Kultur
Gegen Trump: Eine Hamburger Kunst-Schau zeigt das bessere Amerika
Eine Schau mit Ausrufezeichen: Während in vielen anderen deutschen Museen gerade die Stunde der Frauen schlägt, zeigt das Hamburger Bucerius Kunst Forum eine Retro-Ausstellung toter weißer Männer. Und trotzdem steht die Präsentation mit den Werken der Film- und Kunst-Popstars Walt Disney, Jackson Pollock, Norman Rockwell und Andy Warhol irgendwie quer zur Gegenwart . Wieso?
Auf der Fotovorlage sitzt der Mann noch mit herrischer Miene im Wartezimmer. Die Frau an seiner Seite blickt verschüchtert zu ihm auf. Aber auf Norman Rockwells Gemälde dazu sind die Verhältnisse umgekehrt. Bei ihm hat er ein blaues Auge und scheint verunsichert. Sie traktiert ihn mit mürrisch-selbstgewissen Blick. „Eheberater“ heißt Rockwells erzählerisch-satirisches Paar-Porträt aus dem Jahr 1963, das jetzt in einer Ausstellung im Hamburger Bucerius Kunst Forum ausgestellt ist. Neben Werken der US-amerikanischen Film- und Kunstpopstars Walt Disney, Jackson Pollock und Andy Warhol. Auf Augenhöhe sozusagen. Es kann als typisch gelten. „Amerika!“, ist die Schau mit rund 170 Exponaten in den neuen, repräsentativen Räumen neben dem Rathaus betitelt – mit Ausrufezeichen. Sie will uns was zeigen.
Die Wände in den Sälen im Obergeschoss sind pastellig grundiert. In den Farben von Art-Déco-Villen in Miami, den Straßenkreuzern der Fünfzigerjahre, den Neon-Reklamen der Diner einer guten alten Zeit, in der, was aus den USA kam, kritisch beäugt wurde, aber kulturell stilprägend war. Das heißt, wenn man so will, ist die Schau angelegt als Antidot. Als Gegengift. Gegen das „böse“, egomanische, great again Trump-Amerika. Aber auch ansonsten steht die Ausstellung provokant quer zum Justemilieu.
Macho-Kunst auf Pastell-Wänden
In Mannheim zum Beispiel hat der neue Kunsthallen-Direktor Johan Holten eine Art weibliche Lesart der Kunst als Ausstellungsprogramm versprochen. Die Frankfurter Schirn steht jetzt schon im Bann von Kunstproduzentinnen. „Fantastische Frauen“ sind für den Februar annonciert, im Zentrum Frida Kahlo. Aber auch zurzeit hat das Haus eine deutliche geschlechtsspezifische Unwucht. Die Rotunde, ausgefüllt mit einem schwebenden Werk der Schottin Karla Black. Drinnen drapiert sind die poppig-politischen Wandteppiche der Norwegerin Hannah Ryggen (1894 bis 1970). Und die andere wunderschöne Schau hofiert Lee Krasner (1908 bis 1984), eine zu wenig bekannte US-amerikanische Abstrakte Expressionistin. Derweil stellt das Bucerius Kunstforum in Hamburg wieder einmal das schwarzlinierte, Tropf-Spritz-Werk ihres weltberühmten Göttergatten Jackson Pollock aus, dessen Weltberühmtheit Krasners eigene Karriere nachhaltig beschädigte. Und überhaupt sind nur Arbeiten toter weißer Männer zu sehen. Von populären Pionieren. Die Kuratorin Kathrin Baumstark, Leiterin des Bucerius-Forums und mit 36 Deutschlands jüngste Museumschefin, wollte es offensichtlich besonders bildmächtig haben. Und patriarchalisch. Als nahegehende, ferne Erinnerung, welche Wucht die männlich dominierte, die Grenzen zwischen Hochkultur und Coca-Cola aushebelnde Pop-Moderne made in USA im Nachkriegsdeutschland entfaltet hat – als Gegenkunst zum Sozialistischen Realismus gesponsert durch Zeitschriften und Werbung vom US-Geheimdienst CIA, wie man heute weiß.
