Kultur Freiheit ist wie ein Rausch
Mit seinem Film „Leto“ habe er den „Wert der Freiheit einfangen und verdeutlichen“ wollen, sagt der russische Regisseur Kirill Serebrennikov. Ein hoch gestecktes Ziel, das der Film mit erstaunlicher künstlerischer Kraft scheinbar mühelos erreicht.
Der Film führt nach Sankt Petersburg, als es Leningrad hieß, Anfang der 1980er Jahre. Lethargie auf allen Ebenen bestimmt den Alltag der post-stalinistischen Sowjetunion. Ein wesentliches Ventil für junge Leute ist die Kunst, insbesondere die Musik. Platten verehrter Stars aus dem Westen, Lou Reed etwa oder Jimi Hendrix, gehen heimlich von Hand zu Hand. Und es gibt Wagemutige, die eine Underground-Szene etabliert haben. Zu ihnen gehört Mike Naumenko (Roman Bilyk). Mit seiner Band feiert er wahre Triumphe, immer beäugt vom Sicherheitsapparat, ständig mit einem Bein im Knast. Doch Mike trickst die Staatsdiener beharrlich aus. Und er ist ein fürsorgender Familienvater: Er und seine Frau Natalia (Irina Starshenbaum) haben ein kleines, über alles geliebtes Kind. Die Familie ist heilig. Sie haben auch deshalb gelernt, sich in den engen Grenzen des Systems einzurichten. Umsturzideen sind ihnen sowieso eher fremd. Sie wollen nichts als leben, frei, wenigstens in den Gedanken und Träumen. Da taucht Viktor Tsoi (Teo Yoo) auf. Auch er ist Musiker, will die große Karriere als Sänger. Auch er reißt die jungen Leute rasch mit. Das Fatale: Natalia entwickelt mehr als freundschaftliche Gefühle für Viktor … „Leto“ ist das russische Wort für „Sommer“. Der Titel ist direkt zu verstehen, aber auch im übertragenen Sinn. Erzählt werden im Wesentlichen die Erlebnisse eines Sommers. Darüber hinaus steht die Jahreszeit für Leichtigkeit, Wohlbefinden, für das, was den jungen Leuten fehlt. Die Geschichte beruht zu Teilen auf Tatsachen. Denn die Erinnerungen der wirklichen Natalia haben wesentliche Anregungen gegeben. Doch Kirill Serebrennikow hat sich als Autor und Regisseur viele Freiheiten genommen. Was er mit einer allegorischen Figur verdeutlicht: ein Mann mit Brille, der das Kinopublikum direkt anschaut und sagt oder per Schriftzug auf einem Plakat deutlich macht: „Das ist alles gar nicht so passiert.“ Kirill Serebrennikow geht es offenkundig nicht darum, eine biografisch genaue Chronik zu schaffen. Ihm geht es um Überhöhung, weshalb er auch auf Schwarzweiß-Bilder setzt. Mit ihnen erkundet er konturenscharf eine kranke Gesellschaft, eine Gesellschaft, in der sich Individualität nur in kleinen Nischen, im Versteck, entfalten darf. Indem Serebrennikow tief in die wunden Seelen der Protagonisten schaut, enthüllt er den dunklen Geist einer in engen Grenzen gefangenen Gesellschaft. Damit zielt er natürlich auch auf die Situation im heutigen Russland. Putin-Kritiker Kirill Serebrennikov wurde im August 2017 wegen angeblicher Veruntreuung von Staatsgeldern unter Hausarrest gestellt. Dennoch ist es ihm gelungen, den Film zu vollenden, obwohl er strenge Auflagen zu seinem Tun und Lassen einhalten muss. Dem Film-, Theater und Opernregisseur, seit 2012 künstlerischer Leiter des Gogol Centers in Moskau, und einigen Mitarbeitern wird jetzt der Prozess gemacht. Der Prozessauftakt war erst vor wenigen Tagen. Der Hausarrest von Serebrennikov gilt derzeit bis April 2019. Die Vorgaben dieses Hausarrests erlauben es ihm nicht, sich öffentlich zu äußern, gar Interviews zu geben. Alle Aussagen zu seinem Film etwa stammen aus der Zeit der Vorbereitung. Damals sagte er: „Meine Generation hat eine starke Erinnerung an die Energie der Perestroika, diese Zeit unmittelbar nach den Ereignissen in unserem Film. Aber in Wirklichkeit wissen wir nichts von der Generation vor unserer eigenen – von ihrer natürlichen Gabe zur Rebellion und ihrem inneren Feuer.“ Dieses innere Feuer überträgt sich sofort auf die Filmbesucher. Denn die Geschichte von Natalia, Mike und Viktor entwickelt eine geradezu unheimliche emotionale Sogkraft. Das ist neben der exzellenten Kameraführung (Vladislav Opelyants) insbesondere den Schauspielern zu danken. Sie changieren unentwegt zwischen Rausch und Kater, ausgelöst gleichermaßen durch Musik und Wodka. Sie enthüllen Charaktere, deren Dasein zwischen Aufbegehren und Anpassung pendelt. Man meint oft, direkt neben ihnen zu stehen, ihren alkoholgeschwängerten Atem zu riechen, ihre fiebrige Sehnsucht, sich wenigstens ein Mal wirklich frei für oder gegen etwas entscheiden zu dürfen. Eine wesentliche Rolle spielt natürlich auch Musik, die der Bands Zoopark und Kino, der Bands von Mike und Viktor – und die von Bob Dylan zum Beispiel. Mit schön-schrägen Musicalnummern hebt der Film sozusagen immer wieder ab. Wenn da etwa die Insassen eines Busses urplötzlich Iggy Pops „The Passenger“ singen, wird die Realität effektvoll ausgehebelt. In Momenten wie diesem darf geschehen, was den Protagonisten in ihrer Zeit und vielen russischen Intellektuellen heute verwehrt wird: die Fantasie darf sich ungehemmt entfalten.