Kino
Film der Woche: „A Thousand and One“
Tatsächlich ist dies ein ungewöhnlich packender Spielfilm, dem man in jedem Moment anmerkt, dass er in hohem Maß von eigenem Erleben geprägt wurde. A. V. Rockwell hat gleich zwei gewichtige Themen verblüffend wirkungsvoll miteinander verwoben: das Leben einer alleinerziehenden Mutter und die Veränderungen der Atmosphäre im Big Apple seit den 1990er Jahren. Letzteres ist deutlich von Erfahrungen der Autorin, Regisseurin und Produzentin A. V. Rockwell gezeichnet. Sie wurde in New York City geboren und lebt auch heute dort.
Ausgangspunkt der Entwicklung war der geradezu fanatische Eifer des Mitte der 1990er Jahre ins Amt gekommenen Bürgermeisters Rudy Giuliani. Er wollte die Millionenmetropole aufpolieren. Die Stadt sollte „sauber“ werden. Für ihn hieß das etwa, Armenviertel zu gentrifizieren. Was die Vertreibung der angestammten Bewohner zur Folge hatte. Wichtig war dem Mann mit den eisernen Grundsätzen dabei insbesondere, dass die Polizei die Befugnis hatte, Menschen ohne Grund nach Waffen und Drogen zu durchsuchen. Beides traf, keine Überraschung, vor allem Schwarze und Menschen mit Migrationshintergrund. Die Stimmung war entsprechend aufgeladen.
Heile Welt für den Sohn
Vor diesem Hintergrund setzt die Filmerzählung ein: Inez de la Paz (Teyana Taylor) rackert sich nach einem Gefängnisaufenthalt ab, um ihr leben zu meistern. Ihr Ein und Alles ist Sohn Terry (als Sechsjähriger verkörpert von Aaron Kingsley Adetola, mit 13 gespielt von Aven Courtney und mit 17 von Josiah Cross). Um jeden Preis will sie verhindern, dass er in einem lieblosen Kreislauf von Pflegeeltern und Sozialeinrichtungen untergeht. Sie entführt ihn deshalb sogar, sorgt für falsche Papiere und tut alles, um die Illusion einer heilen Welt aufzubauen. Doch Kartenhäuser haben nun mal keinen Bestand. Und zu all dem kommt auch noch ein dunkles Geheimnis, das erst spät in der Geschichte ans Licht kommt…
Vor allem seit der selbst ohne Vater aufgewachsene Barack Obama 2008 als Präsident der USA öffentlich über das Problem abwesender Väter nachgedacht hat und Männer dazu aufforderte, sich ihrer Verantwortung bewusst zu sein und diese anzunehmen, wird darüber in den USA heftig diskutiert. Man darf den Spielfilm als Beitrag dazu deuten. A. V. Rockwell aber agitiert nicht. Sie entzündet keinen flammenden Protest, sondern zeigt mit unaufgeregter Anteilnahme die Realität. Inez ist bei ihr keine Heldin, keine politisch bewusste Kämpfernatur. Sie ist eine Frau, die schlicht versucht, dass Beste für ihr Kind und sich zu erreichen. Dabei wird sie aber unentwegt von den herrschenden Gesetzen und Regeln und von hergebrachten Geschlechterrollen eingeschränkt.
Die Stadt und die Schauspielerin
New York City ist dabei nicht Kulisse. Dazu hätte es der genutzten Einsprengsel von TV-Bildern und Radiomomenten gar nicht bedurft. Der Stadt kommt in dieser bis in die 2000er Jahre reichenden Geschichte geradezu der Part einer Hauptrolle zu. Die einengenden Straßenschluchten und oft schier endlos anmutenden Häuserblocks mit ihrer einschüchternden Wucht einerseits und andererseits die Lust vieler, sich auf den Straßen und in den Parks auszutoben, prägen die Atmosphäre des Films. Mit kleinen Momentaufnahmen zeigt A. V Rockwell mehrfach, wie Giulianis harte Hand hier den Würgegriff angesetzt hat.
Star des Films allerdings ist Teyana Taylor. Die bisher vor allem als Musikerin und Choreographin bekannte Künstlerin fesselt in ihrer ersten Spielfilm-Hauptrolle mit einer großen schauspielerischen Klasse. Ob Momente verhaltener Innerlichkeit oder exaltierter Äußerlichkeit, verschmitzt oder trotzig, besorgt oder cool – ihre Inez ist absolut authentisch. Oft scheint es, als spiele Teyana Taylor nicht, sondern sei die Protagonistin eines Dokumentarfilms. Das bewirkt eine Intensität, die stellenweise geradezu bedrückend wird.
In manchen Augenblicken meint man, selbst in New York City zu leben. Aber Ohrwürmer wie die von Frank Sinatra zum Hit gemachte Stadt-Hymne, die Manhattan-Operetten von Woody Allen oder Schmusebilder wie Audrey Hepburn in der legendären Romanverfilmung „Frühstück bei Tiffany“ kommen einem dabei nicht in den Sinn.