Kino
Film der Woche: „Babylon – Im Rausch der Ekstase“
Erneut taucht Damien Chazelle, der auch das Drehbuch geschrieben hat, mit dem gerade bei den Golden Globes ausgezeichneten Film „Babylon – Im Fluch der Ekstase“ ein in die Welt des Kinos. Genauer: in jene der Kinoindustrie. Dieses Mal blickt er vor allem auf Träume und Treiben, Leiden und Lieben, Streben und Sterben im Hollywood des Übergangs vom Stumm- zum Tonfilm, also zum Ende der 1920er-Jahre.
Nicht zufällig heißt sein Film dabei „Babylon“. Das ist eine deutliche Anspielung auf das zahlreiche Skandale der US-amerikanischen Traumfabrik enthüllende Buch „Hollywood Babylon“ von Kenneth Anger, erstmals erschienen 1959. Überdeutlich zielt darauf auch der aufdringlich-oberflächliche deutsche Untertitel „Im Rausch der Ekstase“ ab.
Blick durchs Schlüsselloch
Wie in dem nun schon Jahrzehnte alten Buch über Sterne und Sternchen der Traumfabrik und die Schattenseiten ihres Daseins sind in diesem Film Sex und Gewalt, Machtmissbrauch und Liebedienerei das A und O. Überdeutlich wird sehr schnell klar: Die Traumfabrik ist ein Alptraum. Hier zählt der Mensch nichts. Geld ist alles.
Permanent wird der Blick durchs Schlüsselloch gepflegt. Es gibt unzählige Anspielungen auf Berühmtheiten von einst. Als Puzzle der Zitate und Verweise ist das amüsant. Die Story von Aufstieg und Fall allerdings ist schon sehr oft erzählt worden. Und sie ist schon oft mit mehr Biss erzählt worden, etwa 1950 von Regisseur Billy Wilder („Manche mögen’s heiß“) in „Boulevard der Dämmerung“ und 1968 von Robert Aldrich („Was geschah wirklich mit Baby Jane?“) in „Große Lüge Lylah Clare“, zuletzt von den Coen-Brüdern („Fargo“) 2016 in „Hail, Caesar!“.
Spielt Brad Pitt sich selbst?
Inhaltlich bietet „Babylon“ im Vergleich zu den genannten Filmen nichts Neues. Die wesentlichen Eckpunkte der Kintopp-Saga lassen sich mit den drei berüchtigten „K“ benennen: Koksen, Kotzen, Kopulieren. Viel ist das nicht. Trotzdem lohnt der Kinobesuch. Denn schauspielerisch ist Außerordentliches zu entdecken. Allen voran brilliert Brad Pitt im Part eines schon recht abgehalfterten Alt-Stars namens Jack Conrad. Spielt der Ex-Mann von Angelina Jolie sich hier selbst? Manchmal sieht’s fast so aus. Stets umweht ihn eine leise Melancholie, gegen die auch das spöttischste Lächeln und die schärfste Selbstironie keine wirklichen Waffen sind.
Neben ihm ragt Margot Robbie („The Suicide Squad“) heraus. Sie verkörpert Nellie LaRoy, ein Sternchen, das zum Star aufsteigen möchte, koste es, was es wolle. Margot Robbie verlässt sich dabei in keiner Szene auf ihr attraktives Äußeres. Mit scheinbarer Leichtigkeit in den Ausdrucksmitteln gewährt sie beständig Einblick in die Zerrissenheit der Figur, ihr Getrieben-Sein zwischen der Sucht nach Ruhm und der Hoffnung, wenigstens einen Zipfel persönlichen Lebensglücks zu erhaschen. Brad Pitt und Margot Robbie haben eine derart faszinierende Ausstrahlung, dass man ihnen einfach gern beim Märchenerzählen zusieht.
Mühsam erschaffener Zauber
Dabei spürt man deutlich, und auch das versöhnt mit manchen Schwächen, dass Damien Chazelle das Kino inbrünstig liebt. Genauer: er liebt die Mythen, die sich um das Kino ranken. Und er zollt den Filmschöpfern den ihnen gebührenden Respekt. Die stärkste Szenenfolge seines Films beobachtet Dreharbeiten in der kalifornischen Wüste. Da sind Kabelträger, Assistenten und andere namenlose Helfer der wenigen Berühmtheiten des Business’ die Hauptpersonen.
Und für einen Moment leuchtet in aller vorgeführten Schufterei genau jener Zauber auf, den Filmfans in aller Welt mit dem Namen Hollywood verbinden. Denn indem gezeigt wird, wie mühsam er erschaffen werden muss, strahlt der Glanz des Kinos wirklich genauso, wie es die Traumfabrik in einem ihrer berühmtesten Slogans so gern verspricht: bigger than life!
Dass dieses Versprechen in der Regel eine Lüge ist, zeigt Damien Chazelle am Ende drastisch, indem er den Ruf des vielleicht berühmtesten aller Selbstbeweihräucherungsfilme Hollywoods demontiert: Bei ihm löst der Musical-Klassiker „Singin’ in the Rain“ aus dem Jahr 1952 keinerlei Wohlgefühl aus. Es fließen Tränen der Wut und der Enttäuschung. Das ist arg vordergründig, aber sehr wirkungsvoll.