Pfalzgeschichte(N)
Ein neues Museum für den Dom: Heiliges Leuchten aus der Tiefe
Die Stimmung wird geheimnisvoller, je weiter der Weg in die Tiefe führt. Unten angekommen nimmt eine heilige Aura auch ansonsten religiös unempfängliche Gemüter für sich ein. Der Raum beginnt, seine Wirkung zu entfalten. Die Rede ist von der Krypta des Kaiser- und Mariendoms zu Speyer, Grablege von acht deutschen Kaisern und Königen, von Herrscherinnen und Bischöfen – auch wenn sie heute nicht mehr so aussieht wie nach der Öffnung der Gräber vor mehr als 100 Jahren. Damals, 1902, wurde ein renommierter Architekt aus München nach Speyer entsandt. Sein Name: Gabriel von Seidl. Sein Auftrag: die künstlerische Neugestaltung von Krypta und Königs-Chor.
Museumsburg mit Kapelle
Spätere Restaurierungen haben das Aussehen der Krypta längst wieder verändert, die Raumwirkung ist geblieben. Und noch etwas: das nur wenige Jahre nach Seidls Begegnung mit den Kaisergräbern von ihm geplante und 1910 eröffnete Historische Museum der Pfalz. Auch wenn die in unmittelbarer Nachbarschaft und auf den alles überragenden Dom Bezug nehmende Architektur von außen eher an eine gewachsene Burganlage aus der Renaissance erinnert: Im Innern finden sich durchaus auch Reminiszenzen an mittelalterliche Sakralbauten.
Ein Raumkonzept aus dem 19. Jahrhundert, das modernen Ausstellungskonzepten oft im Wege steht, weswegen alle sehr froh waren, als 1990 der lang ersehnte Museumsanbau eröffnet wurde – auch mit eigens geschaffenen Wänden für die monumentalen Fresken, mit denen Johann Baptist Schraudolph im Auftrag von König Ludwig I. den Dom ausgemalt hatte. Schraudolphs Kunst jedoch und die Vorstellung einer neuen Restauratorengeneration vom Innern eines romanischen Domes passten in den 1960ern nicht zusammen, weswegen die lange unbeliebte nazarenische Malerei erst verschwand, dann doch restauriert wurde und schließlich ins Museum ziehen durfte.
Spürnasen auf Raumsuche
Präsentiert wurde sie dort zusammen mit dem Domschatz, mit sakraler Kunst, Grabungsfunden, Spolien und liturgischen Geräten im Zusammenhang mit dem Dom. Seit 1912, der Eröffnung eines ersten Domsaals, wanderte diese Abteilung des Museums in wechselnden Präsentationen durch das Haus. Dann zogen die längst rehabilitierten Fresken 2012 zurück in den Dom, in den Kaisersaal, und der Neubau ...
Nun ja, das ist eine andere, längere Geschichte. Er ist sanierungsbedürftig, unbespielbar, wie die Museumsleute sagen. Sie wissen das schon lange, eine Lösung ist nicht in Sicht. Und so haben Alexander Schubert und sein Team mittlerweile die Kunst perfektioniert, im alten Museumsteil neue Räume aufzuspüren. Der historische Seidl-Bau nämlich: Er steht und wanket nicht.
Da sind zunächst einmal die drei Turmsäle, in denen der Vor-, Vor-, Vor- Vorgänger des aktuellen Direktors die Bibliothek untergebracht hatte und in denen jetzt Kabinettausstellungen stattfinden. Auch hier war – mit Blick auf den Dom – in den 1960ern schon einmal Platz für dessen seit August 2021 im Museum heimatlos gewordene Schätze. Der jüngste Coup der unfreiwillig zu „Gräbern nach dem verlorenen Ausstellungsraum“ gewordenen Museumsmitarbeiter: Das neue Dom- und Diözesanmuseum im Historischen Museum der Pfalz, das am 20. September 2022 seine Pforten öffnet. Und deshalb fangen wir jetzt noch einmal von vorne an:
Die Stimmung wird geheimnisvoller, je weiter der Weg in die Tiefe führt. Unten angekommen nimmt eine heilige Aura auch ansonsten religiös unempfängliche Gemüter für sich ein ... Die Rede ist jetzt allerdings von der neu gewonnenen Ausstellungsfläche, deren Grundriss einem mehrschiffigen Kirchenbau mit Querhaus und einem kleeblattartigen Chorabschluss ähnelt.
