Kultur Eine Feier der Demokratie
Mit jetzt 88 Jahren zählt der US-Amerikaner Frederick Wiseman nach wie vor zu den weltweit wichtigsten Dokumentarfilm-Regisseuren. Morgen nun kommt, anlässlich des „Tags der Bibliotheken“, seine Dokumentation über die Öffentliche Bibliothek von New York ins Kino: „Ex Libris – The New York Public Library“.
Den Goldenen Löwen für sein Lebenswerk, ihm vor vier Jahren auf dem Filmfestival Venedig verliehen, und den Ehren-Oscar 2016 hat Frederick Wiseman als Ansporn fürs Weiterarbeiten genommen. In den USA kommt dieser Tage Wisemans 47. Dokumentation, „Monrovia, Indiana“, in die Kinos. In Deutschland ist man noch bei Nummer 46: Mit „Ex Libris“ zeichnet der Autor und Regisseur ein Porträt der inzwischen mehr als 100 Jahre alten New Yorker Bildungsinstitution –in etwa drei Stunden, in denen nicht eine Sekunde Leerlauf oder Langeweile aufkommt. Damit gelingt ihm ein faszinierender Blick auf die Gegenwart der westlichen Industrienationen zwischen Tradition und Moderne, politischer Rückwärtsgewandtheit und liberalen Zukunftsvisionen. Interviews und Kommentare braucht er dazu nicht. Er wandelt mit Entdeckerlust durch die Bibliothek und ihre vielen Zweigstellen, blickt neugierig hinter die Kulissen ins Räderwerk der Organisation, beobachtet Besucher, fängt kleine, aussagestarke Episoden ein, besucht öffentliche Diskussionsforen mit Wissenschaftlern und Künstlern, lauscht bei Dienstbesprechungen, in denen es etwa darum geht, trotz weitgehend privater Finanzierung als Unternehmen die Selbstständigkeit zu halten und möglichst auszubauen. Eindrucksvoll wird das Ethos der New York Public Library deutlich: Es geht nicht darum, Wissen zu horten. Das Ziel ist, Wissen weiterzugeben. Die Bibliothek selbst und der Film feiern eindrucksvoll etwas Altmodisches, das es dringend gilt, zu erhalten und wieder mehr und mehr ins öffentliche Bewusstsein zu tragen: Achtsamkeit im Umgang miteinander, Respekt füreinander, Menschenliebe im allumfassenden Sinn. Als Zuschauer ist man dabei, wenn das Team der Bibliothek mit ihren 51 Millionen verfügbaren Medien komplizierte und spannende Probleme anpackt. Einmal beispielsweise geht es darum, das wertvolle Exemplar einer Gutenberg-Bibel zugänglich zu machen. Was heißt: Das unbezahlbare Buch soll sinnlich erfahrbar gemacht werden. Nur wie? Ein anderes Mal wird die rasante Zunahme der Bestellung von elektronischen Büchern, E-Books, thematisiert. Da steht die Frage im Raum, wie die vorhandenen Möglichkeiten noch effektiver genutzt werden können. Und immer wieder fokussiert Wiseman das Thema Bildungsvermittlung. Dabei offenbart sich, mit welchem enormen Engagement alle in der Bibliothek wirken. Hier hat niemand einen Job. Hier wird Arbeit als Erfüllung empfunden. Alle kurzen und längeren Eindrücke, die Wiseman wie einen elegischen, jedoch niemals sentimentalen Tanz montiert hat, fügen sich formal zu einem wahrlich bezwingenden Tableau. Selbst wer noch nie da war, meint, schon lange regelmäßiger Nutzer der New York Public Library zu sein. Vor allem aber wird der Film zu einem politischen Manifest. Denn er feiert eine Gesellschaft, die Lust auf Überraschungen hat, auf unbekannte Menschen mit fremden Ansichten, eine Gesellschaft, die auf gegenseitige Rücksichtnahme baut, auf wirkliche Demokratie. Wissen ist Macht. Die Wahrheit dieses nun schon ein paar Jahrhunderte alten Verdikts von Francis Bacon (1561 - 1626), einem der großen Geister der englischen Philosophie, wird kraftvoll bestätigt.