Rap RHEINPFALZ Plus Artikel Gangsta-Rapper vor Sonnenuntergang: Haftbefehl beim Mannheimer Carstival

Mit politischer Botschaft auf dem Leib: Haftbefehl in Mannheim.
Mit politischer Botschaft auf dem Leib: Haftbefehl in Mannheim.

Jetzt also Haftbefehl, Gangsta-Rapper vor Sonnenuntergang, Carstival, Mannheim. Der vielleicht beste, schwermütigste Rollenprosaist mit Vorstrafen-Hintergrund, hat für den Autokino-Gig einen Trainingsanzug an, Balenciaga-Brille auf. Seine zwei Kita-Kinder, vier Jahre und ein Jahr alt, tollen vor dem Konzert auf der Bühne. Die Frau da, eine Influencerin. Normalerweise lebt Familie Haftbefehl, Einfamilienhaus, in einem Frankfurter Vorort. Zweitwohnung in Stuttgart. Er ist Plattenlabelbesitzer. Und das lyrische Ich des Offenbacher Ex-Ghetto-Brudi zumindest ist stolz wie Bolle drauf.

Die Konkurrenz, was? „Peter Maffays“. Er dagegen, nach außen hin, immer noch: „Arabi, Arabi, Saudi, Saudi Rich“. Goldkette um, das heißt, später. Nach dem Intermezzo, das Du Maroc gibt, einer der Straßenrapper, die in seinem Label erscheinen. Haftis Frisur sitzt wie immer wie ein Helm auf dem Kopf. Er rappt von Nutten, Koks, Geld, der Hand am Schwanz, klar. Dem gezückten Ballermann. Dem sich entwickelt habenden Uhrengeschmack. Dass Rolex „scheiße ist“, „Nutte, her mit der Chopard“. Aber auch, gleich als zweiten Song von seinem „Papa“, dem „Rolling Stone“, einem Spieler, Kurden, depressiv, der sich auf dem Spielplatz nebenan erhängt hat, als er, Haftbefehl, 14 war. Er reimspricht, dass auch bei ihm – manchmal – im Hotelzimmer, der Schmerz durchbricht.

Django, Ratter, Vollspann

Seit „Russisch Roulette“, dem 2014-Album, gilt Haftbefehl ja selbst im Feuilleton als Rap-Goethe, mindestens. Die Hipster herzen ihn zu Recht verbal für sein Upgrade des Deutschen mit aus dem Bosnischen, Türkischen, Zazenischen, Französischen, Romani entlehnten Slang. 2013 wurde „Babo“, Straßensprech für Chef, der Begriff aus dem Song, „Chabos wissen, wer der Babo ist“, Jugendwort des Jahres, Allgemeingut. Ein CSU-Politiker warb damit, nur um sich kurz danach vom basstief donnernden Originalsong zu distanzieren, der – „Lucio, loco puto, anderes Tempo / Bretter' die Szene auf perlweißen Prestos / Psycho, negro, baller' wie Django / Ratter', Vollspann, Martial, ManU / Member, illegal, verflucht, Sheytan (Flex)“ – für Uneingeweihte die hermetische Qualität eines Paul Celan’schen Sprachgitters besitzt.

Dazu das Genuschel, die „Ch“-Laute statt eines Hs. Rau ballernde Songs kommen mit vier Akkorden aus. Aber Hallo, oft sind sie Hammer. Wer Hafti zuhört, könnte meinen, er habe beim Sprechen eine Sergio-Tacchini-Socke im Mund. Er bellt mehr, als er spricht. Tanzt er, heißt das, er deutet an, er ruckt ein bisschen mit den Ellenbogen wie ein Marionettenspieler. Es wirkt, als vertrete er sich auf der Bühne ein wenig die Beine. Das war’s.

Altmänner-Attitüde mit 35

Dann steht er da in egaler Haltung, kleiner Bauch, 1 Meter 96 groß, die Hände im Rücken verschränkt, eine Altmänner-Attitüde mit 35. Im Publikum, ist ein Rentenanwärter-Paar, Typ Immobilienverticker, im Mercedes Cabrio vorgefahren. Die Studierendenkinder auf der Rückbank. Peugeots aus Heilbronn, Golfs aus RP, parken korrekt, den Seitenspiegel auf Höhe der Platznummer. Die Typen mit der aus dem Kofferraum herausnehmbaren Bum-Bum-Box fahren Honda Civic.

