Oper RHEINPFALZ Plus Artikel Donizettis „Lucrezia Borgia“ am Nationaltheater

Estelle Kruger als Lucrezia Borgia und Sung Min Song als Gennaro in der Sterneszene.
Estelle Kruger als Lucrezia Borgia und Sung Min Song als Gennaro in der Sterneszene.

Belcanto-Oper im Opal: Das Mannheimer Nationaltheater hat als jüngste Opernpremiere Gaetano Donizettis „Lucrezia Borgia“ in eindrucksvoller Weise herausgebracht.

„Wo man singt, da lass dich ruhig nieder, böse Menschen haben keine Lieder.“ Dieser Satz stammt von dem Dichter Johann Gottfried Seume – und wenn wir uns die zweite Aussage zu eigen machen, dann ist die berühmt-berüchtigte Renaissance-Fürstin Lucrezia Borgia zumindest so, wie sie in Gaetano Donizettis Oper dargestellt wird, keine abgrundtief schlechte Person. Im Gegenteil, sie erweckt durch ihren schönen Gesang von ihrem ersten Auftritt an unser Mitgefühl. Ihre Untaten werden ja nur zitiert, keine ist live zu sehen. Und es gibt kaum ein schlimmeres Schicksal, als den eigenen Sohn sterben sehen zu müssen. Erst recht, da sie gerade erst bekannt hat, die Mutter zu sein.

Estelle Kruger als Lucrezia Borgia und Sung Min Song als Gennaro in der Sterneszene.
Estelle Kruger als Lucrezia Borgia und Sung Min Song als Gennaro in der Sterneszene.

Nun, authentisch ist die Geschichte der 1833 in Mailand uraufgeführte Oper des Meisters aus Bergamo ja ohnehin nicht. Sie folgt einem Drama vom Victor Hugo. Wie die historische Tochter eines späteren Papstes (Alexander VI.) tatsächlich war und welche Bluttaten und sonstige Vergehen man ihr zuschreiben kann, ist schwer zu sagen. Vieles dürfte üble Nachrede und Verleumdung sein. Jedenfalls hat das dazu geführt, dass sie und ihre Familie bis heute in denkbar schlechtem Ruf steht.

Es war also schon vor 500 Jahren möglich, Prominente öffentlich zu Verunglimpfen – und das ohne soziale Netzwerk oder Boulevardpresse.

Estelle Kruger als Lucrezia Borgia und das Ensemble.
Estelle Kruger als Lucrezia Borgia und das Ensemble.

Letztere spielt in den neuen Mannheimer Inszenierung optisch eine prägende Rolle. Das Bühnenbild von Fabian Wendling besteht nämlich aus kaum etwas anderem als Schlagzeilen im Boulevardstil und überdimensionalen Lettern. Im ersten Akt macht Gennaro auf einer Tafel am Haus seiner Mutter (was er da noch nicht weiß) aus Borgia das schämende Orgia. Auf der Bühne im Opal macht das im XXL-Format natürlich einen großen Effekt.

Estelle Kruger als Lucrezia Borgia in der neuen Produktion am Nationaltheater.
Estelle Kruger als Lucrezia Borgia in der neuen Produktion am Nationaltheater.

Die Regisseurin Rahel Thiel zeigt also kein Historiendrama im Renaissancekostüm, das war ja auch kaum zu erwarten. Sie verlegt das Stück aber auch nicht in eine andere Zeit oder die Gegenwart, sondern eigentlich in eine eigene stilisierte Welt. Die Kostüme von Rebekka Dornhege Reyes und Isabel Garcia Espino sind irgendwie zeitlos, der Männerchor hat gar kein Kostüm, die Freunde von Gennaro haben maskenartige Kostüme, Lucrezia Borgia trägt edle Roben.

Estelle Kruger als Lucrezia Borgia in der neuen Produktion am Nationaltheater.
Estelle Kruger als Lucrezia Borgia in der neuen Produktion am Nationaltheater.

Wie gesagt, das Spiel ist stilisiert und thematisiert immer wieder das theatralische Spiel als solches. Ein mögliches und nicht uninteressantes Konzept für eine Inszenierung der Oper, das auch dank der Bühne mit den Farben rot, schwarz und weiß immer wieder für starke Bildeindrücke sorgt.

Die Regisseurin ist um ein differenziertes und ausdrucksvolles Rollenporträt der Lucrezia Borgia aus, die denn auch wirklich im Zentrum des Geschehens steht und bei der der Charakter aus der Musik entwickelt ist. Das ist gut so, erst recht bei einer Belcanto-Oper.

Estelle Kruger als Lucrezia Borgia.
Estelle Kruger als Lucrezia Borgia.

Dass eine solche musikalisch besondere Herausforderungen stellt, liegt auf der Hand. Und in dieser Hinsicht weiß die neue Mannheimer Produktion zu überzeugen. Die musikalische Leitung hat Generalmusikdirektor Roberto Rizzi Brignoli – und dieser belegt seine Vertrautheit mit dem Genre durch eine sehr schlüssige Gestaltung. Er agiert in der weitgespannten Tempowahl und Dynamik sehr flexibel und weiß immer mit den Sängern zu atmen. Er entfaltet mit dem bestens disponierten Nationaltheaterorchester feine Orchesterfarben und begleitet immer einfühlsam, setzt aber auch spannungsgeladene Akzente.

Estelle Kruger als Lucrezia Borgia in der neuen Produktion am Nationaltheater.
Estelle Kruger als Lucrezia Borgia in der neuen Produktion am Nationaltheater.

Auf dieser Basis können sich dann auch die Sänger effektiv in Szene setzen. Estelle Kruger ist Lucrezia Borgia. Sie überzeugt durch erlesene Tongebung und geschmeidige Linienführung. Die Belcanto-Linien werden von ihr empfindsam und zugleich voller Wohllaut gesungen. In der Schlussszene setzt sie die Koloraturen sehr gut als Ausdrucksmittel ein.

Als Gennaro glänzt der Tenor Sung Min Song durch ein kräftiges, vollklingendes Timbre, aber auch die gebotene Beweglichkeit. Er verbindet lyrisches Stimmkultur mit tenoraler Präsenz. Der Bariton Bartosz Urbanowicz liefert ein markantes Porträt des düsteren Alfonso, Lucrezias vierter Ehemann.

Estelle Kruger als Lucrezia Borgia und Sung Min Song als Gennaro.
Estelle Kruger als Lucrezia Borgia und Sung Min Song als Gennaro.

Die Hosenrolle des Maffio Orsini singt Shachar Lavi leicht und perlend im Ton. Ihr Trinklied in zweiten Akt, das von schaurigen, auf den Tod verweisenden Einschüben unterbrochen wird, präsentiert sie auf zwingende Weise.

Der Herrenchor des Nationaltheaters in der Einstudierung von Alistair Lilley singt alle seine Partien ganz exzellent.

Info

Vorstellungen am 14., 16., 23. und 25. Dezember, 8. und 25. Januar, 6., 8. und 22. Februar sowie 7. März, www.nationaltheater-mannheim.de

x