Im Untergeschoss des Altbaus hat die Krypta des Doms nun ihr museales Pendant bekommen, vielleicht vom Architekten schon so erdacht, aber nie Realität geworden. Weil in den darüberliegenden Hauptsälen oft tonnenschwere Ausstellungsobjekte aufgestellt wurden, blieben unten Stützwände stehen, waren Nischen ausgefüllt mit Vitrinen, begrüßte zuletzt ein Urzeitmensch hinabgestiegene Besucher vor seiner Lehmhütte in der zur Zeit ebenfalls geschlossenen Sammlungsabteilung Vor- und Frühgeschichte.
Kreuze und Kronen
Und hinter den Wänden: Museumsschreinerei, Abstellraum, Getränkelager für das Café. Kaum mehr vorstellbar jetzt, da Raum und Ausstellungsobjekte zu einer Art Gesamtkunstwerk ganz im Seidl’schen Sinne verschmelzen.
Einmal unten angekommen, fällt der erste Blick auf eine geheimnisvoll in ihrer Vitrine schwebende Krone mit einem Kreuz an ihrer Stirnseite – und damit auf eines der wertvollsten Objekte hier überhaupt. Nicht wegen ihres Materials, sie ist aus Kupfer – mit wenigen Spuren einer Vergoldung. Aber die 1900 bei der Öffnung der salischen Grablege in der Krypta geborgene Grabkrone des Dombegründers Konrad II. (1039) gehört zusammen mit jenen seiner Gemahlin Gisela (1043) und ihres Sohnes, Kaiser Heinrich III. (1056), zu den ältesten bekannten Grabkronen des Mittelalters.
Schatzwanderungen
Von weit hinten leuchtet es, und nähert man sich, beginnt es zu funkeln und zu strahlen: Hier sind die Vasa Sacra ausgestellt, heilige Gefäße für die sakralen Handlungen, Messkelche, Monstranzen, Reliquienschreine, daneben prächtige liturgische Gewänder. Die meisten der kostbaren Goldschmiedearbeiten stammen ursprünglich aus dem Mainzer Domschatz. Nach Speyer kamen sie auf Veranlassung des pfälzisch-bayerischen Königs Max I. Joseph, denn Aschaffenburg, wohin die Mainzer ihren Schatz vor der Französischen Revolution gerettet hatten, gehörte nach dem Wiener Kongress wie Speyer zum Königreich Bayern. Aus dem zwischenzeitlich aufgelösten und erst 1817 neu gegründeten Bistum Speyer hingegen war Gerettetes in alle Himmelsrichtungen verstreut, zu Geld gemacht oder nun Eigentum des rechtsrheinischen Großherzogtums Baden.
Das ist Teil der Bistumsgeschichte, die vor der eigentlichen Ausstellung in einer Art Narthex, einem Vorraum, erzählt wird: anhand von zehn ausgewählten Objekten vom frühchristlichen Grabungsfund über das Faksimile des von Heinrich III. in den Domschatz gebrachte Goldene Evangelienbuch aus Echternach, des heute im Escorial aufbewahrten Codex aureus, bis zum mit der Heiligsprechung von Johannes Paul II. zur Berührungsreliquie gewordenen Messgewand, das der Papst bei seinem Besuch in Speyer 1987 trug.
Dem Dom wird natürlich besondere Aufmerksamkeit gewidmet, ob mit einer Dombaustelle des Jungen Museums oder der Computeranimation seiner Baugeschichte. Aber der neue Name – Dom- und Diözesanmuseum – ist Programm: Aus verschiedenen Pfarreien des Bistums stammen ganz wunderbare, farbig gefasste spätgotische Heiligenfiguren oder kostbare Altarbilder.
Manches Objekt war auch in der vorherigen Präsentation zu sehen. Anderes – wie das dreiteilige Altarbild aus der Kapelle des Kinderheims St. Nikolaus in Landstuhl – ist erst nach langer Zeit wieder ausgestellt in der von Sabine Kaufmann und Wolfgang Leitmeyer erdachten Neukonzeption. Deren Titel: „Kreuz und Krone“. Diese sind vereint im ersten Höhepunkt, der Kaiserkrone, gleich zu Beginn – und auch zum krönenden Abschluss in der „Chor“-Vitrine – mit Christus am Kreuz aus St. Nikolaus in Neuleiningen, einer ergreifenden Skulptur aus dem Umfeld des berühmten Schnitzmeisters Tilman Riemenschneider. Dazwischen: ein Dom- und Diözesanmuseum, das nicht zu den größten, aber fortan gewiss zu den sehenswertesten seiner Art gehört.