Deshalb das Ausrufezeichen! Deshalb die in diesem Umfeld schmuck aussehenden, ur-amerikanischen Farb- und Bildkosmen von Pollock, der – in seiner Zeit noch revolutionär – mit Emaille, Autolack, Sand, Glasscherben, Nägeln oder Münzen hantierte und seinen Furor mit Messern, Stöcken und Farbdosen ausagierte. Deshalb Walt Disney, der mit Zeichentrickfilmen wie „Bambi“, „Dornröschen“ oder „Fantasia“ so etwas wie der Prototyp der US-Kulturindustrie geworden ist. Aus dessen Studio laufen in Hamburg Filmausschnitte, Storyboards werden gezeigt, meisterhafte Entwurfszeichnungen und handkolorierte Zelluloidfolien für Animationen. Deshalb Andy Warhol. Dessen Brillo Boxes und Siebdrucke wie die silberfarbene Liz Taylor, das abgegriffene goldene Dollar-Zeichen, die Mercedes-300-SL-Coupe-Werbung oder die „Yarn Paintings“, die Pollock „Drip Paintings“ beinahe karikierend ähneln. Im letzten Saal jedenfalls knallt es einfach nur poppig bunt.
Was in diesem erlesenen Kreis Norman Rockwall zu suchen hat, ist im Übrigen nur für Europäer eine Frage. In den USA war der 1978 84-jährig gestorbene Bildgeschichtenerzähler lange der populärste Künstler überhaupt. Zwischen 1916 und 1963 illustrierte er auf der Vorlage von Fotos, Zeichnungen und jeweils einem Gemälde die „Saturday Evening Post“, die wichtigste Zeitschrift der amerikanischen Mittelschicht, mit fotorealistischen, leicht sentimentalen, sanft ironischen Bilderzählungen vom gehobenen Way of Live.
Alle seine 323 Titelbilder sind jetzt in einem eigenen Raum versammelt. Sie schildern, das „wahre Leben“, oder wie es hieß, als Präsident Gerald R. Ford Rockwell mit der Freiheitsmedaille ausgezeichnet hat, „den Schauplatz Amerika mit unübertroffener Frische und Klarheit“ und mit „Verständnis und Zuversicht und guter Laune“. Was ihn ausmacht, zeigt etwa sein Bild zu einer Erzählung von D. D. Beauchamp, bei der es darum geht, dass eine wunderschöne Frau ihren Freund zu einem Boxkampf mit einem Champ überredet. Er verliert, sie lässt ihn hängen.
Rockwell? Fragen Sie Lana Del Rey
Auf Rockwells Gemälde dazu, ausnahmsweise ein Querformat, schaut sie herausfordernd zu ihrem Lover, wie er geschlagen in der Ecke hängt. Der gezeichnete Sieger scheint sie zu aus dem Ring heraus vorwurfsvoll zu attackieren. Ein fulminant bewegt bewegendes Bild. Kein Wunder, dass zu Rockwells Sammlern neben Ex-Präsident Barack Obama einige Filmgrößen wie Steven Spielberg gehören. Und auch sonst ist er unvergessen.
„Norman Fucking Rockwell“, hat Retro-Pop-Ikone Lana Del Rey ihr jüngstes Album betitelt. Die Musik zur Schau, wenn man so will. Sie ist großartig. Und beim genaueren Hinsehen auch sehr leise feministisch. So war es bei Walt Disney lange üblich, dass Frauen nicht in kreative Positionen kamen. Sie blieben Abpauserinnen, statt Zeichnerinnen zu werden – und damit unsichtbar. Aber einer von ihnen hat die Hamburger Ausstellung jetzt ein kleines Denkmal gesetzt und einen Namen gegeben: Sie hieß Retta Scott.
Die Ausstellung
Bis 12.1. 2020. www.buceriuskunstfoum.de