Kultur
Fetisch der Feuilletons: Tom Waits wird 70
Am Samstag vor 70 Jahren wurde Tom Waits geboren, um Krach zu schlagen und von den Menschen zu singen. Mit unverwechselbarer Stimme, rauchig, schwer und nicht gemacht für depressive Menschen. Über Dekaden hat Waits dabei ein raffiniertes Spiel gespielt, indem er sich hinter den von ihm entworfenen Rollen verbarg.
Waits ist zu gleichen Teilen eine für seine Fans geschaffene Kunstfigur und, hinter den verschlossenen Türen des Familienlebens, ein Mensch aus Fleisch und Blut. Auf die Frage „Würde sich der echte Tom Waits bitte zu erkennen geben?“ gibt es keine richtige Antwort. „Bin ich Frank Sinatra oder bin ich Jimi Hendrix? – Oder bin ich Jimi Sinatra? Es ist doch alles bloß eine Bauchredner-Show, und“, so Waits weiter zu seinem Rollenverständnis, „ich bin mir nicht sicher, ob Aufrichtigkeit im Showbusiness von Bedeutung ist. Den Leuten ist es egal, ob du die Wahrheit erzählst oder nicht, sie wollen nur, dass man ihnen überhaupt etwas erzählt, was sie noch nicht gehört haben. Bring mich zum Lachen oder bring mich zum Weinen – ganz egal.“
Wie Prince, ein Künstler, den er liebt, ist Tom Waits zu wechselhaft, um sich festnageln zu lassen, vereitelt noch die leiseste Bemühung, seine Musik mit seinem Leben zu verknüpfen. Und das, obwohl viele Menschen Rockmusik so erleben, als würde sie sich quasi ständig in engem Austausch mit der Seele des Künstlers befinden. Waits aber ringt darum, im Angesicht der nahezu kultischen Verehrung gegenüber allem, was er tut, seine Privatsphäre zu bewahren.
Inspiration vom nächtlichen Leben
Und so bleibt vieles in seiner Biografie offen. Waits, nach seiner oft wiederholten Legende in einem Taxi geboren, ist der Sohn eines immer wieder die Posten wechselnden Lehrer-Ehepaares in Kalifornien. Er will früh aus dem Mittelstandsmilieu heraus, lernt das Spielen von Instrumenten, taucht ab ins Milieu. Aus den Wortfragmenten der Nachtclub-Szene schafft er stimmungsvolle Musikcollagen, die er ab 1970 in den Clubs von Los Angeles vorträgt, dort, wo er zuvor noch als Türsteher gejobbt hat. Musikalisch orientiert er sich eher an Blues und Traditional Jazz. Seine Inspirationen holt sich Waits vom nächtlichen Leben auf den Straßen und aus den Büchern der Beatniks. Als „Ein-Mann-Revival des Beatnik“ ist Waits bezeichnet worden – und keineswegs als Überbleibsel aus der Zeit seiner Idole Jack Kerouac, Allen Ginsberg, Charles Bukowski und William S. Burroughs.
Mit Burroughs arbeitet Waits Anfang der 90er-Jahre auch zusammen: Am Hamburger Thalia-Theater hat der Regisseur Robert Wilson „The Black Rider“ herausgebracht, eine Neuschöpfung des „Freischütz“ von Weber mit Texten von Burroughs und Waits, die die Geschichte vom glücklosen Jägerburschen Max und den verzauberten Kugeln auf wunderbar verschrobene Weise erzählen. Das Theaterereignis wird von Waits und Wilson 1993 am gleichen Ort, allerdings nicht mehr so erfolgreich, mit „Alice in Wonderland“ wiederholt.
„Ich bin ein interessanter Typ“
Waits, der viele Jahre lang sein Image als versoffener Barsänger aufgebaut und gepflegt hat, ist da schon längst von wichtigen Regisseuren anerkannt und begehrt. Er hat den Titelsong für Ralph Waites Film „On The Nickel“ von 1980 geschrieben und aufgenommen, dann 1982 in Francis Ford Coppolas „One From The Heart“ mehrere Duette mit Crystal Gayle gesungen. Coppola beschäftigte ihn in weiteren Filmen, etwa in „Cotton Club“.
„Ich bin ein interessanter Typ. Ich wüsste gerne mehr über mich“, sagt der Schauspieler Tom Waits, der seine Rollen mit seinen eigenen Stories erfüllt und scheinbar zu echtem Leben erweckt. So wie es im griechischen Theater üblich gewesen sein soll, gelegentlich die Maske zu lüften. Jim Jarmusch hat ihn in „Down By Law“ als DJ hinter Gitter gebracht. In Robert Altmans „Short Cuts“ war er der grunzende Chauffeur.
Für den Jarmusch-Film „Night on Earth“ schrieb er den Soundtrack, seine Musik ist in Filmen wie „Shrek 2“, „12 Monkeys“, „The Walking Dead“ und sogar in einer Episode der „Gilmore Girls“ zu hören. Waits letztes Album stammt aus dem Jahr 2011 – und ein neues ist nicht in Sicht. „Der einzige Grund, neue Songs zu schreiben, ist, der alten müde zu sein“, sagt Tom Waits. Dann muss er mit seinem bisherigen Schaffen recht zufrieden sein. Dennoch hat sich der melancholische Großstadtpoet noch nicht zur Ruhe gesetzt. Seine Wortmeldungen aber werden seltener, und wenn, dann muss Tom Waits Rabatz machen, Theater spielen.
Er ist kein Sänger mehr
Aus jedem Wort und jedem Tun macht Waits ein Ereignis. Für jeden Auftritt erfindet er sich neu, um der Alte zu bleiben. So hat er sich nie dem Diktat der Musikindustrie unterworfen, in steter Regelmäßigkeit neue Alben zu veröffentlichen und auf Tournee zu gehen. Da sind dann schon mal sieben Jahre vergangen, ehe er sich mit einem neuem Material zurückgemeldet hat. Wahrscheinlich spürt auch Tom Waits, in welcher Falle er mittlerweile sitzt: Er ist kein Sänger mehr, er ist ein Fetisch des Feuilletons. Seine Alben werden als „Werke“ und als „Kultalben“ bezeichnet, laufen in Galerien und schicken Szenekneipen. Wenn dort schon das reale Leben draußen bleibt, sollte wenigstens drinnen noch das ferne Gurgeln eines Betrunkenen zu hören sein, der von Pennern und Huren singt.
Je mehr er in diesem kunstbeflissenen Mainstream versinkt, um so stärker zieht er sich selbst hinein. Mit Anleihen an Kurt Weill und Nino Rota. Mit überladenen Pop-Irrtümern wie seinen „Swordfishtrombones“. Er röchelt durch ein Megafon, erfindet die Quetschtrommel, schlägt auf Heizkörper und Stahlträger ein. Er verliert immer wieder den Song aus dem Sinn, und was übrig bleibt, ist oft bevölkert wie ein Zirkusfilm von Federico Fellini. Das geht in Ordnung bei seinen Soundtracks für Bühne und Film, für Robert Wilson und Jim Jarmusch. Für den Sänger und Schreiber Tom Waits aber sind viele der vertonten Eitelkeiten ein Desaster.