Goldene Löwen RHEINPFALZ Plus Artikel Filmfestival Venedig: Hauptpreis geht in die USA

Von Verlierern des amerikanischen Traums erzählt der US-Film „Nomadland“, der in Venedig den Goldenen Löwen gewonnen hat. Die Ha
Von Verlierern des amerikanischen Traums erzählt der US-Film »Nomadland«, der in Venedig den Goldenen Löwen gewonnen hat. Die Hauptrolle spielt Frances McDormand.

Die Jury der 77. Filmfestspiele von Venedig hat ihre Preise wohl vor allem unter politischen Aspekten vergeben. Zum Abschluss des weltweit ersten großen Filmfestivals nach Ausbruch der Corona-Pandemie haben Jurypräsidentin Cate Blanchett und ihr Team, darunter der deutsche Regisseur Christian Petzold („Undine“), überwiegend Filme über Menschen in den Stürmen der Zeit ausgezeichnet.

Das Kino als Seismograph der Zeit hat in Venedig den Ton angegeben. Nahezu alle der 18 Filme im Wettbewerb um den Hauptpreis, den Goldenen Löwen, erzählen Geschichten von Menschen, die auf Grund gesellschaftlicher Erschütterungen das eigene Leben überdenken müssen. Der Hauptpreis geht an das am Freitag als allerletzter Beitrag angetretene, fern des etablierten Hollywood-Systems entstandene US-amerikanische Drama „Nomadland“ der chinesischstämmigen Regisseurin Chloé Zhao.

Die Hauptrolle spielt, äußerst zurückgenommen, Frances McDormand, 2018 mit dem Oscar ausgezeichnet für ihre Darstellung in „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“. Als Fern lebt sie in „Nomadland“ in einem Wohnwagen und erlebt, sozusagen als moderne Nomadin, Licht und vor allem Schatten des alten amerikanischen Traums vom Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Das Dunkle überwiegt jedoch. Fern hat ihren Mann an Krebs verloren, und durch die Finanzkrise 2008 verlor sie auch all ihr Hab und Gut. Insbesondere muss sie begreifen, dass die Kraft der Einzelnen kaum etwas gegen die Macht des Kapitals ausrichten kann.

Hoffnung auf die Solidarität der Schwachen

Die Geschichte wird nicht agitatorisch erzählt, sondern zurückhaltend, oft in geradezu poetischen Bildern, die jedoch nie zur Postkartenidylle werden. Wobei der Film auf eine Hoffnung setzt: die Solidarität der Schwachen. Denn Ferns Reise durch das Land wird insbesondere von Begegnungen mit großartigen anderen Menschen geprägt. Diese werden nahezu durchweg von Laien, von größtenteils wirklich an den Rand gedrängten Menschen, verkörpert. Das gibt „Nomadland“ vielfach einen dokumentarischen Anstrich und verstärkt die Authentizität. Davon hat sich die Jury, wie viele im Festivalpublikum, offenbar beeindrucken lassen, auch wenn der Film in stilistischer Hinsicht am ehesten mit dem Begriff solide charakterisiert werden muss.

Provozierender ist der Film, der mit der zweiten wichtigen Ehrung des Festivals ausgezeichnet wurde, mit dem „Großen Preis der Jury“: „Nuevo Orden“ („Neue Ordnung“) des Mexikaner Michel Franco. Er blickt auf die nahe Zukunft seines Heimatlandes. Ausgangspunkt der mit viel Gewalt aufgeladenen Erzählung ist die immer größer werdende Kluft zwischen arm und reich. Benachteiligte überfallen eine Hochzeitsfeier in einer Villa. Die Situation eskaliert. Das Militär mischt sich ein, nutzt die Situation für einen Putsch. Am Ende sind es die Unterdrückten, die wieder die Verlierer sind. Der Film verstört – auch, weil er ungemein zynisch anmutet und sich der Eindruck aufdrängt, Michel Franco habe mehr Interesse an Schockeffekten denn an einer profunden Auseinandersetzung mit dem Zustand der Welt, gefilmt mit virtuoser Eiseskälte. Die Auszeichnung dieses Films wird nicht einhellig beklatscht. Wie auch nicht der Preis an Kiyoshi Kurosawa für die Regie des Spionagefilm „Die Frau eines Spions“. Der Japaner war bisher für artifizielle Horrorfilme wie „Pulse“ (2001)bekannt.

Regiepreis für Verstaubtes

Er erzählt nun sehr konventionell, geradezu verstaubt anmutend, von einem Ehepaar, das die Alliierten im Zweiten Weltkrieg über japanische Kriegsverbrechen informieren will. So ehrenwert es ist, den Mut einzelner Menschen im Kampf gegen die Mächtigen zu zeigen, so überrascht es doch, gerade diesem Film den Regiepreis zu vergeben, denn die Inszenierung bleibt zu nah an althergebrachtem Kostüm-Kino.

