Kultur Eine Frau gegen eine ganze Stadt
Drastisch ist wohl das Wort, das am besten zu Martin McDonaghs Theater- und Filmarbeiten passt. Der Ire zeigt Menschen in Extremsituationen. Menschen, die einander Gewalt antun – stets mit schwarzem Humor unterfüttert. Mit „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ gilt er nun als Oscarfavorit. Denn sein Film beleuchtet die Abgründe des ländlichen Amerika, den allgegenwärtigen Rassismus und Polizeiwillkür – aus der Warte einer scheinbar unbeugsamen Frau. In Zeiten wie diesen sind da Preise praktisch garantiert, selbst wenn sein Film auch problematische Seiten hat.
Martin McDonagh inszeniert keine Sozialdramen, es geht ihm nicht um Realismus. Stets überzeichnet er seine bitterbösen Szenarien und unterwirft seine oft zu absurdem Galgenhumor neigenden Protagonisten schwersten Prüfungen. Nicht immer gelingen ihm daher runde Charaktere, da er von Archetypen erzählen möchte. Doch seine Filme wie „Brügge sehen und sterben“, „7 Psychos“ und nun „Three Billboards ...“ halten zugleich stets überraschende Wendungen bereit, so dass ihr Ausgang doch irritierend unvorhersehbar ist. „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ ist in dieser Hinsicht bisher klar das beste Werk des 47-Jährigen, der als Bühnenautor – mit den auch in Deutschland vielgespielten Aran-Insel-Stücken – und Schauspieler begann.
Im Mittelpunkt: eine Souvenirladen-Betreiberin
Im Mittelpunkt seines Films, der vor allem gegen Amtsträger wie Polizisten, Geistliche oder Soldaten austeilt und stilistisch das Westerngenre zitiert, steht die von Frances McDormand gespielte Mildred Hayes. Die Mittfünfzigerin betreibt in Ebbing, Missouri, einen selten besuchten Souvenirladen – und ist hart geworden. Vor sieben Monaten wurde ihre Tochter getötet, nun ist der Fall zu den Akten gelegt.
Mit John-Wayne-Entschlossenheit
Mit John-Wayne-Entschlossenheit lässt sie daher drei alte Werbetafeln, die auch in deutscher Synchronisation passend zum Filmtitel „Billboards“ genannt werden, auf einer Nebenstraße außerhalb der Stadtgrenze aufstellen: „Vergewaltigt, während sie im Sterben lag“ , „Und immer noch keine Festnahmen“, „Wie kommt das, Chief Willoughby“, steht anklagend darauf, gerichtet an den Polizeichef des Ortes. Doch Willoughby, von dem durchaus auf Bösewichtrollen spezialisierten Woody Harrelson entgegen der Erwartungen als sanfte, ja fast philosophisch-weise Vaterfigur des Ortes gespielt, ist der falsche Adressat. Er ist ein integrer Polizist, im Gegensatz zu den meisten seiner Untergebenen, allen voran Jason Dixon (Sam Rockwell), der noch bei seiner Mutter lebt und von ihr einen tief verwurzelten Rassismus übernommen hat, im Dienst trinkt und allzeit gewaltbereit ist. Nur Willoughby scheint in ihm einen guten Kern zu erahnen. Und, wie sich herausstellt, mag der an Bauchspeicheldrüsenkrebs erkrankte Sheriff vielleicht sogar recht haben. Zudem wird klar, dass Mildred vor allem ihre eigenen Schuldgefühle bekämpfen möchte, wenn sie mit harten Worten um sich schlägt und bald auch selbst bereit ist, Gewalt auszuüben.
Kein Film für Sensible
„Three Billboards“ ist kein Film für Sensible. Nahezu jede Szene ist von verbaler oder körperlicher Gewalt durchtränkt. Diese Kleinstadtwelt ist mächtig aus den Fugen. Zwei Marihuanajoints können da jemanden monatelang ins Gefängnis bringen, während schwere Körperverletzungen geduldet sind. Mildred litt selbst unter häuslicher Gewalt, erfährt der Zuschauer, doch sogar die Tochter glaubte ihr nicht. Dass nun wiederum ihr Teenagersohn wegen ihrer Billboards brutal gemobbt wird und unter der durch die Aufsteller stets präsenten Erinnerung an die tote Schwester leidet, scheint Mildred nicht wahrzunehmen: Sie ist ebenfalls verroht. Und auch wenn „Three Billboards“ wegen McDormands wieder großartiger Darstellung einer nach außen selbstbewusst und zupackend wirkenden Frau wie ein idealer Oscarkandidat wirkt: Martin McDonagh bleibt doch eher Männerversteher.
Frauenfiguren auch nicht mehr als Typen
Mildred wird zusehends passiver, und die anderen Frauenfiguren sind nicht mehr als Typen: das 19-jährige Dummchen, mit dem Mildreds Ex liiert ist; die treusorgende, bildschöne und ganz die Rolle als Mutter und Geliebte auslebende Ehefrau des Polizeichefs; die lebenslustige schwarze Kellnerin und – leider – die aufmüpfige Tochter Mildreds im Grungelook. Dieser Angela gönnt McDonagh nur eine kurze Rückblende, in der er suggeriert, dass sie ihr Schicksal quasi herausgefordert hat. Auch Mildreds betonte Schuldgefühle zeigen auf, dass der Gedanke, ein Vergewaltigungsopfer trage eine Mitschuld, selbst in als oscarwürdig geltenden Filmen weiter verbreitet wird. Filmemacher Martin McDonagh geht es nicht darum, von Gewalt gegen Frauen zu erzählen. Der Mord an dem Mädchen ist lediglich ein Mittel, um von einer ganz anderen Läuterung zu erzählen.
Vom Saulus zum Paulus
Denn das eigentliche Zentrum des Dramas bilden Chief Willoughby als todgeweihte Heilsfigur und der gebeutelte Saulus Dixon, der sich dann doch zum Paulus wandeln möchte. Sam Rockwell ist in dieser Rolle, die zunächst wie eine Karikatur des ultimativen Bösen anmutet, durchaus zu Recht mit einem Golden Globe ausgezeichnet worden. Schließlich kann er im zweiten Filmteil dann doch starke Facetten zeigen.
Hass führt nirgendwo hin
Von Vergebung und zweiten Chancen möchte Martin McDonagh hier erzählen. Hass führe nirgendwohin, Liebe sei der Weg, ist eine Botschaft des sterbenden Polizeichefs, die der irische Regisseur offenbar unterschreiben möchte, auch wenn sein Film weiter vor Gewalt strotzt. Und so ist „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ auch ein Film über Hoffnung. Doch wie bei den Werken der Coen-Brüder oder Quentin Tarantinos stellt sich die Frage, ob es wirklich dieser überdeutlich ausgestellten Gewalt bedarf – gerade da sie durch den Einsatz von witziger Flucherei, schlagfertigem Wortwitz und schwärzestem Humor so ummantelt und fiktionalisiert wird, dass sie der Zuschauer als Unterhaltung verstehen kann.