wie es weiterging, ist jetzt in Speyer zu erleben.

Vorausgegangen sind mehr als zwei Jahre intensiver Vorbereitung, ein wissenschaftliches Symposium, ein lesenswerter Tagungsband. Versteht sich, dass dabei vermeintliche historische Gewissheiten durchgeschüttelt und schließlich revidiert wurden – etwa das bislang nicht eben positive Bild des 1440 zum römisch-deutschen König und 1452 zum Kaiser gekrönten Habsburgers Friedrich III., genannt des Reiches „Erzschlafmütze“. Wobei sein ungekrönt gebliebener Vorfahr, Herzog Rudolf IV., auf die Silbe „Erz“ durchaus Wert gelegt hatte, dafür ein stattliches Konglomerat an Urkunden fälschte und den Titel „Pfalzerzherzog“ erfand. Bei diesem „Privilegium maius“ handelt es sich um eine der berühmtesten Fälschungen des Mittelalters, die eine Schmach ausmerzen sollte: Mit der Goldenen Bulle hatten die Reichsfürsten 1356 den Kreis jener definiert, die den König wählen durften: die Erz (!)bischöfe von Trier, Köln und Mainz, der König von Böhmen, der Pfalzgraf bei Rhein, der Markgraf von Brandenburg, der Herzog von Sachsen – und kein Habsburger.

Sondersendung zur Wahl

Jetzt liegen beide – Goldene Bulle wie die „alternativen Wahrheiten“ der Habsburger – in Speyerer Museumsvitrinen und erzählen von einer Zeit, der nationalstaatliche Denkweisen fremd waren. Um Macht und Einflussbereiche kämpften Familien – miteinander, manchmal auch gegeneinander –, Dynastien und ihre Verbündeten. Eine Zeit, in der selbst Eingeweihten manchmal der Kopf brummt angesichts der diversen Rudolfs und Albrechts, die als Herzog eine andere Nummer haben als nach ihrer Krönung.

Es hat wohl durchaus seine Gründe, warum es so lange gedauert hat, bis sich eine Ausstellung dieser drei Jahrhunderte annimmt, mit ihren Schauplätzen von der Schweiz über Böhmen und Ungarn – bis in die Niederlande, nach Portugal, Spanien und Italien und ins längst untergegangene Herzogtum Burgund. Und mitten drin in diesem mittelalterlichen Europa an der Schwelle der Renaissance.

Ein Olifant: 1199 ein Geschenk von Graf Albrecht III. von Habsburg an das von der Familie gestiftete Kloster Muri.
Ein Olifant: 1199 ein Geschenk von Graf Albrecht III. von Habsburg an das von der Familie gestiftete Kloster Muri.

Von all den schwierigen Voraussetzungen haben sich die Speyerer Ausstellungsmacher um Kuratorin Simone Heimann nicht abschrecken lassen. Sie führen den Menschen des 21. Jahrhunderts ganz behutsam zurück in die Welt des Mittelalters: mit einer Wahl-Sondersendung und diversen TV-Brennpunkten, wie wir sie zur Genüge kennen.

Kaiser Friedrich III., um 1510, von Hans Burgkmair d. Ä.
Kaiser Friedrich III., um 1510, von Hans Burgkmair d. Ä.

Wir erleben also die Berichterstattung zur unerwarteten Wahl des eher unbedeutenden Grafen Rudolf von Habsburg auf den bereits länger vakanten deutschen Königsthron. Wer ist dieser Mann? Woher kommt er? Und wer ist von Anfang an gegen diesen Emporkömmling? Es ist jener Ottokar von Böhmen, den Rudolf in der berühmt gewordenen Schlacht auf dem Marchfeld besiegen wird: vom Südwesten des Reichs beginnt sich das Einflussgebiet in Richtung Osten auszudehnen.

Maximilians Monument

Und jetzt ist es höchste Zeit, sich vom Bildschirm ab- und den Ausstellungsobjekten zuzuwenden. Denn das ist dann nur noch zum Staunen und Wundern: 200 hochkarätige Leihgaben aus Schatzkammern und Museen, aus Abteien und Klöstern, aus dem Österreichischen Staatsarchiv: Handschriften, Urkunden, kostbare Bucheinbände sind zu sehen; das Kettenhemd von Erzherzog Leopold III., der im Kampf gegen die siegreichen Eidgenossen 1386 sein Leben ließ; ein Wasserspeier und ein Schlussstein des gotischen Stephansdoms, dessen Stifter jener Rudolf ist, den man auch den „Fälscher“ nennen könnte.

Erzählt wird chronologisch – von der Wahl Rudolfs im Oktober 1273 bis zum Tod Kaiser Maximilians I. 1519: Von Schlachten und Hochzeiten, von Aufstieg und Rückschlägen – und von Prachtentfaltung auch über den Tod hinaus. Ein von Maximilian I. in Auftrag gegebenes kolossales Habsburger Grabmonument für den Dom zu Speyer, das nie gebaut wurde, weil sowohl der beauftragte Salzburger Bildhauer Hans Valkenauer als auch der Kaiser vorher starben, erlebt 2022 seine – virtuelle – Realisierung: auf der neuen Museums-App, die es ebenso gibt wie einen Podcast, eine Spotify-Playlist mit dem Sound zur Ausstellung und – eine Sisi-Filmnacht. Auch wenn unsere Lieblings-Habsburgerin eine Wittelsbacherin war, aber das passt ja ebenfalls in die Pfalz.

Die Ausstellung

  • „Die Habsburger im Mittelalter. Aufsteig einer Dynastie“, Historisches Museum der Pfalz, 16. Oktober bis 16. April 2022; Katalog (Theiss Verlag) 27,90 Euro im Museum, 35 Euro im Buchhandel.
  • Alle Informationen zu Ausstellung und Begleitprogramm: www.museum.speyer.de

Das Porträt der Kaiserin: Eleonore von Portugal, um 1510.
Das Porträt der Kaiserin: Eleonore von Portugal, um 1510.
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