Kultur
Film der Woche: Das britische Musical „Wild Rose“
Eine von allerlei Pech verfolgte junge Frau schafft es dank Leidenschaft, Talent und Mut gegen alle Widerstände ganz nach oben: Geschichten dieser Art wurden im Kino schon unzählige Mal erzählt, zuletzt in „A Star Is Born“. Doch das morgen in deutschen Kinos anlaufende britische Drama „Wild Rose“ ist kein Abklatsch, sondern einer der schönsten Filme der Vorweihnachtszeit.
Die junge Frau, deren Geschichte hier erzählt wird, heißt Rose-Lynn (Jessie Buckley) und lebt im schottischen Glasgow. Zu Filmbeginn wird die 23-Jährige nach einem Jahr Haft wegen eines Drogendelikts aus dem Gefängnis entlassen. Mit einer elektronischen Fußfessel an ihre Vergangenheit gebunden, erscheinen ihre Zukunftsaussichten alles andere als rosig.
Mutter Marion (Julie Walters) hat daher nur eins im Sinn: Rose-Lynn soll endlich erwachsen werden und verantwortungsbewusst leben. Das heißt: Sie soll sich mit Liebe und Engagement um ihre zwei kleinen, fünf und acht Jahre alten Kinder kümmern. Rose-Lynn aber klammert sich an ihren Traum, als Country-Sängerin nach Nashville zu gehen. Sie ist sich sicher: Wenn sie es dorthin schafft, wird sie ganz groß rauskommen. Doch wie soll es gelingen?
Kein übliches Aufstiegsmärchen
Die Band daheim, in der sie vor ihrer Verurteilung gesungen hat, will nichts mehr von ihr wissen. Und der von ihr nur widerwillig angenommene Job als Haushaltshilfe bei der vermögenden Susannah (Sophie Okonedo) verhilft ihr nicht zu dem für eine Reise in die USA notwendigen Geld. Und so lange sie die Fußfessel trägt, ist sowieso nicht an eine Flucht in die Ferne zu denken. Doch Rose-Lynn denkt weniger, als dass sie in wuchernden Tagträumen, etwa beim Staubsaugen, die gewünschte Karriere durchlebt. Und dann sieht es eines Tages so aus, als geschähe so etwas wie ein kleines Wunder...
Geht es also zielsicher Richtung Happy End? Mitnichten. Die bisher ausschließlich für das britische Fernsehen tätige Drehbuchautorin Nicole Taylor und der nach seinem Kinodebüt 2010 mit „The Scouting Book For Boys“ überwiegend fürs Fernsehen arbeitende Regisseur Tom Harper bieten keines der üblichen Aufstiegsmärchen. Die mit einigen überraschenden Wendungen gespickte Erzählung konzentriert sich vor allem auf die Frage, wie viel Egoismus erlaubt ist, wenn ein Mensch partout seinen Lebenstraum verwirklichen möchte. Dabei wird kein glattes, schönes Bild der Hauptfigur Rose-Lynn gezeichnet.
Für den Traum von Nashville tut sie alles
Die Möchtegern-Nashville-Lady ist alles andere als eine sympathische Person. Sie ist völlig ich-bezogen, hat keinerlei emotionale Bindung an ihre Kinder, sieht in ihrer fürsorglichen Mutter nichts als eine spießige Langweilerin, versucht alles, um die ihr sehr zugetane Susannah nach Strich und Faden für ihr einziges Ziel auszunutzen. Und genau das ist überaus spannend. Endlich einmal wird die im Kern tatsächlich nach 08/15-Muster gestrickte Mär nicht mit Sozial- und Psychokitsch verbrämt, sondern es wird knallharte Wirklichkeit gezeigt. Und das, ohne mit dem Finger auf die Protagonistin zu zeigen. Wohl jeder Zuschauer wird sich dabei erwischen, dass er, wie Rose-Lynn, die Kinder verwünscht und die Mutter verflucht. Es drängt sich die Frage auf, ob jemand, der in sich ein besonderes Talent verspürt, nicht das Recht auf krassen Egoismus hat. Es muss doch erlaubt sein, andere auch mal zu verletzen, wenn man selbst ganz nach oben will? Oder ist genau das nicht erlaubt, überschreitet man damit eine Grenze, die im menschlichen Miteinander nun einmal nicht überschritten werden darf? Klugerweise gibt der Film keine handliche Antwort und zwingt die Zuschauer so, sich selbst infrage zu stellen.
Getragen wird „Wild Rose“ von dem exzellenten Hauptdarstellerinnen-Trio. Aus diesem ragt die Irin Jessie Buckley („Beast“), die ihre Karriere zunächst als Sängerin in einer Castingshow begann, in der Titelrolle heraus. Es ist schier verblüffend und absolut mitreißend, wie die erfahrene Musical-Interpretin das Kratzbürstige und die Ichbezogenheit der Titelfigur zeigt, ohne sie zu denunzieren. Im Gegenteil: Je länger man Rose-Lynn begleitet, umso mehr versteht man sie nicht nur, sondern steht ihr sozusagen bei. Jessie Buckley, die auch in der Anfang Januar in den deutschen Kinos anlaufenden Judy-Garland-Biografie „Judy“ eine wichtige Rolle spielt, erweist sich als absolute Könnerin.
Und die Zuschauer wippen mit
Glaubwürdig zeigt sie auch in kleinen, fein gesetzten Momenten Rose-Lynns Verletzlichkeit, ihre Unsicherheit, deren aus ihren Lebensumständen erwachsene Unfähigkeit, über den eigenen Tellerrand hinauszublicken. Und, klar: Die Musik tut ein Übriges, um das Publikum in den Bann zu ziehen. Selbst Leute, denen Country-Music eher fern ist, werden sich dabei erwischen, wie sie zu bereits bekannten Hits und für diesen Film komponierten Songs die Füße wippen.