Kultur Film Aktuell: „Vom Bauen der Zukunft – 100 Jahre Bauhaus“

Das Plakat zum Film.
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Film aktuell: In Niels Bolbrinkers und Thomas Tielschs Dokumentation hört die Geschichte der legendären deutschen Kunstschule nie auf

„Vom Bauen der Zukunft – 100 Jahre Bauhaus“ heißt ein Film von Niels Bolbrinker und Thomas Tielsch. Er verlängert die Geschichte der Institution in die Gegenwart. Eine Anfeuerung. Für US-Autor-Dandy Tom Wolfe war die deutsche Kunstschule eine Kolonialmacht, deren Mission des Hellen & Grellen & Reinen & Feinen & Leeren & Hehren Verve entwickelte. Ihre Vertreter hätten den Amerikanern architektonisch ein für alle Mal die „Diktatur des Rechtecks“ aufgedrängt, ätzt Wolfe in einem Pamphlet über das Bauhaus und etwa dessen in die USA ausgewanderten Gründer Walter Gropius. Und das, schreibt er in „Mit dem Bauhaus leben“ („From Bauhaus to our House“ im Original), ausgerechnet in einer Blütezeit des „vollblütigen, engtanzenden, leck-mich-am-Arschwahoo-yahoo-holdrio, jugendlich-beschwingten Herumtollens“. In den 1930er-Jahren bis weit in die Nachkriegszeit also. Tatsächlich allerdings dürfte die Wirkgeschichte weiter reichen als in die USA, wo das Black Mountain College in North Carolina mit exilierten Bauhäuslern wie Gropius, Josef Albers und Lyonel Feininger 1933 eine Art Nachfolge antrat. „Vom Bauen der Zukunft – 100 Jahre Bauhaus“, der Film von Niels Bolbrinker und Thomas Tielsch mäandert. Er bringt die 1919 in Weimar begründete Denk-, Lehr- und Lernschule, die in Dessau ihre Hochzeit hatte, bis sie sich 1933, inzwischen in Berlin, unter dem Druck der Nazis auflöste, mit den neuesten internationalen Stadtentwicklungsideen der Gegenwart in einen Zusammenhang. Unter anderem. Zum Beispiel mit der Seilbahn, deren Gondeln die berüchtigte Comuna 13 in Medellin, Kolumbien, kreuzen, die öffentlichen Fahrstühle, Rolltreppen und Fahrradbrücken, die die Mobilität erhöhen und Favelas und Stadt verbinden. Der Film ist mehr Räsonnement denn eine Retrospektive. Eine Fahndung nach dem Fortwähren des utopischen Geists der Institution, die Kunst und Handwerk, Form und Funktion, Mensch und Gemeinschaft zusammendachte. So geht es um Oskar Schlemmers „Triadisches Ballett“ und Van Bo-Mentzels zeitgenössische 6,4 Quadratmeter große Minimalisten-Wohnung für 100 Euro Miete im Monat. Tanz und Mathematik. Die immer noch gültige „Bauentwurfslehre“ von Ernst Neufert, einem der ersten Bauhausschüler überhaupt, 1936 vorgelegt, in der zum eventuellen Gebrauch selbst die Ohrenlänge eines Hasen der Rasse „Belgischer Riese“ ausgemessen wurde. Le Corbusiers Cité Radieuse in Marseille taucht auf und die Idee der „autogerechten Stadt“, DNA beispielsweise der Dessauer Partnerstadt Ludwigshafen. So verfolgt der Bauhaus-Film eine quasi genetische Logik, bei der Interventionen wie die in die Höhe gebauten Sportstätten in den Armenvierteln von Caracas des Büros Urban-ThinkTank auf einen Bauhaus-Code basieren. Allerdings auch aus der Charta von Athen des Jahres 1933 abgeleitete Verirrungen. Die Banlieues etwa. Gigantische Wohnblöcke, die nichts mehr zu tun haben, mit den Dessauer Studentenwohnheimen, deren Balkone als Kommunikationsbühnen installiert waren. Dass Experimente fehlschlugen indes, gehörte auch damals dazu. „Endziel aller bildnerischen Tätigkeit ist der Bau“, hieß es im Gründungsmanifest von Walter Gropius aus dem Jahr 1919. Eine eigene Architekturabteilung allerdings hatte die Kunstschule erst acht Jahre später. Und heute ist die Stadtplanung Königsweg. Zu den prägenden Figuren am Bauhaus gehörten Lyonel Feininger und Paul Klee, Wassily Kandinsky und Oskar Schlemmer, Marcel Breuer, László Moholy-Nagy. Alles Klassiker der Moderne, später. Oder Marianne Brandt, die als einzige Frau in der Metallwerkstatt von Moholy-Nagy Aufnahme fand. Von ihr stammt das wunderschöne Tee-Extraktkännchen MT 49 und auch im Bauhaus vorzugsweise installierte Lampen. Weltberühmt sind auch die Materialstudien von Johannes Itten, das Baukastenprinzip aus vorgefertigten Elementen von Gropius, das die Meisterhäuser in Dessau vorwegnahm. Der Knoblauchgeruch den die Student/innen verströmten, ihre Verrücktheit, dass sie in Weimars Innenstadt Drachen fliegen ließen und bald als „fleischgewordene Ruhestörung“ galten. Oder die Maxime „Volksbedarf statt Luxusbedarf“ des späteren Bauhaus-Direktors Hannes Meyer, der die Schule industrialisierte. Heute hat sie sich angesichts der Preise für die Bauhaus-Klassiker unter den Möbeln wieder umgekehrt. Eine Geschichtsstunde aber ist der Film trotz seines Titels nicht. Wer schon etwas weiß, sieht mehr darin. Er will viel, frei nach dem Anti-Bauhaus-Motto „Mehr ist mehr“ gerät er so wie nebenbei zur wunderbaren Anfeuerung. Dazu, über Gestalt und Gestaltung der Welt und der Kaffeetasse, die wir in der Hand halten, nachzudenken. Das heißt, darüber, wie es weitergeht mit uns. Info Der Film läuft heute an und ist unter anderem im Kinocenter Theaterhaus Speyer und im Atlantis in Mannheim zu sehen.

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