Biografie
Ein zärtlicher Kraftlackel: Interview zu dem Simplicissimus-Zeichner Olaf Gulbransson
Dieses Trumm Mannsbild hat sich ins Gedächtnis eingeprägt: kahlköpfig und nackt, nur mit einem Lendenschurz bekleidet mitten in den Bergen beim Holzhacken oder beim Sonnenbad auf der Wiese. Olaf Gulbransson (1873 – 1954) ist aufgefallen – in seinem Refugium hoch über dem Tegernsee und mehr noch in Schwabing, wo der geschätzte Zeichner der Satirezeitschrift „Simplicissimus“ für jede Vergnüglichkeit zu haben war. Der literarische Landvermesser Gerd Holzheimer hat dem Wahl-Bayern aus Norwegen eine wunderbar zu lesende Biografie gewidmet.
Herr Holzheimer, Olaf Gulbransson ist ein Brocken von einem Mann, aber sein Strich unglaublich fein. Erzählt das etwas von seiner Widersprüchlichkeit?
Ich glaube, schon. Von diesem feinen Strich ist man sofort angezogen. Ich habe das sehr früh bei den Illustrationen zu Ludwig Thomas „Lausbubengeschichten“ so erlebt. Damals wusste ich gar nicht, dass das der Gulbransson gezeichnet hatte. Aber der Ludwig mit seinem abstehenden Schopf gefiel mir, das war ein Zeichen für seine Widerborstigkeit. Ich hatte den gleichen Schopf, den kann man nicht frisieren. Aber in dieses bisschen Haar hat Gulbransson eine ganze Geschichte gelegt – oder sie beim Betrachter angestoßen. Wobei er gar nicht so groß war. 1,73 Meter steht im Personalausweis.
Gulbransson wirkt auf Fotografien wie ein Kraftlackel.
Da kann ich nicht widersprechen. Er war ein massives, muskulöses Mannsbild, hat einen Schwimmteich ausgehoben und in seinem ganzen Übermut eine Skisprungschanze gebaut – übrigens die erste in Bayern. Und er hat bis zum Schluss Holz gehackt und die Sense geschwungen.
Im Lendenschurz. Seine Nacktheit irritiert bis heute. Hat er damit auch provoziert?
Seine Enkelin Jorun, die bei ihm auf dem Schererhof am Tegernsee aufgewachsen ist, sagt, Gulbransson habe sich einfach wohl in seiner Haut gefühlt. Er war überhaupt nicht exhibitionistisch veranlagt, aber das war ihm in seiner Abgeschiedenheit oben in den Bergen eben angenehm. Und wenn wieder einmal Leute unangemeldet auf den Hof kamen, um den berühmten Gulbransson zu sehen, hat er sich umgedreht und ihnen den Hintern gezeigt. Gulbransson konnte unglaublich grob und unhöflich sein. Aber er wollte eben auch seine Ruhe. Andernfalls hätte er ja in Schwabing bleiben können.
Weshalb ist dieser Norweger überhaupt nach München gekommen?
Gulbransson war in seiner Heimat bereits ein bekannter Mann, deshalb wollte ihn der „Simplicissimus“-Verleger Albert Langen unbedingt engagieren. Gut bezahlt hat er sowieso und lauter herausragende Schriftsteller und Zeichner an Land gezogen. Gulbransson schrieb, „ich hatte nichts zu verlieren“. Natürlich kannte er den Mythos Schwabing, in Oslo gehörte Gulbransson bereits zur Boheme und war viel mit Munch und anderen Malern zusammen. Das ging dann in München grad so weiter.
Gulbransson ließ es krachen?
Aber heftig! Ich habe einen Entschuldigungszettel gefunden, dem ihm der Thoma für die zweite Ehefrau Grete geschrieben hat, weil die beiden wieder total versumpft sind. Da steht dann, dass der Olaf ein „bisschen später kommt“. Der Alkohol spielt schon eine Rolle, genauso die Frauen. Für seine erste Frau, die mit den beiden kleinen Töchtern zu Hause saß und kein Wort Deutsch gesprochen hat, war das nicht leicht. Grete, die zweite, hat dann selber nichts anbrennen lassen, und ausgerechnet Gulbransson war dabei rasend vor Eifersucht. Manchmal ist er tagelang vor Gram verschwunden. Oder er stieg über den Balkon in ihr Zimmer ein, um ihr Tagebuch zu lesen.
Trotzdem erinnern sich die Frauen gerne an Gulbransson.
Da gibt es sehr schöne Briefe. Seine Frauen halten Kontakt mit ihm, selbst die erste. Er ist im tiefsten Inneren ja auch total treu, aber halt nicht wirklich, also im Verhalten. Er war ein lustiger, wilder Bursche, und ich meine, mit einer sehr großen Herzenswärme.
War das der Grund, seine Biografie zu schreiben?
