Kultur
Ein ferner Klang: Ludwigshafen entdeckt den in der NS-Zeit geflohenen Musiker Rudolf Fetsch neu
Der Dirigent und Komponisten Rudolf Fetsch aus Ludwigshafen, geboren 1900, stand am Beginn einer großen Musikerkarriere . Die nationalsozialistische Rassenpolitik ließ ihn über Jahrzehnte verstummen. Über Japan führte sein Weg in die USA. 100 Jahre später, zum Jubiläum „seines“ Orchesters, wird er in seiner Heimatstadt neu entdeckt.
Einer der 23 neuen „Stolpersteine“, der am Montag zu den vielen Messingtafeln hinzukommt, die im Ludwigshafener Boden die Erinnerung wachrufen an das Schicksal der jüdischen Bürger der Stadt, trägt die Inschrift „Dr. Walter Fetsch“. In der Bleichstraße hatte der 1908 geborene jüngste Sohn des katholischen Postexpeditors Ludwig Fetsch und seiner zum katholischen Glauben übergetreten jüdischen Ehefrau am 1. Juni 1934 eine Zahnarztpraxis eröffnet – und musste sie nur kurze Zeit später wieder schließen: „Berufsverbot 1934, Flucht 1939, Japan, mit Hilfe überlebt“, lautet der kurze Eintrag auf dem Stein. Dahinter verbirgt sich eine den Globus umspannende Familiengeschichte. Zunächst aber führt der Weg nur ein paar Ludwigshafener Straßen weiter.
Dort, vor der Lisztstraße 176, liegt bereits der Stolperstein für Rudolf Fetsch, Walters am 28. August 1900 geborenen älteren Bruder. Beide wurden sie wegen ihrer „halbjüdischen“ Herkunft bald nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten mit Berufsverbot belegt. Und es gibt noch eine Gemeinsamkeit: Japan. Das ist dann doch wieder ein außergewöhnlicher Klang in dieser Geschichte, die nicht erzählt werden könnte, hätten sich nicht in der Initiative „Ludwigshafen verlegt Stolpersteine“ die Wege von Menschen gekreuzt, die mehr erfahren wollten: Eric Trümpler gehört dazu, Cellist der Deutschen Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz. Er interessiert sich seit Langem schon für das Schicksal jüdischer Musiker des Orchesters, das im Februar 2020 seinen 100. Geburtstag feiern wird. Und Monika Kleinschnitger, Grünen-Politikerin im Ludwigshafener Stadtrat und treibende Kraft des Vereins, der seit 2007 jährlich neue Stolpersteine verlegt und zum Innehalten einlädt und die Erinnerung an vergessene Namen wachruft.
Spurensuche in Archiven und im Netz
Rudolf Fetsch ist einer davon. Monika Kleinschnitger blättert in einem prall gefüllten Ordner und weiß heute viel über ihn. Am Anfang wusste man: „Nichts“. Nicht einmal genau, wonach man suchen sollte. Ähnlich erging es Eric Trümpler beim Aufspüren von Musikernamen. Fetsch war einer davon. Kapellmeister des noch jungen Orchesters zum Zeitpunkt seiner Hochzeit mit Hedwig Rosenstiel im Juni 1923, Jüdin wie seine Mutter. Der im November geborene und katholisch getaufte gemeinsame Sohn Ulrich Wolfgang war somit genauso wie sein Vater „jüdisch versippt“, die ganze Familie vom Rassenwahn der Nazis bedroht. Nichts davon findet sich in den längst nicht mehr vollständig erhaltenen Personalakten des Orchesters, die im Stadt- und Landesarchiv aufbewahrt werden. Aber dann stieß Eric Trümpler im Internet auf den Namen Fetsch: Wolfgang Fetsch, Pianist aus Stockton, Kalifornien, „native in Ludwighaffen-Mannheim“. Er habe als 14-Jähriger Deutschland verlassen. Sein Vater, hieß es da weiter, habe während des Zweiten Weltkriegs mehrere Orchester in Japan dirigiert. Erwähnt wurde auch Anita Fetsch-Felix, die Tochter Wolfgangs, ebenfalls Musikerin, Geigerin mit eigenem Internet-Auftritt.
