Kino
Filmfestival Mannheim-Heidelberg: Ein Wettbewerb mit vielen Filmen von Frauen
„Ich glaube, was wir in Zeiten wie diesen brauchen, sind Filme und Geschichten, die uns einander näher bringen“, sagt die Regisseurin Ruthy Pribar. Die Israelin befindet sich gerade in ihrer Heimat ebenfalls im zweiten Lockdown, kann daher nur per Video über ihr Debüt sprechen, das jetzt im Wettbewerb des Filmfestivals läuft.
Ihr Film „Asia“ dürfte viele Zuschauerinnen zu Tränen rühren : eine Mutter-Tochter-Geschichte mit tragischer Note, die nah an ihren beiden Hauptfiguren bleibt: Asia (eine hebräische Variante des Namens Johanna) ist 35 und einst aus Russland nach Jerusalem ausgewandert, wo sie als Krankenschwester arbeitet. Ihr Leben zwischen Krankenhaus und Single-Bars wirkt zunächst unspektakulär. Das Verhältnis zu ihrer 17-jährigen Tochter Vika ist allerdings ein wenig kühl. Aber Vika will eben, wie viele Teenager, gerade Grenzen austesten. Mit Alkohol, Haschisch, vielleicht Sex. Mehr, weil sie dazugehören will, als weil sie selbst das möchte.
Dass Vika kein ganz so normales Teenagerleben führt, wird erst klar, als sie im Krankenhaus landet. Sie dürfe wegen ihrer Tabletten doch keinen Alkohol trinken, mahnt die Mutter sie entnervt. Und das Publikum versteht, dass Asia ihre schroffe Fassade aufgebaut hat, um nicht an sich heranzulassen, was der Tochter bevorsteht: Vika leidet an einer unheilbaren Muskelkrankheit, die sehr schnell voranschreitet. Als sich Asia und Vika dieser Diagnose stellen, wandelt sich ihre Beziehung, wird sanfter, zärtlicher. Und Vika wird erstaunlich schnell erwachsen, nimmt ihr Los an, hadert nicht.
Eine neue Geschichte erzählt Ruthy Pribar wahrlich nicht, auch geht manches zu schnell. Doch beeindruckt ihr Blick auf weibliche Sexualität. Und Alena Yiv brilliert in der Titelrolle. Die 25-jährige Shira Haas, bekannt als Star aus dem Netflix-Hit „Unorthodox“, wiederum spielt die emotionale Seite ihrer Figur der todkranken Tochter stark. Das körperliche Leiden überzeugend darzustellen, gelingt ihr dagegen weniger.
„Lorelei“ träumt vom Wasser
Natürlicher, lebensechter und weniger wie eine Versuchsanordnung wirkt der US-Film „Lorelei“, das Debüt der Londonerin Sabrina Doyle, die auf gleich fünf großartige Schauspieler zählen kann, darunter drei Kinderdarsteller: Von einer frischen Patchworkfamilie, die am Rand der Gesellschaft lebt, erzählt dieser warmherzige und sensible Film, der dank des glaubwürdigen Figurenführung über die ebenfalls schon öfter verfilmte Grundkonstellation hinausführt.
Im Mittelpunkt steht trotz des auf die Rhein-Sirene anspielenden Titels allerdings ein Mann: Wayland ist nach 15 Jahren aus dem Gefängnis entlassen worden. Pablo Schreiber, Halbbruder von Liev Schreiber, spielt den Ex-Biker als sanften, geläuterten Mann, der mit seiner Jugendliebe eine zweite Chance bekommen möchte. Dolores (Jena Malone) hat inzwischen drei Kinder von drei verschiedenen, abwesenden Vätern und lebt am Existenzminimum. Sie ist eine liebevolle Mutter, doch bisweilen überfordert. Wayland zieht bald bei ihr ein und wächst in die Vaterrolle hinein.
