Filmfestival Venedig RHEINPFALZ Plus Artikel Ein neuer Blick auf Bäume aus Marburg

Spricht sogar ein bisschen Deutsch: Hongkongkino-Star Tony Leung Chiu-wai in dem wissenschaftlich-poetischen Film „Silent Friend
Spricht sogar ein bisschen Deutsch: Hongkongkino-Star Tony Leung Chiu-wai in dem wissenschaftlich-poetischen Film »Silent Friend« der Ungarin Ildiko Enyedi, der in Marburg spielt.

„Silent Friend“ von Ildikó Enyedi zaubert beim Festival von Venedig Bilder, die es so im Spielfilm noch nie gab. Danach sieht man Pflanzen mit anderen Augen.

Hongkongstar Tony Leung Chiu-wai („In the Mood for Love“) erwartet man nicht unbedingt in einer deutschen Coproduktion, doch die Ungarin Ildikó Enyedi (69) hat die Rolle des Neurowissenschaftlers Wong, der die Gehirnströme von Babys untersucht, extra für ihn geschrieben. Er kommt als Gastprofessor nach Marburg, 2020, kurz bevor ihn Corona zusammen mit dem Wächter des Botanischen Gartens der Uni, im Gästehaus einsperrt. Aber da ist der große Garten mit dem riesigen Ginkgobaum, neben dem Wing seine meditativen Übungen macht. Die Zoomkonferenz mit einer französischen Wissenschaftlerin (Léa Seydoux, in Frankreich ein Star) bringt ihn dazu, nicht nur einen Babykopf zu verdrahten, sondern auch den Ginkgobaum. Das ist die eine der drei Geschichten, die Enyedi erzählt.

Die zweite spielt 1972, als eine Botanikstudentin eine Geranie verdrahtet, um in ihr eine Sprache zu finden, die ihr sagt, was die Pflanze am Fenster fühlt und wie sie auf Menschen reagiert. Als sie in Ferien fährt, übernimmt ihr Freund Hannes (Enzo Brumm) das Gießen und Datenaufschreiben und lötet sich ein neues Gerät zusammen, mit dem die Pflanze nun mit ihm durchs Gartentor spricht.

Leinwandfüllende Mikrobilder

Die dritte Pflanzengeschichte spielt 1908: Die erste Botanikstudentin der Uni (Luna Wedler), der die Männer das Leben schwer machen (vor allem Rainer Bock, der gerade den Schauspielpreis des Festivals des deutschen Films in Ludwigshafen erhielt, als unverschämter Professor), wird zum Geldverdienen Assistentin bei einem Fotografen und experimentiert mit der Kamera: Statt Personen fotografiert sie Pflanzen und Haare und schafft wunderbare Schwarz-weiß-Strukturen in ihren röntgenartigen Fotos.

Das alles klingt in diesem vorwiegend auf Deutsch gedrehten Film nicht unbedingt spannend, der Zauber liegt darin, wie Enyedi die Geschichten kombiniert – und vor allem wie sie poetisch und wissenschaftlich zugleich die Pflanzen und die Natur einbettet. Schon das erste Filmbild zeigt in Großaufnahme, wie sich die Kapsel einer grünen Pflanze öffnet und ein weißes Etwas herauswächst, im Zeitraffer natürlich. Später sind es immer wieder leinwandfüllende Mikrobilder von Pflanzenstängeln, die es so noch nie im Spielfilm zu sehen gab. Sie kommen unvermittelt, bewegen sich, es sind vor allem die Rinden und Blätter des uralten Ginkgobaums und die Wellen auf den Monitoren, die das Leben der Pflanzen (und des Babys) zeigen, die staunen machen und deren Wirkung man sich nicht entziehen kann. Die Zuschauer erleben in den zweieinhalb Stunden Ähnliches wie die Filmfiguren: Sie werden neugierig, sie beginnen Pflanzen mit anderen Augen zu sehen und wahrscheinlich anders zu behandeln, denn nun ist klar: Sie sind Wesen wie wir, nur stumm. (Kinostart: 13. November).

Hektik im Hilfszentrum: „The Voice of Hind Rajab“ von Kaouther Ben Hania, weckt bei den Zuschauern mehr Gefühle als jeder andere
Hektik im Hilfszentrum: »The Voice of Hind Rajab« von Kaouther Ben Hania, weckt bei den Zuschauern mehr Gefühle als jeder andere Film.

Ganz nah dran an der leider kriegerischen Realität ist dagegen der Wettbewerbsfilm „The Voice of Hind Rajab“: Die israelische Armee schießt und bombt im Gazastreifen, oft sind Zivilisten das Ziel. Die verzweifelten Palästinenser rufen per Handy um Hilfe. Die Anrufe landen nicht vor Ort, sondern im gut 80 Kilometer entfernten Einsatzzentrum des Roten Halbmonds, der weitgehend als Telefonseelsorge fungiert, aber auch Rettungswagen ins Kriegsgebiet losschickt –wenn er das kann und darf, dazu muss das Gesundheitsministerium, das Rote Kreuz und schließlich die israelische Armee das Okay geben, denn nur Letztere kann sichere Routen weitergeben.

Einen dieser Rettungsrufe von 2022 – nur die Tonaufzeichnen gingen auf Social Media um die Welt – hat die tunesische Regisseurin Kaouther Ben Hania (48) zu einem Kammerspiel verdichtet, das in dem Einsatzzentrum spielt. Ein fünfjähriges Mädchen aus Gaza ruft an. „Holt mich raus“, bittet es, während man neben ihren Worten Schüsse und Explosionen hört. Das Kind ist allein im Auto, alle anderen sind tot.

Mit Hingabe widmen sich die Halbmond-Mitarbeiter dem Mädchen, sie bringen es zum Reden, sie machen Mut, gleich mehrere Mitarbeiter sprechen mit dem Kind, während andere im Team versuchen, einen Krankenwagen zu finden, der hinfahren könnte – und eben die notwendigen Einwilligungen zu bekommen. Es ist ein Kampf um Minuten, um Leben um Tod. Dann wird das Mädchen angeschossen. „Ich blute“, sagt es und verstummt. Aber als man es schon verloren glaubt, meldet es sich wieder.

Meisterhaftes Kammerspiel

Die Hingabe, die Hektik, auch die Wut der Mitarbeiter im Einsatzzentrum, die sich anschreien, während sie auf Bestätigung warten, das Mädchen retten zu dürfen, hat Kaouther Ben Hania zu einem meisterhaften Kammerspiel verarbeitet. Man fiebert als Zuschauer mit, wie ein halbes Dutzend überarbeiteter Menschen um das Leben des Mädchens kämpft. Als die Retter endlich den Krankenwagen losschicken, sieht man im Laptop, wie er sich auf dem Gaza-Plan langsam vorwärts bewegt, dann stockt und doch wieder weiterfahren kann.

Kein Beitrag in Venedig hat längeren Beifall (22 Minuten) bekommen als dieser von Brad Pitt und Joaquin Phoenix produzierte Film. Es ist schon der dritte im Wettbewerb um den Goldenen Löwen, in dem es um die reale Bedrohung des Lebens geht. Allerdings: Wäre es ein mittelalter Mann, der um Hilfe ruft, würde der Film wohl nicht so viele Emotionen auslösen. So ist er ein politisches Bekenntnis, solche Filme bekommen bei Festivals (Preisverleihung ist am Samstagabend) gerne den Hauptpreis.

Mehr zum Thema
x