Kultur Ein Schaulaufen für die Oscar-Verleihung?
Vor 85 Jahren, 1932, wurde sie gegründet, die „Mostra internazionale d’arte cinematografica di Venezia“ – im Luxushotel „Excelsior“. Ausgerechnet von dort wird die heute beginnende 74. Ausgabe der Internationalen Filmfestspiele von Venedig torpediert: Das Personal droht wegen schlechter Bezahlung mit Streik.
Gut möglich, dass mancher Star in diesem Jahr keinen Drink auf der Terrasse der Edelherberge genießen kann. Viele sind angekündigt. Jane Fonda und Robert Redford führen die illustre Riege an. Kommen sollen auch Penélope Cruz, Judi Dench, Frances McDormand, Jennifer Lawrence, Helen Mirren, Julianne Moore, Michelle Pfeiffer, Charlotte Rampling, George Clooney, Woody Harrelson, Don Johnson, Donald Sutherland. Die Namen signalisieren deutlich: Hollywood wird hier auch in diesem Jahr den Ton angeben. Das Defilee der Berühmtheiten über den roten Teppich vor dem auf Mussolinis Geheiß erbauten Festival-Palast auf dem Lido di Venezia gilt ja seit Jahren als erster Probelauf für die nächste Oscar-Verleihung. Venedig-Erfolge gehören zu den Abonnenten auf Hollywoods höchste Auszeichnung, zuletzt „La La Land“. Das wesentliche Augenmerk gilt allerdings dem chinesischen Konzeptkünstler Ai Weiwei, der gerade 60 geworden ist. Er tritt im Wettbewerb um den Hauptpreis, den „Goldenen Löwen“, als Regiedebütant mit der US-amerikanisch-deutschen Koproduktion „Human Flow“ an. Etwa ein Jahr lang hat Ai Weiwei in mehr als 20 Ländern Menschen in der Wüste, im Gebirge und auf dem Wasser begleitet, Menschen auf der verzweifelten Suche nach Sicherheit. Ai Weiwei, der seit zwei Jahren in Berlin lebt und arbeitet, hat sich mit seinen zum Teil umstrittenen künstlerischen Projekten bereits mehrfach mit dem Thema Flucht auseinander gesetzt. Mit dieser Dokumentation will er nun nach eigenem Bekunden versuchen, die heutigen weltweiten Migrationsströme zu erfassen, zu begleiten und zu werten. Die Spannung ist groß, ob die von der US-amerikanischen Schauspielerin Annette Bening angeführte neunköpfige Jury diesem Film am Samstag kommender Woche Löwen-Ehren zukommen lässt. Insgesamt hat sie 21 Dokumentar- und Spielfilme aus aller Welt zu beurteilen. Die Arbeit eines deutschen Regisseurs ist nicht dabei. Allerdings könnte die vom italienischen Regie-Star Gianni Amelio angeführte siebenköpfige Jury der jungen Filmemachern und Kurzfilmen vorbehaltenen Sektion „Orrizonti“ („Horizonte“) ihren Preis an den Deutschen Rick Ostermann („Wolfskinder“) vergeben. Der Autor und Regisseur tritt mit dem Spielfilm „Krieg“ gegen 18 andere Beiträge an. Prominent besetzt mit Barbara Auer und Ulrich Matthes, erzählt Ostermanns Film die Tragödie eines Ehepaares, dessen Sohn als deutscher Soldat bei einem Auslandseinsatz ums Leben kommt. „Krieg“ dürfte schon deshalb recht viel Aufmerksamkeit sicher sein, weil er zu den eher wenigen Festival-Novitäten gehört, die sich deutlich gesellschaftskritisch mit der Gegenwart auseinandersetzen. Im Hauptwettbewerb soll es, neben „Human Flow“, lediglich in dem in Beirut spielenden Drama „Die Beleidigung“ des libanesischen Regisseurs Ziad Doueiri und im Film „Foxtrot“ von Samuel Maos aus Tel Aviv, der israelischen Alltag reflektiert, um aktuelle politische Probleme gehen. Da mutet es wie ein trotziges Ausrufezeichen an, dass Festspieldirektor Alberto Barbera zur Eröffnung heute Abend den Science-Fiction-Film „Downsizing“ ausgewählt hat. Der vor 15 Jahren mit „About Schmidt“ bekannt gewordene Regisseur Alexander Payne (USA) kündigt nämlich eine Satire auf den Niedergang der USA an. Es spielen Matt Damon und Christoph Waltz. Schauspielerische Klasse ist auch sonst vielfach zu erwarten, zum Beispiel in Darren Aronofskys Horrorfilm „Mother!“ mit Jennifer Lawrence und Michelle Pfeiffer, George Clooneys Kriminalkomödie „Suburbicon“ mit Matt Damon und Julianne Moore, Guillermo Del Toros Romanze „The Shape Of Water“ mit Sally Hawkins, Paul Schraders Drama „First Reformed“ mit Ethan Hawke und Amanda Seyfried, Paolo Virzis Lovestory „The Leisure Seeker“ mit Helen Mirren und Donald Sutherland, Martin McDonaghs schwarzer Komödie „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ mit Frances McDormand, Woody Harrelson und Peter Dinklage, Stephen Frears Kostümfilm „Victoria & Abdul“ mit Judi Dench und in der romantischen Melanchomödie „Our Souls at Night“ mit Jane Fonda und Robert Redford. Sie sind die ersten Gewinner der diesjährigen Mostra. Die beiden Hollywood-Legenden bekommen am Freitagabend je einen Goldenen Löwen für ihr Lebenswerk.