Kultur Fast eine Oper

Dramatisch: Christian Gerhaher (links) und Ulrich Tukur.
Dramatisch: Christian Gerhaher (links) und Ulrich Tukur.

Ein verspätetes Konzert des „Heidelberger Frühlings“ ermöglichte die Begegnung mit dem Bariton Christian Gerhaher und seinem Klavierpartner Gerold Huber – zwei der besten Liedinterpreten unserer Zeit. Mit ihnen auf der Bühne der Heidelberger Stadthalle: der Schauspieler Ulrich Tukur, der den Part des Sprechers in Brahms’ „Schöne Magelone“ übernahm.

Die Vorlage zu dieser Liedersammlung mit eingestreuten gesprochenen Texten, die man mit ein wenig gutem Willen auch als eine Art Opernversuch von Johannes Brahms verstehen könnte, stammt von Ludwig Tieck. Christian Gerhaher fand dessen Mittelaltermärchen dann doch etwas angestaubt, weshalb er Martin Walser um eine Neufassung der Texte gebeten hat. Zusammen mit Walser als Sprecher haben Gerhaher und sein Pianist Gerold Huber diese Version auch eingespielt und in Konzerten vorgestellt. Am Donnerstag übernahm Ulrich Tukur den Part von Walser. Nun gab es die romantische Ironie ja bereits bei Ludwig Tieck, allerdings bleibt diese heutigen Lesern mitunter etwas fremd. Walser holt den Text ins Heute, verstärkt aber auch eine Tendenz im Sinne des romantischen Ironieverständnisses: Er lässt das Kunstwerk quasi über sich selbst reflektieren. Immer wieder wird der Moment des Singens als durchaus nicht ernstzunehmender Augenblick der Selbstentäußerung des lyrischen Ichs eingeführt. Etwa so: „Er hoffte wieder, also konnte er wieder singen.“ Ulrich Tukur macht dies mit ebenso großer Souveränität wie mit seinem unwiderstehlichen Charme. Er nimmt sich zurück, nicht nur hinter die beiden Musiker neben ihm, sondern auch noch hinter den Text. Er plaudert lässig vor sich hin, hält aber dennoch die Spannung hoch. Wir verfolgen tatsächlich gebannt dieses Märchen vom Ritter Peter und seiner schönen Magelone, das über einige Umwege und Irrfahrten selbstredend zum Happy End führt. Und zwischen den rezitierten Passagen, manchmal sogar selbst als Sprecher der Gesangstexte: Christian Gerhaher. Es gibt derzeit kaum einen zweiten Liedgestalter seines Formats in Deutschland. Soll man über die Textverständlichkeit zuerst reden oder vielleicht doch lieber über die unfassbare Leichtigkeit, mit der er die Stimmregister wechselt, ohne dass ein einziger Übergang spürbar wäre? Auch seine Piano-Kunst muss betont werden. Ganze Lieder erklingen gleichsam nur noch hingetupft, und sind doch von einer solchen Intensität, die sprachlos macht. Vor allem aber gelingt Gerhaher und seinem fantastischen Begleiter Gerold Huber am Klavier das schier Unmögliche: Aus der zwar aus großartiger Musik bestehenden, ansonsten aber doch eher bieder wirkenden „Magelone“, aus diesem harmlosen Märchen wird eine dramatische Szene, die alle Spielarten der romantischen Liebe konsequent durchdekliniert. Fast wie in der Oper.

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