Nahezu beiläufig als Selbstverständlichkeiten verhandelt Sabrina Doyle dabei Themen, die in diese Welt potenzieller Trump-Wähler zunächst nicht zu passen scheinen: Dolores’ ältester Sohn ist schwarz, der jüngere trägt gern die Kleider seiner Schwester. Und alle drei schaffen es, würdevoll mit ihren kindischen Unterschichtsnamen umzugehen: Die Kinder heißen nach Blautönen: Dodger (wie das Baseball-Team aus Dolores’ Sehnsuchtsstadt Los Angeles), Denim und Periwinkle Blue (zu deutsch: Immergrün/Lavendelblau). Doch dieses Leben zwischen Putzjob und Karaoke-Singen mit den Kindern nagt an Dolores. Und sie versucht, sich doch noch einen alten Traum zu erfüllen. „Lorelei“ schrammt bisweilen nah am Klischee vorbei und hätte einen stärkeren Fokus auf Dolores’ Innenleben vertragen. Dank der starken Darsteller aber geht der Film ans Herz.
Geht es auch ohne Mann?
Zwei Filme über Frauen, die langsam – und über den Umweg archaischer Rituale – lernen, sich nicht über Männer zu definieren, sind „Gold For Dogs“ aus Frankreich und „Longing Souls“ von der kolumbianischen Regisseurin Diana Montenegro Garcia.
Die 17-jährige Esther (Tallulah Cassavetti) steht im Mittelpunkt von Anna Cazenave Cambets Regiedebüt „Gold For Dogs“. Ein Freigeist scheint sie zu sein, der den Sex mit ihrer Sommerliebe Jean auskostet. Sie jobbt in einer Eisdiele am Strand, das Licht ist golden. Doch dann endet der Sommer. Jean zieht zurück nach Paris. Und Esthers Mutter hat keinen Platz mehr für die große Tochter, wirft ihr gar eifersüchtig vor, ihren neuen Freund anzumachen, mit dem sie noch ein Baby bekommen hat.
Spätestens nun wird deutlich: Esther ist einsam und sucht verzweifelt Halt. Will geliebt werden. Ohne Geld und Gepäck steht sie bald bei Jean vor der Tür, der sie jedoch zurückweist. Zuflucht findet sie in einem Kloster. Und lernt, dass sie doch stärker ist als so manch andere hierher Geflüchtete. Die Botschaft des ebenfalls mitreißend gespielten und mit einem faszinierenden Soundtrack (Anspieltipp: „I Never Loved“ von der Schwedin Tami T.) punktenden Films wirkt jedoch eher vage und weniger emanzipatorisch als zunächst erhofft.
In noch traditionelleren Rollenmustern verhaftet sind die Protagonistinnen in „Longing Souls“. Die kolumbianisch-brasilianische Produktion erzählt aus der Perspektive einer Zehnjährigen: Camila verbringt viel Zeit damit, Gott darum zu bitten, dass ihre Eltern sich trennen. Denn der Vater schlägt die Mutter. Gewalttätige Männer scheinen indes für die weibliche Seite der Großfamilie normal: Ein Fluch soll auf den Frauen liegen, ausgesprochen einst von einer eifersüchtigen Nachbarin. Keine soll glücklich werden in der Liebe.
Auch glauben Camilas Tanten, dass man, wenn man sich einmal für einen Mann entscheidet – was hier offenbar der einzige Lebensweg ist –, sich eben damit arrangieren muss. Egal, wie dieser Partner sich verhält. Zum Trost kuscheln sich die Frauen in diesem Film ohne Außenszenen gern zusammen auf ein Bett, pflegen einander Haare und Haut. Camila scheint diese Duldsamkeit – wie auch so mancher Zuschauerin – doch zu wenig. Sie betet weiter. Und die Regisseurin gönnt ihr doch einen Erfolg, der wohl ohne Gottes Hilfe zustande kommt. Dennoch ein Film, der deutsche Zuschauerinnen ob seines Frauenbilds verwundern dürfte.
Das Festival