Ähnliches gilt für „Liebe Genossen!“ des russischen Regie-Veteranen Andrei Konchalowsky („Sibiriade“, „Paradies“) über einen Arbeiteraufstand, den Moskaus Geheimdienst KGB 1962 blutig niedergeschlagen hat (siehe RHEINPFALZ von 11. September). Dafür gab es den Spezialpreis der Jury. Wie diese Auszeichnungen hat auch die des indischen Regisseurs Chaitanya Tamhane überrascht. Er bekam lediglich den Preis für das beste Drehbuch für „Der Schüler“ (RHEINPFALZ von 5. September), einen bezaubernden Film, dem ein Großteil des Publikums eine der gewichtigeren Ehrungen zugedacht hatte.

Deutsche Hoffnungen enttäuscht

Nicht überrascht hat die Auszeichnung der in gleich zwei Wettbewerbsfilmen agierenden Vanessa Kirby (Mission: Impossible – Fallout“) als beste Schauspielerin. Die Engländerin bekam den Preis allerdings für ihr Porträt einer Frau nach der erschütternden Erfahrung einer Totgeburt in dem in den USA gedrehten Drama „Pieces of a Woman“ des Ungarn Kornél Mundruczó, obwohl sie im sensiblen Seelendrama „The World to Come“ der Regisseurin Mona Fastvold die beeindruckendere Leistung zeigt (RHEINPFALZ von 8. September). Völlig unverständlich ist hingegen die Auszeichnung des Italieners Pierfrancesco Favino für seine Darstellung eines in den 1970er Jahren von Terroristen angeschossenen Richters in „Padrenostro“: Der in Italien sehr bekannte Schauspieler agiert nur in einer Nebenrolle und wird im Film locker von dem Kinderdarsteller Mattia Garaci in der Hauptrolle übertrumpft.

Nicht erfüllt haben sich die deutschen Hoffnungen. Julia von Heinz’ Polit-Drama „Und morgen die ganze Welt“ ging bei der Filmfestival-Jury leer aus. Allerdings haben unabhängige italienische Journalisten Hauptdarstellerin Mala Emde („303“) für ihre kraftvolle Interpretation einer Mannheimer Studentin im Spannungsfeld linker und rechter politischer Überzeugungen den „Bisato d’Oro“ verliehen. Der Film kommt Ende Oktober in deutsche Kinos.

Die Preisträger

Goldener Löwe: „Nomadland“, Regie: Chloé Zhao (USA)

Großer Preis der Jury: „Nuevo Orden“ („Neue Ordnung“), Regie: Michel Franco (Mexiko)

Regie-Preis: Kiyoshi Kurosawa für „Die Frau eines Spions“ (Japan)

Spezialpreis der Jury: „Liebe Genossen!“, Regie: Andrei Konchalowsky (Russland)

Drehbuch-Preis: Chaitanya Tamhane für „Der Schüler“ (Indien)

Schauspiel-Preise: Vanessa Kirby für „Pieces of a Woman“ (USA) und Pierfrancesco Favino für „Padrenostro“ (Italien)

Kommentar

Die Organisation des ersten großen Filmfestivals mit Publikum seit Ausbruch der Corona-Pandemie hat Maßstäbe gesetzt.

Maskenpflicht, Abstandsregeln, nicht mal halb gefüllte Kinosäle – die Corona-Pandemie hat der 77. Mostra Internazionale d’Arte Cinematografica eine wahrlich besondere Prägung aufgezwungen. Eine der Folgen: die großen Hollywood-Studios haben in diesem Jahr keine Beiträge entsandt. Vorab glaubten viele, wegen dieser Misslichkeiten müsse die diesjährige Ausgabe des ältesten Filmfestivals der Welt scheitern. Das Gegenteil war der Fall.

Ganz profan war es schlichtweg angenehm, keinem Gedränge ausgesetzt zu sein, keinen Warteschlangen, keine Aufführungen wegen Überfüllung zu versäumen. Die Organisation der Abläufe von der Ticket-Reservierung im Internet bis zum Einlass war rundum perfekt. Nachfolgende Festivals, wie etwa die Berlinale im Februar 2021, sind gut beraten, die Regeln und Riten aus Venedig zu übernehmen. Dieses erste gewichtige internationale Festival seit Ausbruch der Corona-Pandemie mit Publikum hat Maßstäbe für die Organisation derartiger Großveranstaltungen gesetzt.

Zudem hat die Auswahlkommission um den mit dieser Festival-Ausgabe abtretenden jahrelangen künstlerischen Leiter Alberto Barbera sehr gute Arbeit geleistet. Die Konzentration auf das Arthouse-Kino, Filme ohne großen Namen, aber mit künstlerischem Gewicht, hat zu einem exzellenten Programm geführt. Das Publikum konnte zudem intensiv genießen. Da es viel weniger Filme waren als bisher üblich, war es auch möglich, sich gründlicher mit ihnen auseinanderzusetzen. Besonders geglückt: der hochkarätige Wettbewerb. Die18 Filme aus allen Himmelsrichtungen, so unterschiedlich sie in Handschrift und Thematik waren, haben gemeinsam den Blick auf die Welt geschärft. – Venedig 2020: ein Festival der Hoffnung!

Szenen aus dem Film „Nuevo Orden“ von Michel Franco, der überrascehnd den Spezialpreis der Jury gewonnen hat.
Szenen aus dem Film »Nuevo Orden« von Michel Franco, der überrascehnd den Spezialpreis der Jury gewonnen hat.
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