Film Europäischer Filmpreis für „Sentimental Value“

Beste Schauspieler: Stellan Skarsgard und Renate Reinsve in „Sentimental Value“, dem besten Film aus Norwegen.
Beste Schauspieler: Stellan Skarsgard und Renate Reinsve in »Sentimental Value«, dem besten Film aus Norwegen.

Mit zehn Nominierungen war Deutschland so stark wie nie bei den Europäischen Filmpreisen. Der große Gewinner war aber „Sentimental Value“ aus Norwegen.

Die europäischen Filme brauchen sich gegenüber den Golden Globes, die am Montag vergeben wurden, und den Oscars im März nicht zu verstecken, das wurde bei der Verleihung der 38. Europäischen Filmpreise am Samstag im Berliner Haus der Kulturen der Welt sichtbar. Vielfältig waren die Filme, da gab es keine Sequels und Comic-Verfilmungen, nur Originelles. Selbst die Show war besser als jede Oscar-Verleihung – und zumindest einen Hauch politischer als die Golden-Globes-Verleihung, wo Politik gar nicht zur Sprache kam.

Jafar Panahi, der Regisseur aus dem Iran, der mit „Ein einfacher Unfall“ das Festival von Cannes gewonnen hat und auf Oscar-Kurs ist, kam auf die Bühne, um den Abend zu eröffnen und mahnte mit Blick auf die aktuellen Situation in seinem Heimatland: „Wenn Gewalt unbeantwortet bleibt, wird sie zur Normalität, dann sind nicht nur der Iran, Europa und Amerika in Gefahr, sondern die ganze Welt“. Filmemacher und Künstler dürften nicht schweigen, denn Schweigen sei eine Beteiligung an der Dunkelheit. Es sollte der einzige politische Appell des Abends bleiben – und Panahi, als bester Regisseur und mit seinem Werk als bester Film nominiert, ging überraschend leer aus. Ebenso wie der andere nominierte politische Film „The Voice of Hind Rajab“.

Sechs Preise für „Sentimental Value“

Bester Film wurde „Sentimental Value“ aus Norwegen, der auch für die beste Regie (Joachim Trier), die Darsteller (Renate Reinsve, Stellan Skarsgard, 74, der auch für diese Rolle den Golden Globe bekam), das Drehbuch (Trier und Eskil Vogt) und die Musik (Hania Rani, die in Berlin studierte und dort lebt) ausgezeichnet wurde. Der Film, in Cannes mit dem Großen Preis ausgezeichnet und aktuell in unseren Kinos, erzählt von einer Künstlerfamilie, deren Vater die Mutter und die Töchter früh verließ, Karriere machte, heute vergessen ist und nun zurück in der Familie kommt, was nicht reibungslos abgeht. An dem Film ist die Berliner Firma Komplizen Film (Maren Ade und zwei Kollegen) beteiligt, die – was vorher feststand – als beste Co-Produktionsfirma ausgezeichnet wurde.

Mit fünf technischen Preisen gleich dahinter lag „Sirat“ (Frankreich/Spanien) von Oliver Laxe, in Cannes mit dem Jurypreis bedacht. Das bildstarke Roadmovie über einen Vater, der sich auf der Suche nach der vermissten Tochter, macht die angeblich in Nordafrika auf Raves geht, eigentlich ein Horrorfilm , wurde für Kamera, Schnitt, Production Design und Sound Design und Casting ausgezeichnet. Für „In die Sonne schauen“ von Mascha Schilinski aus Berlin, in Cannes ebenfalls mit dem Jurypreis ausgezeichnet, wurde aus acht Nominierungen nur ein Preis, der für die besten Kostüme (Sabrina Krämer). Andres Veils Doku „Riefenstahl“, zweifach nominiert, ging ebenso leer aus wie die anderen einzel nominierten Deutschen, die Schauspielerin Leonie Benesch („Heldin), die Deutsch-Luxemburgerin Vicky Krieps („Love Me Tender“), Schauspieler Idan Weiss („Franz“) und Cutter Toni Froschmann („Die My Love“).

Ehrenpreisträgerin Liv Ullmann (87) mit Akademiepräsidentin Juliette Binoche (61).
Ehrenpreisträgerin Liv Ullmann (87) mit Akademiepräsidentin Juliette Binoche (61).

Doch auch die sonst starken Filmnationen Frankreich und Italien kamen diesmal kaum zum Zuge, sieht man von der Coproduktion „Sirat“ ab, dem Animationspreis für „Arco“ (Frankreich), dem Dokumentarfilmpreis für „Fiume o morte“ (Italien) und der Tatsache, dass die italienische Regisseurin Alice Rohrwacher mit dem Preis der besten europäischen Leistung im Weltkino geehrt wurde.

Kurz politisch wurde die 87-jährige Ehrenpreisträgerin Liv Ullmann, als sie sagte: „Ich bin Norwegerin, wir vergeben den Nobelpreis an jemanden, der es verdient, doch plötzlich geht dieser Nobelpreis an jemand anderen. Das ist so seltsam. Ich bin glücklich, dass wir Gesetze haben, die besagen, dass der Nobelpreis bei Missbrauch wieder weggenommen wird. Jemand, der in den USA an der Macht ist, wird enttäuscht sein, er wird den Preis wieder verlieren“, meinte sie mit Blick auf Donald Trump. Sie erinnerte daran, dass Filme heute so etwas sind wie früher die Runen: Zeugnisse des Lebens.

Tolle Show mit Geschichtsbewusstsein

So sah das auch der Filmhistoriker und Filmemacher Mark Cousins, der Gestalter des Abends im Schottenrock. Er zeigte zwischen den Preisen unzählige Ausschnitte europäischer Filmkunst von der Stummfilmzeit bis heute. Er ließ es im Saal schneien (wenn es auf der Leinwand schneite), verteilte Kartoffeln (wenn sie im Film vorkamen) und ein Daumenkino mit den nominierten Filmen, untermalt mit der wunderschönen minimalistischen Musik der Berliner Filmkomponisten Dascha Dauenhauer. Das kann keiner toppen, aber es tröstet nicht darüber hinweg, dass die Verleihung mit vier Stunden unnötig lang war, zumal es erstmals eine unnötige Pause von einer halben Stunde gab. So macht sich der Europäische Filmpreis sicher nicht beliebt.

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