Wien / Zürich / Köln RHEINPFALZ Plus Artikel Führungswechsel an wichtigen deutschsprachigen Schauspielhäusern

Szene aus Max Frischs „Biedermann und die Branbdstifter“ am Schauspielhaus in Zürich.
Szene aus Max Frischs »Biedermann und die Branbdstifter« am Schauspielhaus in Zürich.

In Wien, Zürich und Köln wechseln die Führungskräfte der Schauspielhäuser. Die Neubesetzung derart hoch dotierter Chefetagen ist eine anspruchsvolle kulturpolitische Entscheidung, die für Verwirrung sorgen kann.

Wechsel in der Theaterleitung der Städte haben zwar nicht die Bedeutung eines Regierungswechsels, in manchen Städten hat man dennoch den Eindruck, die Berufung eines neuen Intendanten sei ein Staatsakt. Änderungen gibt es jetzt an gleich drei der größten deutschsprachigen Bühnen.

Im Burgtheater Wien, das als wichtigste Sprechbühne der Welt gilt, ist bereits der bisherige Kölner Intendant Stefan Bachmeier angekommen. In Zürich und Köln reisen die Amtsträger ab, ihre Nachfolger sind aber noch anderweitig gebunden und können ihren Job erst mit einem Jahr Verspätung antreten. In Wien und Zürich stellt sich zudem die kulturpolitisch brisante Frage, warum die Chefs nur fünf Jahre bleiben durften. Theaterleiter streben wie US-amerikanische Präsidenten eine zweite Amtszeit an. Wird sie ihnen nicht gewährt, kommt das einem Rauswurf gleich.

Doch kein Genie?

Für Wien ist das leichter zu beantworten als für Zürich: Der Kärntner Regisseur Martin Kušej hat künstlerisch nicht wirklich überzeugt. In anderen Städten mag das in Ordnung sein, im Fall des Wiener Burgtheaters mit dem größten festen Ensemble der Welt war es zu wenig. Laut Österreichs bissigstem Schreibgenie Thomas Bernhard ist Österreichs Hauptstadt „eine fürchterliche Genievernichtungsmaschine“.

Mit dem Antritt von Kušejs Nachfolger Stefan Bachmann könnte sich das ganz anders entwickeln. Der Schweizer Regisseur ist verspielter als sein Vorgänger und beweglicher zwischen den Polen Tradition und Moderne. Was aber entscheidender ist: Als Intendant bewegt Bachmann sich auf kulturpolitisch vermintem Gelände auch dann noch sicher, wenn es frostig wird. Das hat er in Köln bewiesen, wo er mehr als zehn Jahre das Schauspiel leitete und sicher durch eine lokalpolitisch verkorkste Sanierungsphase lotste.

Wink mit dem Zaunpfahl

Ob er sich in Wien behaupten kann, hängt allerdings auch davon ab, wie er die zehn neuen Ensemblemitglieder integriert, die mit ihm an die schöne blaue Donau reisen, darunter Stars wie Caroline Peters und Bruno Cathomas. Das Burgtheater besitzt aber jetzt schon eine Stardichte, die ihresgleichen sucht. Und alle wollen adäquat beschäftigt sein. Bachman ist als Intendant zwar ein „Theaterpapa“, der mit schauspielernden Genies umgehen kann.

In Wien ist das allerdings eine anspruchsvollere Aufgabe als in Zürich, wo der Verwaltungsrat des Schauspielhauses vor mehr als fünf Jahren mit dem gefeierten Regisseur Nicolas Stemann und dem Dramaturgen Benjamin von Blomberg bewusst ein Intendanten-Duo verpflichtet hat. Von Stemann versprach man sich, dass er mit seiner poppigen Regie so große Erfolge feiert wie zuvor an den großen Schauspielbühnen in Berlin und Hamburg.

Angst vor der eigenen Courage

Man wollte das Züricher Haus aber auch diverser aufstellen und die Befehlshierarchie flacher gestalten. Dass das grundsätzlich gelungen ist, bestreitet niemand. Am Ende mussten Stemann und von Bloomberg die Stadt aber gerade deshalb verlassen, weil sie zu gründlich getan haben, was von ihnen verlangt wurde und was Stemann zum Ende seiner Amtszeit mit einer Inszenierung von Max Frischs modernem Klassiker „Biedermann und die Brandstifter“ kommentierte.

Die Premiere im März war ein Wink mit dem Zaunpfahl, charakterisiert Frisch den Schweizer Biedermann doch als Charakter, der neutral sein will, als Mitläufer dann aber doch überall mitmischt und dabei gerne andere ausgrenzt. In Zürich hat die bürgerliche Mitte irgendwann das Schauspiel ausgegrenzt. Wahr ist allerdings auch, dass das Intendanten-Duo das Publikum am Zürisee nicht überzeugen konnte. Das Resultat: Zuchauerschwund, ein Finanzdefizit und eine kulturpolitische Reaktion, die man Züri-Reflex nennen kann. Im Alpenstädtchen ist man solide unterwegs, will gelegentlich aber doch Avantgarde sein, hat dann aber sehr schnell Angst vor der eigenen Courage und neigt zu Kurzschlüssen – wie schon 2002, als der Aufsichtsrat des Schauspielhauses dem gefeierten Theaterkünstler Christoph Marthaler nach kurzer Zeit den Laufpass gab. Jetzt traf es das erste Intendanten-Duo, und es sieht dummerweise so aus, als habe man in Zürich nichts dazugelernt.

Zürich statt Ruhestand

Derselbe Verwaltungsrat, der das soeben gefeuerte Intendanten-Duo berufen hat, setzt jetzt wieder auf eine Doppelspitze: die Regisseurin Pinar Karabulut und den Regisseur Rafael Sanchez. Es steht zu befürchten, dass vor allem Karabulut für Verwirrung in der bürgerlichen Mitte der Stadt sorgt und einmal mehr den Züri-Reflex auslöst. Sie ist eine ästhetisch überzeugende Regisseurin, aber auch eine feministisch gendergerechte. Sanchez dagegen ist verbindlicher, aber kein gefeierter Regisseur. Hinzu kommt, dass Sanchez nicht sofort seine Stelle in Zürich antreten kann, da er in Köln für den frühzeitig nach Wien wechselnden Bachmann als Übergangsintendant die letzte Spielzeit leitet, bevor der Regisseur Kay Voges das Schauspiel in der Domstadt übernimmt.

Die Folge: Auch Zürich brauchte einen Übergangsintendanten und bekam den hoch angesehenen Ulrich Khuon. Er war in Hamburg und Berlin überaus erfolgreich und wollte eigentlich in den Ruhestand gehen, offeriert nun aber dem Züricher Publikum in der demnächst beginnenden Spielzeit genau die Sprechkunst, die es will: Klassisches auf der Basis von Theaterstücken. Aber eben nur für ein Jahr, bis das neue Intendanten-Duo anreist und die Koffer auspackt, unter Umständen aber so schnell wieder abreisen muss wie die Vorgänger.

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