Kino RHEINPFALZ Plus Artikel Ehrliche Worte: Erinnerungen von Paul Newman erschienen

Hinterließ 80 Stunden Gespräche über sein Leben: Paul Newman, hier im Jahr 1984.
Hinterließ 80 Stunden Gespräche über sein Leben: Paul Newman, hier im Jahr 1984.

Paul Newman gehört zu den großen Hollywood-Stars des 20. Jahrhunderts. Kino-Hits wie „Die Katze auf dem heißen Blechdach“, „Der Clou“ und „Die Farbe des Geldes“ beweisen es noch heute. 14 Jahre nach seinem Tod ist jetzt das Buch „Das außergewöhnliche Leben eines ganz normalen Mannes“ erschienen.

Autobiografien von Filmstars reichen selten über eitle Selbstbespiegelungen hinaus. Die wenigen Ausnahmen stammen von Frauen. Noch heute lesenswert sind die Bücher von Lilli Palmer, Hildegard Knef, Simone Signoret, Louise Brooks. Denn die Autorinnen blicken darin auch auf gesellschaftspolitische Fragen. Genau das tut auch der zweifache Oscar-Preisträger Paul Newman. Seine gesammelten Erinnerungen, ergänzt von Statements enger Freunde und Verwandter, reflektieren mit erstaunlicher Klarsicht die politischen Entwicklungen in den USA von den 1940-er bis in die frühen 2000-er Jahre.

Das Buch offeriert keine fein sortierte Chronik von Geburt bis kurz vor dem Lebensende, kein Abhaken glorreicher Stationen. Geboten wird eine Sammlung von Monologen, Dialogen und Kommentaren. Die beruhen auf mehr als 80 Stunden Tonaufnahmen. Newman hat, zunächst angeblich allein für private Zwecke, von 1986 bis 1991 unzählige Gespräche mit dem Schriftsteller Stewart Stern geführt. Dem ist der mit einigen Fotos illustrierte Band, herausgegeben von den Kindern des Schauspielers, nun auch gewidmet. Stern, am bekanntesten für sein Drehbuch zu dem James-Dean-Hit „… denn sie wissen nicht, was sie tun“, hatte zur Bedingung gemacht, dass sowohl Newman selbst als auch alle anderen Befragten schonungslos die Wahrheit sagen, keine Lobhudeleien abliefern, sondern aufrichtige Einschätzungen. Daran haben sich offenbar alle gehalten. Und das macht das Buch zu einer wirklich lohnenden Lektüre.

Rettung aus dem Sumpf der Sucht

Anfangs glaubt man noch an Koketterie, wenn Melissa Newman, die Tochter des zweifachen Oscar-Preisträgers schreibt: „Für manche Menschen ist es kaum nachvollziehbar, warum bei all dem Erfolg dieses Gefühl des Zweifels so unablässig bestehen bleibt.“ Am Ende weiß man, woraus der Zweifel rührte und man kann nachvollziehen, warum der Mann mit den strahlenden blauen Augen und dem kraftvollen Charme von den ihm Nahestehenden so erlebt wurde: „Da war jemand, der sich für einen Hochstapler hielt, für einen ganz normalen Mann mit einem außergewöhnlichen Gesicht, der das Glück auf seiner Seite hatte und weit mehr erreichte, als er sich überhaupt vorgestellt hatte.“

Paul Newman selbst, so die Fama, hatte keine Veröffentlichung im Sinn. Es heißt, er habe seinen Kindern erklären wollen, warum er war, wie er war. Und er habe dabei auch mit ein paar Legenden aufräumen wollen. Tatsächlich wird ein höchst farbenfrohes und differenziertes Bild seiner öffentlichen und privaten Persönlichkeit gezeichnet. Man lernt den seelisch verletzten Sohn eines zu Liebe nicht wirklich fähigen Ehepaares kennen; man erlebt einen Jungen, der nicht versteht, warum ihm als jüdischem Kind in der US-amerikanischen Gesellschaft manche Wege versperrt und Türen verschlossen bleiben; man lernt den Hollywood-Star kennen, der neidisch auf erfolgreiche Kollegen ist; man begegnet einem an Alkoholismus Leidenden, der sich nur mühsam aus dem Sumpf der Sucht retten kann. Das ist nicht immer unterhaltsam. Denn die Texte denken tatsächlich ernsthaft und mit Intelligenz über wichtige Lebensfragen nach.

Sexsymbol mit Selbstironie

Besonders betroffen machen die Passagen, in denen es um den frühen Drogen-Tod seines Sohnes Scott geht. Auch die Momente, in denen sich Paul Newman zum Scheitern seiner ersten Ehe äußert, strahlen eine fast bedrängende Ehrlichkeit aus. Begeisternd ist, wie Paul Newman seiner zweiten Gattin, der Schauspielerin Joanne Woodward, mit der er mehr als 50 Jahre verheiratet war, Ehre und Dank zukommen lässt. Da ist nicht von einer konfliktfreien Bilderbuch-Beziehung die Rede, wird kein neckisches Eheglück beschworen. Aber es wird klar: Ohne seine Frau hätte dieser Mann, persönlich und als Künstler, nicht über Jahrzehnte Erfolg haben können, ja, nicht einmal leben können.

Manchmal schmunzelt man beim Lesen auch. Einige neckische Hollywood-Episödchen verleiten dazu. Besonders komisch ist es, wenn sich Paul Newman mehrfach verwundert und voll Selbstironie mit seinem jahrzehntelangen Image als Sexsymbol auseinandersetzt. Am Ende schließlich kippt aller Witz dann ins Tragikomische. Zum Schluss reflektiert Paul Newman schließlich Leben und Sterben in einem einzigen kurzen Satz: „War alles nur ein Scherz.“ Da bleibt einem als Leser das Lachen im Halse stecken.

Lesezeichen

Paul Newman: „Das außergewöhnliche Leben eines ganz normalen Mannes. Die Autobiografie“; Heyne; 368 Seiten, mehr als 40 Fotos; 25 Euro.

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