Hart am Leben RHEINPFALZ Plus Artikel Ehefrau gesucht: Das Lebenskunstwerk des Carmine Caputo di Roccanova

Da waren es noch Top-Model-Ehefrauen: Caputo 2009 in Rom.
Da waren es noch Top-Model-Ehefrauen: Caputo 2009 in Rom.

Manche Dinge ändern sich halt nicht, Mann! Die Lebenskunst bleibt ein ewiges Rätsel. Das Alter ein Massaker, so halt. Und Carmine Caputo di Roccanova, manieristischer Geometriker, steht mit einem Schild um den Hals seit vielen vielen Jahren auf jeder Biennale von Venedig, Ehefrau-suchend. „Is looking for wife“, wie es etwas holprig formuliert ist – in Druckbuchstaben. Auch bei der Art in Basel taucht Caputo bisweilen auf. Aufrecht, korrekt gekleidet wie damals im Neolithikum Herr Stark, ein Deutschlehrer des Pirmasenser Staatlichen Gymnasiums – allerdings ohne wie der mit Rasierschaum hinterm Ohr. Er steht auf Vernissagen, im Kunstumfeld.

Caputo? Klingt melancholisch

Caputo? Der Name klingt für deutsche Ohren zumindest melancholisch. Dabei sieht er eher stoisch als zertrümmert aus. Trägt ein ganz ganz leises Lächeln auf den Lippen, das dieses Mal von einer Maske verdeckt wurde. Das Foto davon, ein Zeitdokument. Er ist ein entfernter Verwandter von Eva und Adele. Den zwei immer gleich wie von einem anderen Stern und rosafarben gewandeten Menschen, „Hermaphroditen auf Zeitreise“ (Selbstauskunft), die 1997 in Berlin gelandet sind, und deren Kunst in ihrer puren Präsenz bei Kunstereignissen besteht.

Adele, kleiner als Eva, soll ja, gerüchteweise, aus Saarbrücken stammen. Eva als Bub geboren sein. Über Carmine Caputo di Roccanova indes ist im Netz gar nichts nachvollziehbar Biografisches zu finden. Und das trotz seines Lebenskunstwerks von außerordentlicher Konsequenz.

Ein Italiener mutmaßlich, in den (angeblich) besten Jahren, ledig. Finanziell unabhängig? Womöglich. Auf Zeitreise aus dem Analogen. Der Carmine Caputo auf Linkedin jedenfalls muss ein anderer sein. Dem echten Carmine würde es doch geradezu zuwiderlaufen, sich anhand eines Profils auf Paarungs-Portalen alle elf Minuten in einen wahrscheinlich ledigen Single neu zu verlieben. Sein Konzept ist auf Dauer angelegt.

Eine Ehefrau muss es sein

Weshalb würde er sonst auch, statt einer Frau (woman, donna), eine Ehefrau (wife, moglie) suchen, zumindest jemand, weiblich, der ein Eheversprechen abgegeben hat oder abgeben möchte. Und immer bleibt er ohne Erfolg, wie es scheint. Anders lässt sich seine poetische Performance gar nicht interpretieren, die Vergeblichkeit umweht. Seit ewig steht sein mutmaßlicher Misserfolg respektive seine unbändige Ehefrau-Polyamorie am Pranger. Immerhin fahndete er nachweislich zwischendurch auch mal „for a wife“, eine Ehefrau. Die ersten Fotos im Netz, auf denen Carmine Caputo di Roccanova nachweislich im Status suchend firmiert, datieren jedenfalls auf das Jahr 2007.

15 Jahre, bei Parship würde er als unvermittelbar gelten, wie jemand, der sich als Literaturliebhaber aus- und das Lieblingsbuch „Die Möwe Jonathan“ angibt. Kann auch sein, dass sich hinter Caputos Außendarstellung ein eingefleischter Junggeselle verbirgt, der gar nicht finden will. Kann sein, dass er gerade deshalb Caputo ist, weil er sucht. Fest steht, dass auch er wie jeder halbwegs normale, von den Exerzitien des fragwürdigen Bemühens erschöpfte Mensch, seine Ansprüche an das Dasein relativiert hat.

Metapher für vergebliches Streben

Auf einem Foto aus dem Jahr 2009, das ihn bei einem Kunstereignis in Rom zeigt, ist er heiter zu erleben, offenes rotes Polohemd, ein Taschentuch als Sonnenschutz auf dem Kopf, zwei Frauen links und rechts im Arm. Aspirantinnen, wer weiß? Er wirkt irgendwie zuversichtlich. Auf sein Schild hat er auf Italienisch und Englisch geschrieben „Cerca moglie Top Model“, „is looking for Top Model wife“, er suchte also früher eine Ehefrau des Kalibers Claudia Schiffer, Naomi Campell oder Cindy Crawford, Superstars. Die Kategorie, von denen die Heidi Klums dieser Welt so weit entfernt sind wie Eva und Adele – mentalitätsmäßig – von einem Schwenker-Grillabend im saarländischen Schmelz. Carmine Caputo di Roccanova hat keine weiteren Ambitionen mehr, das ist das Ergebnis des Fotovergleichs.

Irgendeine Ehefrau genügt. Selbst die zu finden, so scheint es, wie Caputo nach zwei Jahren Pandemie so desillusioniert dasteht, mittlerweile irgendwie hoffnungslos. Er ist ein Bild von einem Märtyrer, eine Groß-Metapher des vergeblichen Strebens im praktischen Vollzug des gleichbleibenden Lebens.

Caputo, später: Der Lebenskünstler vergangene Woche auf der Venedig-Biennale.
Caputo, später: Der Lebenskünstler vergangene Woche auf der Venedig-Biennale.
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