Kultur RHEINPFALZ Plus Artikel Forscher: Gedrucktes macht schlauer

Wer im Glashaus sitzt, liest besser: Teilnehmer einer gemeinsamen stillen Leseparty („Silent Reading Party“) in Osnabrück. Still
Wer im Glashaus sitzt, liest besser: Teilnehmer einer gemeinsamen stillen Leseparty (»Silent Reading Party«) in Osnabrück. Stille und Reizarmut sind gute Voraussetzungen, um Texte besser lesen und verstehen zu können.

Ergebnis einer Meta-Studie: Wer Texte auf Papier statt auf dem Bildschirm liest, versteht sie besser und erinnert sich besser an sie

Hallo! Sitzen Sie gut? Smartphone im Flugmodus? Outlook aus? Vor allem: Haben Sie eine gedruckte Zeitung vor sich? Wunderbar und gut für mich. Dann steigen die Chancen, dass Sie diesen Text vielleicht zu Ende lesen. Dass Sie mehr davon verstehen, sogar einiges davon sich merken können. Dann mal los! In Stavanger, Norwegen, haben sich vor einiger Zeit Leseforscher mit einer Erklärung an die Öffentlichkeit gewandt. Rund 200 Wissenschaftler aus ganz Europa, die in der Forschungsinitiative E-READ zusammengeschlossen sind. Sie untersucht, wie sich das Lesen in Zeiten der Digitalisierung verändert hat. Ihre Erklärung fußt auf der Auswertung von 54 Studien zum Lesen. 170.000 Menschen haben insgesamt daran teilgenommen. Was die Forscher schreiben, ist ihr gemeinsamer Nenner. Hallo, sind Sie noch da? Die Wissenschaftler haben herausgefunden, dass Papier am besten dafür geeignet ist, längere informative Texte zu lesen. Dass Gedrucktes dem tieferen Textverständnis dient. Und dem Erinnerungsvermögen. Wer auf dem Bildschirm, Laptop, Tablet, Smartphone oder sonstwie digital liest dagegen, neigt dazu, die Lektüre abzubrechen. Im Vergleich wird dem, was da steht, weniger bis gar kein Sinn entnommen. Auch hapert es relativ am Erinnerungsvermögen. Und diese Unterlegenheit des Bildschirmlesens hat zugenommen. Das gilt im Übrigen unabhängig vom Alter und der Vorerfahrung mit digitalen Umgebungen. Bedenkt man dann noch, wie sich die Lesepraxis und die Umstände der Lektüre verändert haben, ergeben sich daraus Probleme. Das wird zumindest in der Stavanger-Erklärung so formuliert. Landen Sie jetzt beim Überfliegen! Immer mehr Texte werden digital gelesen. Und dabei hat sich eingebürgert, dass man Texte nur noch überfliegt. Oder sie werden in Ausschnitten wahrgenommen, teilweise. Hinzu kommt, dass die Ablenkung durch Geräte wie Tablets und Smartphones zugenommen hat. Außerdem neigen Menschen, die am Bildschirm lesen, zur Übertreibung. Sie trauen sich eine größere Verständnisfähigkeit zu, als sie tatsächlich besitzen. Das Ende vom Lied ist, dass die flatterhafte Lektüre auch auf Gedrucktes übertragen wird. So vervielfacht sich der Effekt und wächst die Gefahr. In der Stavanger-Erklärung wird gemutmaßt, dass die geringere sinnverstehende Lesefähigkeit unter anderem die Anfälligkeit erhöht, Falschnachrichten zu glauben. Verstanden? Gut, wenn ja, denn schon in der Schule verbreitet sich die Nutzung digitaler Medien immer stärker. Und diese eignen sich ja wie gesagt schlechter als gedruckte für die Tiefenlektüre längerer Texte. Dabei haben die Wissenschaftler dokumentiert, was man auch so ahnt: Wenn Kinder und Jugendliche längere Texte lesen, schult das ihre Konzentrationsfähigkeit. Es dient dem Wortschatz und verbessert die Gedächtnisleistung. Voraussetzung ist, dass dauerhaft mit gedruckten Texten geübt wird. Allerdings wird die Langstrecke beim Lesen anscheinend immer weniger gepflegt. Folgen Sie noch? In den USA bieten Schulen schon Kurse im „tiefen Lesen“ an. Ziel ist es, ein Buch zu Ende zu lesen. Aber auch bei uns in Deutschland nimmt das Interesse an Büchern weiter ab. Als Freizeit-Beschäftigung ist das Bücherlesen zum Beispiel unbeliebter als „Kuchen essen“, „Ausschlafen“ und „Sich in Ruhe pflegen“. Das wieder zu ändern, wäre nicht weniger als eine gesellschaftspolitische Aufgabe. Genauso wichtig wäre es angesichts der geänderten Lesegewohnheiten, die Verständnislücken zwischen Gedrucktem und Digitalem zu schließen. Lesen Sie hier, wie Sie lesen wollen sollen! Unser Körper hilft und denkt mit beim Lesen, das haben die Forscher der Stavanger-Erklärung – Sie erinnern sich? –, herausgefunden. Sie nennen das „embodied cognition“. Das bedeutet, dass es zum Beispiel einen Unterschied macht, ob man ein Buch in der Hand hält, links und rechts das jeweils Gelesene und zu Lesende. Oder, ob man auf einem Bildschirm schaut, der nie Eselsohren bekommt. Ein Bildschirm-Text hat keine vergleichbare Geografie wie ein gedruckter Text. Oft wissen wir so noch, wo genau oder ungefähr etwas gestanden hat. Vielleicht haben wir es sogar angestrichen. Auf dem Bildschirm wandert man einfach weiter nach unten. Was fehlt, nennen die Forscher Erinnerungsanker. In einem gedruckten Text gibt es mehr davon. Bei einem digitalen Text muss man sie erst schaffen. Forscher schlagen vor, das mit selbst gewählten Schlüsselwörtern im Text zu bewerkstelligen. Generell wird empfohlen, digital langsamer zu lesen als gewohnt. Wobei, schaden kann ein gemäßigtes Lesetempo ja nie. Womit wir bei der Muße und der Muse wären. Wie die Erfahrung zeigt, wird vor allem Fach- und Sachliteratur digital gelesen. Das „gute Buch“ dagegen verleibt (!) man sich in der gedruckten Version ein. Dabei legen die Ergebnisse der Stavanger-Leseforscher genau das Gegenteil nahe. In Sachen Literatur macht es – anders als bei Sachtexten – dann doch keinen Unterschied. Es ist egal, ob sie gedruckt oder als E-Book gelesen wird. Andererseits, wer stellt sich schon mehrere Versionen eines Kindles ins Regal? Als Sinnbild seiner Lesenden-Biografie? Etwa Sie?

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