Alte Meister
Ganz schön gewagt: Die Alte Pinakothek in München hat umgehängt
Ein Hipster der frühen Neuzeit war dieser Albrecht Dürer, mit fein ondulierten Locken und getrimmtem Bart wie frisch aus dem Barbershop. Einen Kragen aus Marderpelz muss man sich heutzutage auch erst mal trauen. Um 1500, als sich der damals 28-Jährige so selbstbewusst inszeniert hat, war dieser Aufzug sogar ein Skandal. Denn der malende Handwerker vergriff sich im Kleiderschrank der Elite, das muss man allerdings wissen. Wie frech Dürer aber tatsächlich war, wird neuerdings in der Alten Pinakothek in München gleich beim ersten Blick klar: In einer langen Porträt-Folge ist er einzige, der sich frontal präsentiert.
Weder Hans Mielichs Bayernherzog Albrecht V. noch Baldung Griens Pfalzgraf Philipp der Kriegerische wären bei allem staatstragenden Posieren auf eine so unverschämte Idee gekommen. Mehr als ein elegantes Dreiviertelprofil ging nicht, die ikonische Frontalansicht war allein Christus und gerade noch den mächtigsten Königen vorbehalten.
Dürer provozierte. Doch dass dieser viel zu frühe Moderne mit seinem Künstlerselbstbildnis als Messias so sehr aus der Reihe tanzt, kam zwischen seinen Aposteln und den großen Altarwerken nie so sehr zur Geltung. Insofern ist diese Porträt-Strecke gleich die erste Überraschung einer oft gewagten neuen Präsentation der Sammlungen. 200 Gemälde sind in den oberen Galerien umgezogen, und bis auf den Rubenssaal mit dem mehr als sechs Meter hohen „Jüngsten Gericht“ ist fast alles durcheinandergewirbelt.
Auf die Liebhaber der Alt-Meister-Galerie des 19. Jahrhunderts kommen harte Wochen der Eingewöhnung zu. Denn erstmals in der Geschichte der Alten Pinakothek wird nicht mehr streng nach Kunstlandschaften getrennt, und auch die chronologische Ordnung ist immer wieder unterbrochen oder aufgelockert. Im Fall von El Grecos „Entkleidung Christi“ (1580/1595) und Matthias Grünewalds „Verspottung“ (1503/05) ergibt sich so eine herrliche Reibung. Die Werke sind viele Kilometer voneinander entfernt entstanden, in der Konfrontation erzählen sie nun eine Menge über manieristisches Kolorit, über Bedrängung und Bedrohung.
Vor allem aber kommt die Kunst in einen Dialog, der in ihrer jeweiligen Zeit ganz selbstverständlich geführt wurde. Bilder sind gereist, der Austausch von Druckgrafik war intensiv, Motive und Innovationen gingen lässig über die Grenzen. Ganz davon abgesehen, dass das Denken in Nationalstilen unter heutigen Fragestellungen viel zu sehr einschränkt. Ergiebig war das nie so recht. Und zwischen Diego Velázquez„ melancholischem Edelmann (um 1631) und Anthonis van Dycks Selbstbildnis (1620/29), auf dem er wie ein Aristokrat auftritt, liegen schließlich keine Weltmeere. Beide Maler ließen sich von den Italienern inspirieren, besonders van Dyck. Beide arbeiten hier mit einer extrem reduzierten Palette, der Farbauftrag ist pastos, der Blick der Porträtierten geht haarscharf am Betrachter vorbei, und so könnte man das lange weiterspinnen.
Auch das Nebeneinander von Dürers „Muttergottes mit der Nelke“ (1512) und Giovanni Bellinis später „Dudley-Madonna“ (um 1508) lässt über Beziehungen grübeln. Beide Marien sind wieder einmal ahnungsvoll, Bellini setzt seine Schöne gleich in einen Sarkophag, während der Jesusknabe sein Publikum hypnotisch fixiert. Es ist die Zärtlichkeit, die diese Andachtsbilder verbindet. Die Künstler schätzten sich sehr, Dürer nennt Bellini den „Besten in der Malerei“ und hat gerade dessen Kolorit bei seinen Venedig-Reisen eingehend studiert.
Überhaupt Farben! Selbst wenn es keinen offenkundigen Zusammenhang gibt, ist es höchst interessant, etwa die Behandlung von Rot direkt vergleichen zu können. In Saal II leuchtet es fast um die Wette: auf den Gewändern von Botticellis „Beweinung“ und Lucas Cranachs Albrecht von Brandenburg, auf Domenico Ghirlandaios Maria oder Dürers Apostel Johannes.
Dass Bewegung in die Alten Meister gekommen ist, hat mit der Sanierung der Neuen Pinakothek vis-à-vis zu tun. Wichtige Werke nach 1800 mussten untergebracht werden, und nun ziehen Restauratoren des Doerner Instituts in die abgetrennten Räume der Spanier und Altkölner. Darüber könnte man sich grämen, die Kuratoren sahen dagegen die Chance, etwas zu verändern. In der National Gallery in London bringt man längst süd- und nordalpine Renaissance zusammen. Und auch am New Yorker Metropolitan Museum gibt es einen „New Look at Old Masters“. In den meisten Häusern klebt man jedoch am alten System. Doch um chronologische oder geografische Einteilungen zu verstehen, braucht es einige Vorbildung, die man längst nicht mehr voraussetzen kann.
Die Höhepunkte wird man auch so leicht finden, die Dimensionen sind in München bekanntlich andere als im Pariser Louvre. Und sollte der eine oder andere Raum nicht funktionieren, können die Karten immer wieder neu gemischt werden. Dass die oft stark voneinander abweichenden Formate eine große Unruhe mit sich bringen, ist nicht von der Hand zu weisen. Man darf auch kein Rahmen-Pedant sein – das Gold der Italiener glänzt nun neben den dunklen und eher schlichten Leisten der Niederländer.
Langweilig wird es jedenfalls nicht, das ist das Plus dieser neuen Kombinationen. Und die Vielschichtigkeit bleibt, denn glücklicherweise ist das Kuratorenteam nicht der modischen Versuchung erlegen, die Galerie nach den großen Themen der Menschheitsgeschichte zu ordnen. Das hätte diese neue Freiheit schon wieder deutlich eingeschränkt.
Info
Alte Pinakothek München, Di und Mi 10 – 20.30, Do bis So 10 – 18 Uhr