Kino
Filmfestival Venedig: Schwere Wahl
Nahezu jeder der 21 Filme im Hauptwettbewerb hat eine Ehrung verdient. Maßstäbe gesetzt haben beispielsweise Paul Schrader (USA) mit „The Card Counter“, Pedro Almodóvar (Spanien) mit „Madres paralelas“ und Xavier Giannoli (Frankreich) mit „Illusions perdues“. Wobei diese Filme wie viele andere über die Auseinandersetzung mit dem Gestern auf das Heute blicken, dabei die bürgerliche Gesellschaft kritisch beleuchten, ohne sie zu denunzieren.
Junge Frau im Zwiespalt
Das tut auch die französische Autorin und Regisseurin Audrey Diwan in „L’événement“ (zu deutsch: „Das Ereignis“), ihrem erst zweiten abendfüllenden Spielfilm, international unter dem Titel „Happening“ vermarktet. Die Adaption eines autobiografischen Romans von Annie Ernaux blickt auf die 1960er Jahre: Anne (herausragend: Anamaria Vartolomei) möchte studieren. Als sie schwanger wird, hat sie Angst, Ausbildung und Muttersein nicht vereinen zu können. Sie möchte abtreiben. Doch das ist verboten. Verzweifelt sucht sie nach Hilfe. Dabei gerät sie in viele Gefahren, etwa die, verhaftet zu werden, oder die, an einem illegalen Eingriff zu sterben.
Der Film zeigt sehr genau, wie schwer es für eine Frau sein kann, sich für oder gegen ein Kind zu entscheiden. Vor allem aber wird gezeigt, dass dazu wahre Höllenqualen kommen, wenn die Frau von der Gesellschaft nicht unterstützt, sondern massiv behindert wird. Da denkt man als Zuschauer natürlich sofort an aktuelle Entwicklungen, etwa jene rückwärtsgewandten in den USA, die Frauen das Recht nehmen wollen, autonom über sich und ihren Körper zu entscheiden. Weil auch gut gespielt und formal reif erzählt, hat der Film Löwen-Chancen.
Unmenschliche Ausbeutung in Mexiko
Ebenso kann „La caja“ („The Box“), eine mexikanisch-amerikanische Produktion, auf einen Preis hoffen. Der aus Venezuela stammende Autor und Regisseur Lorenzo Vigas beleuchtet über eine Vater-Sohn-Geschichte den Alltag von Arbeiterinnen und Arbeitern, die unter unmenschlichen Bedingungen in mexikanischen Fabriken ausgebeutet werden. Lorenzo Vigas hat 2015 mit seinem Kino-Debüt, dem homoerotischen Kammerspiel „Caracas, eine Liebe“, schon einmal den Goldenen Löwen von Venedig gewonnen. Gut möglich, dass ihm das mit seinem neuen, ganz auf leise, feine Beobachtungen setzenden Gesellschaftspanorma erneut gelingt.
Von den Wolfsgesetzen des Kapitalismus
Gut im Rennen liegt aber auch der polnische Spielfilm „Leave No Traces“ („Hinterlass keine Spuren“). Regisseur Jan P. Matuszynski erkundet das Leben junger Leute 1983 in Polen. Damals haben die Machthaber im Kampf gegen die Freiheitsbestrebungen des Volkes auf die Verhängung des Kriegsrechts gesetzt. Das wird anhand der auf Tatsachen beruhenden Geschichte eines von der Polizei zu Tode geprügelten Jugendlichen klar. Ohne es auszusprechen, zeigt der Film sehr deutlich, worauf die heute Mächtigen bauen, um ihre Ziele durchzusetzen. Chancenreich ist obendrein der neue Film des Franzosen Stéphane Brizé („Mademoiselle Chambon“). In „Un autre monde“ (zu deutsch. „Eine andere Welt“) widmet er sich überaus wirkungsvoll dem Überlebenskampf eines Managers, der von den Wolfsgesetzen des Kapitalismus’ aufgefressen zu werden droht.
Wortloses Naturschauspiel
Experimentelles kommt dieses Jahr aus Italien. Michele Frammartinos wortloser Film „Il buco“, („Das Loch“) fesselt als Reenactment einer geologischen Expedition in den frühen 1960er Jahren und als sehr gegenwärtige Hommage an die Natur. Gabriele Mainettis „Freaks Out“ mit dem deutschen Schauspiel-Star Franz Rogowski in einer Schlüsselrolle packt als forscher Versuch, die Verbrechen des Hitler-Faschismus’ in einem grellbunten Comic-Strip im Stil der Marvel-Filme zu entlarven. – Bei der Fülle an gutem Kino, ist es wirklich äußerst spannend, wie die Jury wohl entscheiden wird.