Aykut Anhan, wie Haftbefehl mit unbürgerlichem Namen heißt, dagegen rappt, er heize „im Maybach durch Moskau“, derweil in Mannheim die Sonne in tausend Mal orange versinkt. Und tatsächlich besitzt er ja auch einen, in Weiß, wie man weiß. Im Real Life allerdings ist er Führerschein-los und wegen Trotzdemfahrens gerade auf Bewährung. Auch das Pseudonym ist eine autobiografische Reminiszenz an die Fahndung, die nach seiner Flucht aus Offenbach nach Istanbul ausgeschrieben wurde.

Party auf einem Pick-up

21 inkriminierte Delikte mit 20, Körperverletzung, Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz, Dealerei, so was. Aus Langeweile und Gründen der Läuterung begann er Reime zu schreiben, Musik von einer App. So die Legende. Jetzt ist er selber eine. Beim Carstival steigt jetzt auf einem Pick-up so etwas wie eine Party. Dafür werden drei Studis, die aus dem Panoramadach ihres Kleinwagens schauen, angeranzt. Die Sicht auf die Bühne, vom hinter ihnen abgestellten SUV, schlecht.

Jemand hat einen Campingstuhl ausgepackt, ernsthaft. Einer steigt aufs Heck seines Mercedes. Statt Applaus lässt jemand seinen AMG aufheulen. Das Ordnungsamt hatte alle vorab freundlich gebeten, im Wagen zu bleiben. Das Ordnungsamt! Haftbefehl singt derweil „Copkilla“, einen Song, in dem „Brudi die Uzis“ nachladen soll. Der Rest, bekannt. Förmlich spürt man die Gänsehaut des ansonsten ordnungsliebenden Mittelschicht- und Lehrernachwuchspublikums.

Nur wenig aus dem „Weißen Album“

Auf der Bühne, leicht von sich selbst gelangweilte Dicke-Eier-Gesten, Frauen heißen so und so. Aus der Distanz wirkt das fast lächerlich. Hafti bellt: „Okay, check! Respektloses Verhalten kann dir auf der Straße deine scheiß Knochen kosten“, nun ja, man sitzt halt recht sicher im geliehenen Passat. Und nicht falsch verstehen, auch das im Juni erschienene „Weiße Album“, für das er vier Jahre gebraucht hat, ist in Teilen der Kracher. Anspruch, Jay-Z und die Beatles, wie der Titel schon sagt. Produzent wieder Bazzazian. Ungehobelter der Sound als der des Rests, Tonhöhenkorrektur selten, Reime kaum, zur Not wird Napoli auf dem „o“ betont. Auftritte von Rappern wie Shindy, seinem Bruder Capo, Marteria und der Influencerin Shirin David, die arschwackelnd singt „Chabos wissen, wer deine Mami ist“.

Ein „Konzeptalbum über Kokain“, hat der Journalist Moritz von Uslar geschrieben. Nur wenige Songs daraus kracht Haftbefehl auf die Bühne. Zum Auftakt der – „ich bin jung, ich bin wild, ich bin asozial“ – Ohrwurm „Bolon“ etwa. Später „Conan, der Barbar“, bei dem normalerweise Shirin David mitperformt. Dafür brettern, fast nachlässig arrogant vorgebracht, einige Klassiker wie „Lass die Affen aus dem Zoo“ durchs Radio, brav auf Frequenz 93,7 eingestellt.

20 Songs. Schluss nach einer Stunde. Ein bulliger Typ läuft noch durchs Bild, Riesenstrauß Rosen in der Hand. Heiratsantrag wird auf dem Parkplatz gestellt. Muss ja eine romantische Ehe werden.

„Die Straße, mein Lehrer“, die Fans brauchen Frischluft. Haftbefehl in Mannheim.
»Die Straße, mein Lehrer«, die Fans brauchen Frischluft. Haftbefehl in Mannheim.
Trainingsanzug, Balenciaga-Brille: Haftbefehl.
Trainingsanzug, Balenciaga-Brille: Haftbefehl.
Festivalstimmung bei den Fans.
Festivalstimmung bei den Fans.
x