„Es wird einfacher, wenn man weiß, wonach man sucht“, sagt Monika Kleinschnitger. Dennoch müsse man bei Kontaktaufnahme mit den Nachkommen der aus Deutschland vertriebenen Menschen immer auch mit Ablehnung rechnen und treffe auf gebrochene Familiengeschichten. Im Fall Fetsch war das nicht so, weswegen die Geschichten von Rudolf Fetsch, seinem Bruder Walter und von deren Kindern heute zwar noch lange nicht lückenlos, aber wenigstens mit einigen erstaunlichen Details versehen nacherzählt werden können. Monika Kleinschnitger hat das in einem Text für die „Rheinisch-pfälzische Familienkunde“ getan. Sie hat Rezensionen aufgespürt, in denen die Kompositionen des noch nicht 30-jährigen Rudolf Fetsch ausdrücklich gelobt wurden. Es gibt Programmzettel des Pfalzorchesters, da steht der Name Rudolf Fetsch zwischen denen von Bruckner, Schubert und Beethoven: ein Konzert unter seiner Leitung am 6. April 1932 im Städtischen Spiel- und Festhaus zu Worms mit der Uraufführung seiner „Lustigen Spielmusik für kleines Orchester“. Ein „preisgekröntes Werk“, aber mit welchem Preis? Was hat Fetsch noch komponiert? Man weiß noch längst nicht alles über diesen Musiker, der sich einreiht in jene „ausgelöschten Stimmen“, wie sie etwa das europäische Projekt „Forum Voix étouffées“ mit Aufführungen auf dem ganzen Kontinent wieder zu Gehör zu bringen versucht.
Familie Mann hilft bei Neuanfang inJapan
Bei Rudolf Fetsch müsste man Europa allerdings verlassen, sein Weg führte nach Japan. Nach allem, was man weiß, waren es Ernst Boehe, der erste Generalmusikdirektor der heutigen Staatsphilharmonie, und der ihm gut bekannte Klaus Pringsheim, Schwager von Thomas Mann, die dem jungen Musiker zunächst den Weg an die private Opern- und Musikschule in Takarazuka bei Osaka ebneten: Der Zwillingsbruder von Katia Mann lehrte bereits seit 1931 an der Kaiserlichen Musikakademie Tokio. Rudolf ging 1937 nach Japan, Ehefrau Hedwig und Sohn Wolfgang folgten 1938. Im April 1939 gelang auch noch Rudolfs Bruder Walter die Flucht.
Aus verschiedenen Quellen weiß man, dass sich die Situation der Familie 1941 mit dem Kriegseintritt der USA stetig verschlechterte, für den Musiker wie für den als Zahntechniker arbeitenden Zahnarzt: ein Leben am Existenzminimum, mit Hunger und Angst als alltäglichen Begleitern. Rudolf und sein Sohn Wolfgang gaben auch nach Kriegsende Klavierunterricht – auch an die eingerückten Amerikaner. Den Zahnarzt zog es zurück nach Deutschland, wo die Verlobte Erna auf ihn wartete. Er starb am 29. Mai 2001 in Birkenfeld. Rudolf und seine Familie verließen am 18. Juli 1949 mit der „SS Flying Sand“ Japan in Richtung USA und stellten am 10. Februar 1950 in Denver, Colorado, einen Einbürgerungsantrag. Rudolf Fetsch starb am 30. November 1974 in Stockton, Kalifornien. Dort, wo sein heute 95-jähriger Sohn Wolfgang bis 1991 Professor für Klavier an der University of the Pacific war.
Zum Staatsphilharmonie-Jubiläum soll Fetsch-Komposition erklingen
Rudolf Fetschs Stimme auszulöschen, ist nicht gelungen. Vieles ging zwar verloren, aber wenn man weiß, wonach man suchen soll, lässt sich so Manches entdecken: Gefunden wurden erst kürzlich im Archiv der Staatsphilharmonie in Ludwigshafen Noten einer Komposition des knapp 20-Jährigen. Einzelne Orchesterstimmen, die Partitur fehlt. Das Ziel nun: Im Jubiläumsjahr 2020 soll das Intermezzo für kleines Orchester von Rudolf Fetsch genau 100 Jahre nach seiner Uraufführung in Ludwigshafen wieder erklingen, gespielt von „seinem“ Orchester.