Ludwigshafen Erinnerungsfetzen aus der Goldenen Ära
Wie blitzten doch die Zähne der lächelnden Tänzer in der Goldenen Ära des Musicals! Wer daran denkt und nickt, sobald er den Titel „Lieben Sie Gershwin?“ hört, dürfte von Goeckes Interpretation doch irritiert sein. Kurz nach der Premiere in Stuttgart zeigt die Kompanie Gauthier Dance bei den Festspielen im Ludwigshafener Pfalzbau einen Tanzabend, in dem mehr gegrinst als gelächelt wird.
Die lässigen Klavierakkorde laden zu einem Cocktail in einem Jazzclub ein. Von der Hektik draußen auf den Straßen New Yorks trompetet die geballte Big Band. Die Orchesterklänge schrauben sich wie ein Fahrstuhl einen Wolkenkratzer hinauf, während melancholische „blue notes“ von dem Schicksal der Sklaven zeugen, auf deren Rücken die Vereinigten Staaten gebaut sind: Mit seiner „Rhapsody in Blue“ hat George Gershwin, der 1889 als Sohn russisch-jüdischer Einwanderer in Brooklyn geboren wurde, eine Hymne für den Schmelztiegel geschrieben, die sich tief in die Ohren gegraben hat. Und was macht Choreograf Marco Goecke mit dem Klangfarbenrausch, der bei der Uraufführung 1924 gefeiert wurde? Er lässt ihn alleine in der Schwärze der Bühne erstrahlen und momentelang unbetanzt vorbeiziehen, aus Respekt.
Die 15 Tänzerinnen und Tänzer in den neun Soli, Duos oder Trios erstarren danach immer wieder zu einem strengen Strich mit steif ausgeklappten Armen. In ihren schwarzen Anzügen wirken sie wie Zeitdiebe, die auf ihren Einsatz lauschen. Oder sie kreiseln auf der Stelle um sich, ruckeln vergeblich mit angewinkelten Armen. Immer wieder scheinen sie sich Erinnerungsfetzen aus dem Kopf zu reißen, aus dem Kragen zu schütteln oder aus dem Bauch platzen zu lassen (besonders eindringlich getanzt von Theophilus Vesely im Schlusssolo). Doch dann – unverhofft – fangen sie die perlende Melodie mit den Armen auf, verschlingen das mächtige Staccato des Orchesters mit dem gesamten Körper.
Sklaventänze mit Kuchen belohnt
Marco Goecke hat den Komponisten, der den „sinfonischen Jazz“ erfunden und Generationen von Musikern mit Standards wie „Summertime" genährt hat, offenbar zum Fressen gern – und speit ihn wieder aus. Wie die Verdauungsmechanismen des kollektiven Gedächtnisses nun mal funktionieren: Es ist ein ständiges Hervorzerren und Verzerren, aus dem Neues entsteht. Ein Beispiel? Die Tänze und das Getue der feinen Gesellschaft haben Sklaven Ende des 19. Jahrhunderts so gewitzt persifliert, dass manche Plantagenbesitzer Wettbewerbe veranstalteten, deren Gewinner mit Kuchen belohnt wurden: Der „Cakewalk"-Tanz wurde geboren, floss in Ragtime ein, in die Musicals der 1920er- und 30er-Jahre ein, vermischte sich mit Swing und Jazz, vertanzt von Fred Astaire und später Gene Kelly.
Bruchstücke dieses Erbes poppen nun bei Marco Goecke als Meister des Unbewussten auf: Ein imaginärer Spazierstock wird geschwungen, ein Hintern keck herausgestreckt, auch ein paar clowneske Sprünge werden hingelegt. An das dramatische Gestikulieren im Stummfilm und die Geburt des Tonfilms, für den Gershwin ab 1931 komponiert hat, mag das Solo “The Man I Love" erinnern. Ihre roten Lippen reißt Anneleen Dedroog zum stummen Schrei auf, grinst grimassierend und bewegt den Mund doch nie passend zum Text, bis sie beim Wort „love“ endlich synchron einstimmt. Wie stark will man aufs Erbe bauen und sich vom Bekannten leiten lassen?, scheint Goecke zu fragen.
Bruch mit der Tradition
„Lieben Sie Gershwin?“ ist insofern eine eigenwillige Hommage, die zum Einschlagen eines persönlichen Weges ermutigt. Gershwin selbst war vom Hilfspianisten bei einem Musikverlag zum Komponisten aufgestiegen, saß stets zwischen den Stühlen von Klassik und Jazz, wirkte dann aber mit der ersten Volksoper „Porgy and Bess“ und seinen Songs am Broadway stilprägend. Als Gershwin in Europa „richtiges“ klassisches Komponieren lernen wollte, soll Maurice Ravel geantwortet haben: „Warum wollen Sie ein zweitklassiger Ravel werden, wenn Sie bereits ein erstklassiger Gershwin sind?“
Vielleicht wirken die Menschen auf der Bühne deshalb freier und ganz bei sich, wenn nur der Regen prasselt und sich die Geige bei „Love Is Here To Stay“ verschwindend leise einschleicht. Wenn die Musik von „I Loves You, Porgy“ ganz erstirbt und zwei Frauen in enger Umarmung zur Ruhe finden, endlich. Einsam wirken die Tänzer in Marco Goeckes Choreografien dabei nicht erst durch die Abstandsgebote, die die Pandemie diktiert. Schon seit seinem Durchbruch 2003 mit „Blushing“ hat er seine Werke aufs Nötigste reduziert. „Ich war kein Choreograph, der so mutig ist, direkt mit der ganzen Gruppe zu arbeiten. Ich hatte Angst vor all den Leuten, die da vor mir stehen. Lieber erst mal ein Tänzer, um meine Schüchternheit zu überwinden“, erzählt der 48-jährige Wuppertaler, der an die 80 Stücke geschaffen hat und seit 2019 Direktor des Staatsballetts Hannover ist. „Daraus ist diese exzessive Solosache entstanden. Was Gruppendynamiken angeht, habe ich noch viel zu entdecken.“