Kino
Film der Woche: „Helmut Newton – The Bad and The Beautiful“
Gero von Boehm, der schon zahlreiche Filme über Berühmtheiten – beispielsweise Audrey Hepburn, Harry Belafonte und Karl Lagerfeld – gedreht hat, nähert sich der Persönlichkeit und dem Werk Helmut Newtons vor allem über Aussagen bekannter, von ihm fotografierter Frauen an. Die Schauspielerinnen Isabella Rossellini, Charlotte Rampling und Hanny Schygulla sind dabei, auch die Top-Models Nadja Auermann und Claudia Schiffer, Newtons Witwe June, unter dem Namen Alice Springs selbst erfolgreich als Fotografin. Charlotte Rampling fasst die Grundhaltung der Frauen einmal kurz und bündig zusammen, indem sie fragt, was denn wohl falsch daran sein könne, mit Kunst zu provozieren. „Wir brauchen Provokateure!“, so ihre Meinung.
Steter Vorwurf: Sexismus
Zugleich wischt der Film den Vorwurf, viele von Newtons Fotos seien sexistisch, nicht einfach vom Tisch. So kommt etwa die US-amerikanische Schriftstellerin und Publizistin Susan Sontag (1933 – 2004) in Archivaufnahmen zu Wort. Sie fand Newtons Bilder schlichtweg scheußlich, kommentierte sie mit dem Satz: „Seine Phantasien sind ungeheuerlich.“ Ihrem unverrückbaren feministischen Standpunkt hatte Helmut Newton im persönlichen Schlagabtausch, so zu sehen und zu hören, nicht viel mehr als ein nonchalantes Schulterzucken entgegen zu setzen. Indem er das zeigt, bewahrt Gero von Boehm sich auf kluge Weise davor, Newton als unantastbar auf einen Sockel zu heben.
Vier nackte Frauen auf High Heels
Natürlich sind auch viele der umstrittenen Fotos zu sehen, wie jenes Schwarz-Weiß-Bild aus dem Buch „Big Nudes“ (1982), auf dem vier nackte Frauen überlebensgroß in High Heels posieren. Die berühmte Aufnahme wird von den einen als sexistisch empfunden, von anderen als bedrohlich, von wieder anderen als Dokument starker, selbstbewusster Weiblichkeit. Letzterem schließen sich die im Film zu Wort kommenden Frauen durchweg an. Charlotte Rampling, Grace Jones, Marianne Faithfull betonen, dass sie die Fotos als Dokumente weiblicher Macht empfinden. Wobei Nadja Auermann sie zudem als Spiegel einer Gesellschaft deutet, die nun einmal nach wie vor von Sexismus geprägt sei.
Riefenstahls Einfluss auf den Vertriebenen
Besonders spannend ist Gero von Boehms Versuch, Helmut Newton selbst und seinen künstlerischen Stil in einen historischen Kontext zu stellen. Dabei bewegt ihn zum Beispiel die Frage, wie es sein konnte, dass sich der wegen seiner jüdischen Herkunft von den Nazis aus Deutschland Vertriebene ausgerechnet ganz besonders von Adolf Hitlers Hof-Regisseurin Leni Riefenstahl beeinflussen lassen konnte. Newton selbst sagte dazu, dass die Fotos und Filmsequenzen der Riefenstahl, wie ihr Olympia-Film von 1936, in seinen frühen Jahren allgegenwärtig waren und er von deren Stilisierung körperlicher Kraft fasziniert war. Hört man Newtons dramatische Schilderungen seiner Kindheit und Jugend bis hin zur waghalsigen Flucht aus Nazi-Deutschland, ist das so irritierend wie erhellend.
Die Kamera als beschützender Abstandhalter
Besonders nah meint man Helmut Newton zu kommen, wenn Momentaufnahmen einen Einblick in sein Privatleben gestatten, die über Jahrzehnte offenbar beglückende Zweisamkeit mit seiner Frau June spiegeln. Da wird deutlich, dass die Kamera für ihn viel mehr als ein Werkzeug war. Sie gab ihm Schutz vor den Dämonen des Lebens. So sagte er selbst, dass die Kamera für ihn immer Hilfsmittel gewesen wäre, um sich in gewisser Weise von Unliebsamem entfernt zu halten, ohne es auszublenden. Wobei Gero von Boehm indiskrete Blicke durchs Schlüsselloch erfreulicherweise konsequent vermeidet. Man sieht in vielen alten Aufnahmen, wie Helmut Newton gearbeitet hat. Man spürt, wie er die von ihm Fotografierten geachtet hat. Man empfindet seine Besessenheit. Dabei versucht der filmische Essay jedoch nicht, mögliche kritische Einwände der Betrachter zu negieren. Gero von Boehm lässt viele Deutungen zu. Das wird kraftvoll unterstrichen, wenn Charlotte Rampling gegen Ende des Films sagt: „Wen kümmert schon der Mann? Es geht um seine Kunst!“