Kino RHEINPFALZ Plus Artikel Gottesurteil und Männerehre: Ridley Scotts Ritterfilm „The Last Duel“

Matt Damon als Jean de Carrouges in einer Szene des Films „The Last Duel“.
Matt Damon als Jean de Carrouges in einer Szene des Films »The Last Duel«.

„Ehre, wem Ehre gebührt“ – Die alte Redewendung hat Hollywoods Ritterfilmen wie 1952 „Ivanhoe“ oder 30 Jahre später „Excalibur“ einiges an Schauwert beschert. Der interessiert Regisseur Ridley Scott („Gladiator“) in „The Last Duel“ eher am Rande. Er zielt auf Gewichtigeres ab.

Das Drehbuch zum Film fußt auf einer überlieferten Geschichte um das angeblich letzte gesetzlich gedeckte Duell auf Leben und Tod im Frankreich des 14. Jahrhunderts. Der Anlass dafür: die Bekundung von Marguerite de Carrouges (Jodie Comer), Angetraute des Jean de Carrouges (Matt Damon), von dessen bestem Freund, Jacques Le Gris (Adam Driver), vergewaltigt worden zu sein. Das Ziel: ein Gottesurteil. Recht wird dem zugesprochen, der den Kampf überlebt.

Feminismus im Ritter-Abenteuer

Ein Ritter-Abenteuer als feministisches Statement? Das ist vorstellbar. Der im März dieses Jahres hochbetagt verstorbene französische Regisseur Bertrand Tavernier hat ja bereits 1994 mit „D’Artagnans Tochter“ bewiesen, dass sich dazu selbst ein lockerer Mantel-und-Degen-Film eignen kann. Da hat Sophie Marceau herrlich geflucht und gefochten und den Männern komödiantisch gezeigt, wo der Hammer hängt. Bei Ridley Scott schaut das nun genregemäß düsterer aus, leider aber gelegentlich auch bemüht und konstruiert. Das Drehbuch des Schauspielstar-Duos Matt Damon und Ben Affleck (zu sehen als lebenslustiger und vergnügungssüchtiger Adelsmann Count Pierre d'Alençon) und der gelegentlich auch als Akteurin auftretenden Autorin und Regisseurin Nicole Holofcener („Freunde mit Geld“) will zugleich kunstvoll unterhalten und zum Nachdenken über gesellschaftspolitisch relevante Fragen anregen. Das ist ehrenvoll. Es mutet aber leider doch hie und da überzogen an.

Prachtvolle Optik

Ridley Scott hat als Regisseur sein Bestes gegeben. Die Inszenierung begeistert als Erstes mit prachtvoller Optik. Außenaufnahmen beziehen ihre Wirkung vor allem aus natürlichem Licht, bei den Innenaufnahmen herrscht Kerzenschein. Doch Scott schafft nicht nur wunderbar stimmige Gemälde. Er trumpft auch als kraftvoller Erzähler auf: Sehr verhalten anmutende Momente, in denen die Charaktere durch die taktvolle Inszenierung so nuanciert wie nur möglich gezeichnet werden, stehen in reizvollem Kontrast zu grellen Kampfszenen voller artistischer Raffinesse. Das begeistert. Doch immer wieder gibt es Momente, die angestrengt wirken, was vor allem daran liegt, dass die Story nacheinander aus der jeweiligen Perspektive einer der drei Hauptfiguren aufgerollt wird. Was überflüssig ist. Denn von Anfang ist klar, wem die Gerechtigkeit hier dienen muss, wenn sie denn überhaupt zum Zuge kommen darf. Es braucht die verschiedenen Blickwinkel nicht. Die nehmen in ihrer überdeutlich ausgestellten Kunstfertigkeit dem Film genau das, was dereinst in den Mantel-und-Degen- und in den Ritter-Abenteuern Hollywoods (und Frankreichs) so wirkungsvoll war: die mitreißende Naivität einer Gut-gegen-Böse-Geschichte, bei der von vornherein klar ist, wer gewinnt. Die aber trotzdem spannend ist, weil bis kurz vor dem Finale nicht klar wird, wie das denn aussehen wird.

Richtig ärgerlich ist: Je länger der Film dauert, umso mehr drängt sich der Eindruck auf, das Drehbuchautoren-Team und der Regisseur hätten dem Publikum nicht zugetraut, die ernsthaften Aspekte des Dramas um eine vergewaltigte Frau allein zu erkennen. Dafür spricht, dass Matt Damon den Jean fast nur als Volltrottel vorführt, Adam Driver den Jacques als routinierten Verführer und Ben Affleck als wasserstoffblonder Sexprotz durchs Geschehen taumelt. Da besteht nie die Gefahr, dass jemand dem vermeintlichen Charme der Kerle erliegt. Das ist zu eindimensional und vordergründig. Es ist, als solle den Zuschauern unentwegt eingebläut werden, was ein Song der Band „Die Ärzte“ mal so ausgedrückt hat: „Männer sind Schweine“.

Die weibliche Hauptdarstellerin begeistert

Zum Glück spielt Jodie Comer mit. Der durch Fernsehserien wie „Killing Eve“ und zuvor „Doctor Foster“ in ihrer Heimat England überaus populären Schauspielerin, die im Kino erst jüngst in „Free Guy“ brillierte, gehören die Höhepunkte des Films. Marguerites Blick auf die ungeheuerliche Geschichte ihres gewalttätigen Missbrauchs wird in der letzten Version der Erzählung erhellt. Anders als ihre Kollegen setzt Comer in ihrer Darstellung nicht auf vordergründige Effekte. Ihr reichen meist minimale Andeutungen im Blick oder eine verhaltene Art des Sprechens, um der Figur Tiefe und Vielschichtigkeit zu verleihen. Tritt sie auf, knistert es im Kino. Da wird der Film nämlich wie von selbst zu dem, worum er sich ansonsten viel zu deutlich bemüht, zu einem aktuellen Kommentar. Zur Zeit der Handlung galt die Vergewaltigung einer Frau nicht als Untat ihr gegenüber, sondern gegenüber ihrem Ehemann. Jodie Comer macht ganz nebenbei deutlich, dass wir uns in der gegenwärtigen sogenannten westlichen Welt viel zu sicher sind, heutzutage würden wirklich und überall andere Haltungen und Einstellungen gelten.

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