Sicher auch. Aber in der Rezeption ist Gulbransson nicht fair behandelt worden. Man hängt ihm ein braunes Jäckchen um. Das ist allerdings eine sehr vereinfachte Sicht. Nur ein ganz simples Beispiel: Am Tegernsee wohnte die ganze Nazi-Prominenz, also hört man: „Ach der Gulbransson ist da natürlich auch hingezogen.“ Nein, er war schon deutlich vorher da. Und so ging es weiter mit den Ungenauigkeiten. Es gab bislang keine fundierte Publikation, nur das sehr schöne Buch von Dagny Gulbransson. Aber das ist die liebende dritte Ehefrau, die da schreibt.
Gulbransson unterzeichnet 1933 aber auch den „Protest der Richard-Wagner-Stadt München“ gegen Thomas Mann.
Dazu gibt es zwei Geschichten. Im Archiv der Kunstakademie habe ich in Gulbranssons Personalakte einen Brief an den Kollegen Bernhard Bleeker gefunden, da heißt es: „Sei lieb – und nim dein Gummi – und wisch mein Namen wieder von die Liste weg. Meine Frau – die etwas klüger ist – meint – man soll nichts unterschreiben – von dem man nichts weis.“ Bleeker antwortete: „Lieber Olaf, Dein Wille geschehe.“ Gemacht hat er’s nicht. Ich vermute, dass die Professorenschaft beieinander saß und es hieß, jetzt unterschreib’ halt auch. Spätestens zu Hause muss ihm klar gewesen sein, dass das überhaupt nicht seiner Haltung entspricht.
Gab es dennoch Momente, in denen Gulbransson wackelt?
Absolut nicht. Das hätte nicht zu seiner ganzen Wurschtigkeit der Politik gegenüber gepasst. Er stand ja auch 1937 in der Femeausstellung und rief laut: „Entartete Kunst finde ich super.“
Und es ist nichts passiert?
Adolf Wagner, der Gauleiter, sagte ganz direkt: „Dieser Kopf gehört nach Dachau.“ Und dann bewahrt ausgerechnet Joachim von Ribbentrop Gulbransson vor Schlimmerem.
Weshalb?
Ribbentrop war Sektvertreter bei der Firma Henkel, für die Gulbransson viel Reklame gezeichnet hat. Die Familie Henkel schätzte den Künstler sehr und sammelte seine Werke. Ribbentrop heiratete eines Tages eine Tochter aus dem Henkel-Clan und wurde später Außenminister. Ich habe einen Brief gefunden, den Ribbentrop an Wagner schrieb: „Von dem lässt Du die Hände“.
Der „Simplicissimus“-Zeichner Thomas Theodor Heine war der Meinung, Gulbransson hätte ihn bei den Nazis verpfiffen.
Wegen seiner jüdischen Herkunft wurde Heine von der Gestapo untersagt, die Redaktionsräume des „Simplicissimus“ zu betreten. Dieses Verbot hat er ignoriert. Und weil das bemerkt wurde, erzählte Heine, man hätte ihn verraten. Mal sprach er von Eduard Thöny, dann wieder von Gulbransson. Dass Gulbransson, der nie an ein Telefon ging, bei den Nazis angerufen hat, ist sehr unwahrscheinlich. Dagegen wurde die Redaktion mit Sicherheit überwacht. Aber diese Geschichte ist besonders tragisch, weil gerade Heine und Gulbransson ganz enge Freunde waren.
Wie konnte sich Gulbransson als Zeichner einer Satirezeitschrift überhaupt so schnell in der deutschen Politik zurechtfinden?
Gulbransson hatte keine Ahnung, er wollte einfach nur zeichnen. Es gibt Briefe von Ludwig Thoma, in denen er minutiös beschreibt, wie die Karikatur zu seinem Text aussehen soll. Thoma hatte die Zeichnung schon exakt im Kopf, und Gulbransson war am Fluchen, weil er das als Fronarbeit ohne jede Freiheit verstand. Er selbst hatte einen feinen Humor, war in seinen eigenen Zeichnungen nie verletzend. Vor allem seine zarten Aquarelle erzählen von einem einfühlsamen Künstler.
Warum ist Gulbransson dann in Bayern geblieben?
Für ihn hat sich vieles gut gefügt, das reicht bis hin zur Professur an der Kunstakademie. Vor allem war er ein sehr barocker Mensch, und das Lebensgefühl in Bayern gefiel ihm einfach – zum Beispiel, dass das Feiern und auf den Putz Hauen in keinem Widerspruch zu einem tief verwurzelten Glauben steht. Gulbransson konnte hier Skifahren, schwimmen und einfach in der Natur sein. Sein Vater sei ein Seehund und die Mutter eine Trollfrau, hat er gerne gesagt. Und wenn man sich an den Tegernsee und hinauf auf den Schererhof begibt, fühlt man sich auch manchmal wie in Norwegen.
Lesezeichen
Gerd Holzheimer: „Olaf Gulbransson. Eine Biografie“; 328 Seiten, 28 Euro, Allitera Verlag.