Kino
Film der Woche: „Im Herzen jung“ mit Fanny Ardant
Zur Zeit der Dreharbeiten vollendete Fanny Ardant ihr siebtes Lebensjahrzehnt. Und obwohl es nicht den Anschein hat, als habe die Schönheitschirurgie nachgeholfen (wenn doch, dann sehr geschickt), strahlt sie nach wie vor ein schier unfassbares, geradezu jugendlich anmutendes erotisches Flirren aus. Was wesentlich auch daran liegt, dass sie, wie schon immer, den von ihr verkörperten Frauen Geheimnisse lässt.
Welterfolge wie „Die Frau nebenan“ (1981), „Auf Liebe und Tod“ (1983), „8 Frauen“ (2002) und „La belle époque“ (2019) haben in hohem Maß davon gezehrt. Fanny Ardant verbirgt stets viel mehr als sie enthüllt, körperlich und seelisch. So ist es auch in diesem wunderbar leisen Film um eine von Leidenschaft, Schmerz und Erfüllung geprägte Liebe.
Fanny Ardant, inzwischen 74, ist Shauna, eine einst erfolgreiche Architektin. Sie lebt recht zurückgezogen. Der Zufall führt sie und den Onkologen Pierre (Melvil Poupaud) 15 Jahre nach einer ersten, flüchtigen Begegnung zusammen. Er ist glücklich verheiratet mit seiner Kollegin Jeanne (Cécile de France) und den zwei Kindern ein guter Vater. Doch die 70-Jährige und der Mittvierziger fühlen sich unentrinnbar voneinander angezogen. Ihre Liebe sprengt alle Ketten der Vernunft.
Shauna aber traut dem Glück nicht. Und sie möchte Pierres Ehe nicht zerstören. Drum entsagt sie ihrem Verlangen und verbietet ihm jeden weiteren Kontakt. Sie macht das auch, weil sie unheilbar krank ist und nicht will, dass sich der Geliebte an eine in absehbarer Zeit pflegebedürftige Frau bindet. Beiden tut die Trennung enorm weh. Shauna aber bleibt eisern. Pierre will das nicht akzeptieren und kämpft. Dabei ist es mehr als fraglich, ob er Erfolg hat.
Es sind in erster Linie kleine Gesten und kurze Blicke, die die Geschichte erzählen. Ohne hysterischen Überschwang. Oft bestimmt eine stille Trauer den Ton der Erzählung, darüber, dass zu viele Menschen aus Scheu, manchmal auch Feigheit, oft auf Grund gesellschaftlicher Konventionen am Lebensglück vorbei gehen. Die noch immer bestehenden Vorurteile gegenüber dem Miteinander einer älteren Frau mit einem wesentlich jüngeren Mann werden feinsinnig reflektiert.
Viele werden zum Taschentuch greifen
Regisseurin Carine Tardieu argumentiert nicht lautstark, agitiert nicht. Sie zeigt in den eleganten, sinnlich aufgeheizten Bildern der Kamerafrau Elin Kirschfink die Schönheit der Liebe an sich. Und Fanny Ardant ist die ideale Interpretin Shaunas. Das gerade weil sie ihr Alter nicht versteckt. In einigen Szenen wird geschickt darauf angespielt. So löscht Shauna etwa das Licht, bevor sie das erste Mal mit Pierre ins Bett geht. Bekommt sie auf ihrem Mobiltelefon eine Nachricht, muss sie als erstes ihre Brille suchen, ehe sie lesen kann. Schreibt sie selbst, bringen sie die Autokorrekturen des Gerätes schier zur Verzweiflung, und sie schickt kryptischen Unsinn ab.
Das Drehbuch zu dem in Frankreich bereits 2021 herausgekommenen und vom Publikum gefeierten Film stammt von der vor acht Jahren viel zu jung an Krebs gestorbenen isländisch-französischen Filmemacherin Sólveig Anspach. Ihre Kollegin Carine Tardieu hat nun mit spürbarer Zuneigung zu den Filmfiguren Regie geführt. Kitsch hat sie keine Chance gegeben.
Dass viele Zuschauer dennoch zum Taschentuch greifen müssen, ist dem hinreißenden Spiel des Hauptdarstellertrios Fanny Ardant, Melvil Poupaud und Cécile de France zu danken. Alle drei beherrschen die Kunst der leisen Töne perfekt. Jeder Moment mutet wahrhaftig an. Man bangt mit jeder Figur, wünscht allen nichts als das Beste und weiß doch, dass es Verletzungen geben muss.
Die ergreifendsten Augenblicke des Films gehören Ardant. Überwiegend sind es solche des Innehaltens, des Schweigens. Der exzellenten Charakterdarstellerin gelingt es, die Illusion zu vermitteln, dass man der von ihr so hingebungsvoll verkörperten Shauna beim Denken zusehen kann, ja, dass der Schlag ihres Herzens den des eigenen bestimmt. Und lächelt Fanny Ardant, glaubt man für eine Sekunde Glückseligkeit, man könne die Sterne vom Himmel pflücken.