Kultur Frankfurt: Konferenz spürt Konstruktion von Geschlechterrollen im Hip Hop nach
Eine dreitätige Konferenz zum Thema „Männlichkeit zwischen Gangsta- und Queerrap“ im Frankfurter Mousonturm zeigt, wie und warum Hip Hop zum Soundtrack der Gegenwart avanciert ist: Die Widersprüche des Genres sind ein Spiegel gesellschaftlicher Widersprüche, von #MeToo bis #BlackLivesMatter.
„Sex, Money & Respect“: Um diese Begriffe kreisen die Texte vieler Rap-Songs – Sex, Geld und Anerkennung. Vor allem der in weiten Teilen der Szene gepflegte, offene Sexismus aber ist Stein des Anstoßes in der Öffentlichkeit, seit es Gangster-Rap gibt: zu Beginn der 1990er-Jahre. Und dabei finden selbst konservative Sittenwächtern und Feminist_innen zusammen. Den globalen Siegeszug der einst marginalen Subkultur hat dies freilich nicht verhindert. In den USA zum Beispiel hat Hip Hop 2017 Rockmusik als meistgehörte Musikrichtung abgelöst. „Sex, Money & Respect“ lautete nun auch der Titel einer von Murat Güngör und Markus Gardian organisierten Konferenz im Frankfurter Mousonturm, bei der es um „die Widersprüche, Konstruktionen und Abgrenzungen von Geschlechterrollen“ im Hip Hop ging. Mit-Organisator Murat Güngör ist ein alter Hase der Frankfurter Hip Hop-Szene. Anfang der 1990er-Jahre rappte er als Murat G auf Türkisch. Mittlerweile ist er als Lehrer tätig. Auch die Konferenz wirkte ein wenig „oldschool“. Sie erinnerte daran, dass die Hip-Hop-Kultur auf vier Säulen beruht: Djing, Rap, Graffiti und Breakdance. So begann die Veranstaltung denn auch mit einem „B-Girl“, der Berlinerin Frieda Frost, die gerade an einer Doktorarbeit zum Thema „Geschlechterrollen im Breakdance“ arbeitet. Sie zeigt darin, wie Geschlechterrollen durch Gesten aufgeführt und inszeniert werden. Im Anschluss erkundeten Hannes Loh und Murat Güngör die Entwicklung des migrantisch geprägten deutschen Raps, der in den Nullerjahren seinen Siegeszug antrat und mit der Rezeption Alben der Alben des türkisch-zazaisch-kurdisch verwurzelten Offenbacher Rappers Haftbefehl in den Feuilletons der Qualitätszeitungen seinen vorläufigen Höhepunkt erreicht hat. „Vom Gastarbeiter zum Gangsterrapper“ war der kenntnisreiche Versuch einer Genealogie, die von obskuren Singles aus den 1970ern zum kommerziell erfolgreichen „Straßenrap“ von heute führte. So gab es etwa einen Gastarbeiter namens Metin Türköz, der in seinen Texten in ironisch-radebrechendem Deutsch seinen Vorarbeiter auf die Schippe nahm. Loh und Güngör zogen daraus Parallelen zum kunstreichen Sprachengemisch von Haftbefehl. Den größten Zuspruch beim Publikum fand allerdings das als „Streitgespräch“ angekündigte Zusammentreffen von Celo, dem Frankfurter Straßenrapper und Teil des Duos Celo & Abdi, und Sookee, einer Berliner „Queerrapperin“, die in ihren Texten politische Themen zwischen Kapitalismuskritik, Feminismus und queerem Aktivismus aufruft. Und hier taten sich tatsächlich Gräben auf. Celo konnte auf den Vorwurf, in seinen Texten Frauen zu Objekten zu degradieren, lediglich erwidern: dies spiegele eben seine Lebensrealität. Aber Sookee, ihrem Gegenüber an Eloquenz haushoch überlegen, verzichtete darauf, sich moralisch über ihn zu erheben. Nicht jedoch das Publikum. Frankfurts Bohemien-Schickerie schien mit dem Ziel angereist, sich über den Migranten mit Artikulationsschwierigkeiten zu amüsieren. Bei einer Veranstaltung, bei der immer wieder das Konzept der Intersektionalität, also der Überschneidung verschiedener Diskriminierungsformen, beschworen wurde, musste das durchaus problematisch erscheinen. Star des dritten Konferenztages dann: Tricia Rose. Die US-amerikanische Kulturwissenschaftlerin lehrt an der New Yorker Columbia University, forscht seit Jahrzehnten über Hip Hop und beleuchtet auch die Kriminalisierung schwarzer Männer in den USA. Ihre These: Diese setzt in just dem Moment ein, als die Sklaverei endet. Waren Afroamerikaner zuvor Objekte, über die beliebig verfügt werden konnte, sei die Verfügbarkeit nun über die Kriminalisierung sichergestellt worden. Von „Männlichkeit“ war während der Konferenz indes oft nur vermittelt die Rede. Häufiger ging es um weibliche Positionen oder migrantische Subjektivitäten. Dabei gäbe es etwa im aktuellen US-amerikanischen Hip Hop viele Beispiele für Künstler jenseits der heterosexuellen Norm, die Männlichkeit durchaus neu und jenseits der gängigen Stereotypen von Revierverhalten und Machismo interpretieren. Frank Ocean etwa mit seinem Queer-R`nB. Oder der Kleider tragende Young Thug mit seinem extravaganten Trap. Oder Future, die Balladen intonieren. Leider blieben diese Entwicklungen aber außen vor.