Hintergrund
Drei Jahrzehnte mp3: Musik zum Mitnehmen
Der Anfang ganz großer Dinge wirkt zuweilen banal. In diesem Fall kommt die Revolution in Form einer kurzen E-Mail daher: „Hallo, nach der überwältigenden Meinung aller Befragter: Die Endung für ISO MPEG Audio Layer 3 ist .mp3. D.h. wir sollten für kommende WWW-Seiten, Shareware, Demos etc. darauf achten, dass keine .bit Endungen mehr rausgehen. Es hat einen Grund, glaubt mir :-) Jürgen“ Jener Jürgen – Nachname: Zeller – schreibt diese Nachricht am 14. Juli 1995 an ein Forscherteam des Fraunhofer Instituts für Integrierte Schaltungen in Erlangen.
Musik wird überall verfügbar
Der Verfasser der Botschaft ahnt offenbar, was die seit Ende der 1980er-Jahre vorangetriebene Entwicklung eines Dateiformats auslösen wird, mit dem Musik zu einem mehr oder weniger überall verfügbaren Kulturgut wird. Denn: Wer bis dahin aufgenommene Töne – Klassik, Pop, Rock, Schlager – mit einem gewissen Anspruch auf Vollständigkeit sammeln wollte, der brauchte vor allem eins: sehr viel Platz. Schallplatten, Kassetten und Compact Discs waren und sind, jedenfalls in großer Stückzahl, einigermaßen sperrig. Vom Walkman und tragbaren Abspielgeräten für CDs einmal abgesehen, war es also mit Aufwand verbunden, seine Lieblingskünstler und deren Werke irgendwohin mitzunehmen.
Bis zu zehnmal kleiner
Ob Jürgen Zeller mit dem am Ende seiner Nachricht platzierten Smiley all das andeutet, was mit der Verbreitung des Dateiformats mp3 die Musikwelt auf den Kopf stellen sollte? Vermutlich nicht. Den Fraunhofer-Forschern geht es im ersten Schritt weniger ums Visionäre. Sie wollen, die Datenmenge digitalisierter Musik so verkleinern, dass sie verarbeitbar und mit den damaligen technischen Möglichkeiten auch transportierbar wird. Zunutze machen sich die Wissenschaftler die Unzulänglichkeiten des menschlichen Gehörs. Für unsere Sinne nicht wahrnehmbare Signalanteile und Frequenzen sind in der komprimierten Variante nicht mehr enthalten. Die Folge: Dateien werden bis zu zehnmal kleiner.
Dieser technische Kniff ist die Basis für Abspielgeräte, die in handlichem Format sehr viel mehr Musik und/oder Sprachaufnahmen speichern können als ihre klobigen und schweren Vorgänger. Die Vision der Musiksammlung für die Hosentasche wird in Gestalt von kleinen (und erst einmal wahnsinnig hässlichen) Kästchen Wirklichkeit, die mit Computerdateien gefüttert werden. Von anfangs lächerlichen 32 Megabyte beim ersten kommerziell erhältlichen mp3-Player bis zum schicken Apple Ipod mit vier Gigabyte und mehr Speicherkapazität dauert es ein bisschen. Spätestens mit dem Siegeszug des Smartphones und seinen Möglichkeiten ist auch der reine Player digitale Nostalgie. Das zwischenzeitliche Statussymbol wird wie der Walkman zum Museumsstück.
Krimineller Eifer
Was die findigen Forscher aus Franken wohl ebenso wenig antizipieren konnten, war der Umstand, dass ihre Erfindung nicht nur die Möglichkeit eröffnete, Musik allüberall in großer Menge zu konsumieren. Geweckt hat sie auch kriminellen Eifer. Für einige Jahre tobt ein Wettbewerb um das Wissen, wo – kostenlos und illegal – in den Untiefen des Internets entsprechende Dateien zu finden sind. Die Älteren dürften sich an Plattformen wie Napster oder eMule erinnern. Und an Gesprächsfetzen wie: „Der XY hat sich 100.000 Songs auf die Festplatte gesaugt.“ Bei aller Illegalität dieses sogenannten Filesharings ist das eine aus heutiger Sicht fast bemitleidenswert schmale Auswahl – beim Streamingdienst Spotify sind aktuell mehr als 100 Millionen Titel abrufbar.
Dass die mp3-Erfinder den legalen Download-Plattformen und Streamern letztlich den Weg geebnet hat, ist keine allzu steile These. Wurden 1997 noch 2,4 Milliarden Euro mit dem Verkauf von CDs umgesetzt, ist der Verkauf physischer Tonträger nur noch ein schmales Marktsegment. Fast zwei Milliarden Euro und damit rund 84 Prozent des Umsatzes aus dem Verkauf von Musik entfielen im vergangenen Jahr aufs Digitale.
Schallplatten-Nostalgiker
Während diese Zahlen den Erfolg des Erlanger Projekts objektiv untermauern, bewegt sich eine andere Diskussion über die mp3-Datei eher im gefühligen Raum: die nach der Klangqualität. Die Fraunhofer-Forscher betonen in ihren Veröffentlichungen, dass das Aussortieren bestimmter Signalanteile keine negative und keine wahrnehmbare Wirkung auf den Sound hat. Vinyl-Nostalgiker preisen Wärme und Dynamik der Schallplatte. Kommerziell betrachtet, ist dieser Streit längst entschieden.