Kunst
Die verkannte Frau: Die Werke von Georgia O’Keeffe in Basel
Mit Schuld am sexualisierten Blick auf ihr Werk hat ihre Lebensliebe. Der Fotograf und Galerist Alfred Stieglitz (1864-1946), 23 Jahre älter, ihr Mentor, Liebhaber, Mann. Wegen Georgia O’Keeffe geschieden. Er stellte früh in New York sehr nackte, liebestaumelige, Furor machende Akt-Fotografien seines Schwarms aus, Hunderte solcher Aufnahmen. Er zeigte aber auch als erster in seiner Galerie 291 in Manhattan ihre Bilder: abstrakte Kohlezeichnungen. O’Keeffe, die Tochter von Milchfarmern aus Wisconsin, war zu der Zeit noch Kunstlehrerin in South Carolina. Auch als Werbegrafikerin hat sie gearbeitet. Stieglitz jedenfalls ließ verlauten, „die Zeichnungen von Miss O’Keeffe“ seien aus „psychoanalytischer Sicht von beachtlichem Interesse“. Er habe nie zuvor eine Frau erlebt, die sich derart ungezwungen auf Papier gebracht habe, sein O-Ton. Damals begann O’Keeffe damit, neben Landschaften mit weiten Horizonten zunächst flächig-abstrakte Blumenbilder zu malen. Ab da, spätestens, gab es kein Halten mehr.
In der Genderfalle
Die Aktaufnahmen, die Freud-Anspielungen, Gemälde wie „Blue Line“ (1919), auf dem ein dunkler Spalt zwischen abstrahierten weißen Blütenblättern klafft. Honi soit qui mal y pense: „Unter einem delikat verschleierten Symbolismus“, schwurbelte ein Kritiker, bringe O’Keeffe zum Ausdruck, „was jede Frau weiß, was Frauen aber immer für sich behalten.“
Ihre Kunst, schrieb 1921 jemand, ein Mann selbstredend, sei „auf herrliche Weise weiblich. Ihre schmerzlichen, ekstatischen Orgasmen lassen uns endlich etwas von dem erkennen, was der Mann schon immer wissen wollte. Hier ist alles Ekstase, Ekstase des Schmerzes ebenso wie Ekstase der Erfüllung“. Zu sehen war etwa ein ins Abstrakte spielendes Blumenrohrgewächs mit wundervollen rot-violetten Farbverläufen. Oder sich kräuselnde, ockerfarbene Wellen vor einem in tiefes Moosgrün changierendem Hintergrund.
O’Keeffe selbst fand das nur „peinlich“ – „so weit von dem entfernt, wie ich mich selbst fühle.“ Ein gewisser Paul Rosenfeld meinte über sie: „Frauen fühlen immer, wenn sie stark fühlen, durch den Unterleib.“ Der berüchtigte „male gaze“, der männliche Blick, traf O’Keeffe besonders schräg. Fatal, dass sie später auch vom Feminismus, dem sie selbst wohlwollend anhing, ganz in dem Sinn entdeckt worden ist. Als Beispiel selbstbewusster Weiblichkeit und Körperpositivität. O’Keeffe in der Genderfalle. Kein Wunder, dass irgendwann alle Welt auf ihren Bildern immer nur Vulven sehen wollte, auch wenn sie Salbei malte, oder flammenden Mohn. In der Fondation Beyeler aber, dem Kunsthaus von Renzo Piano, das sich so wundervoll in die Landschaft schmiegt, blickt man (Mann) wie neu entflammt auf Gemälde wie „Jimson Weed“ aus dem Jahr 1932.
Das Bild ist zentral im ersten Saal platziert. Der Stechapfel darauf, ein giftiges Nachtschattengewächs, steht in schönster Pracht, weiße Blüten- und Staubblätter in Großaufnahme. „Die meisten Menschen in der Stadt“, sagte die naturmagische begabte Künstlerin einmal, „rennen umher und haben deshalb keine, eine Blume anzuschauen, ich möchte, dass sie sie sehen, ob sie wollen oder nicht“.
Kosmos Blume
Für sie war eine Pflanze, ein Kosmos, kein gynäkologischer Betrachtungsgegenstand oder blöder Rohrschachtest. Ganz in dem kosmologischen Sinn ist die von Theodora Vischer kuratierte Schau gehängt, topographisch und thematisch, nicht zeitlich, nüchtern präsentiert fast, kaum Wandtexte, viel Platz für die Aura-Entfaltung der 90 Werke, Zeitraum: von 1915 bis 1976.
77 Gemälde sind zu sehen, es ist die dritte Station nach dem Centre Pompidou in Paris und dem Madrider Museo Nacional Thyssen-Bornemisza. Es ist die drei Stunden entfernte Großchance zu einer (Wieder-)Entdeckung. Von O’Keeffe, die 1946 die erste Frau war, der das New Yorker MoMa eine Einzelausstellung widmete, sind – in ganz Europa – nur 65 Arbeiten in Sammlungen vertreten.
13 Werke, die in Paris und Madrid nicht zu sehen waren, zeigt die Basler Fondation. Dafür ist die Schau fast Biografie-ballastfrei. Wenige Fotos von ihr hängen an der Wand. Kein Wort von der „Mutter des amerikanischen Modernismus“, die schmerzlich kinderlos blieb. Ihr Nervenzusammenbruch, die Einweisung in die Psychiatrie, unwichtig. Georgia O’Keeffes bukolische Vollwertküche in der Wüste, nirgends zu sehen. Ihre herzumfassenden Naturbilder sprechen für sich, ihr spirituelles Gespür für die sie umgebende Welt.
Ihr Atelier, ein Ford
„Wenn ich allein mit der Erde und dem Himmel bin, überkommt mich innerlich ein Gefühl, das in jeder Richtung zum Unbekannten der Unendlichkeit strebt“, sagte sie einmal. Es bedeutete ihr mehr als alles, was „mir irgendeine organisierte Form von Religion geben kann“. Beiwerk bleibt in Basel, dass die in Chicago und New York ausgebildete O’Keeffe ein mobiles Atelier unterhielt. Dass sie in einem Ford durch die Gegend fuhr – wenn ihr die Sonne zu viel war, kroch sie unter den Wagen. Dafür lässt sich ihr Leben wie nebenbei erschließen.
Hauptsache Kunst: O’Keeffes leuchtende Farben, die muttererdigen Motive, die Steine, architektonischen Formen, die weiten Horizonte aus Texas, Bäume im Herbst am Lake George im Staat New York, Blumenansichten, die aus Schluchten und Anhöhen und Spalten zu bestehen scheinen, New York als Felsen-Massiv im Mondlicht, überstrahlt von einer Straßenlaternen-Aureole im Vordergrund. Dazu Arrangements von Eselschädeln, in denen ein Weihnachtsstern blüht. Und ein sonnengleichter, windgegerbter Beckenknochen, der Dalí-ähnlich als Himmelstor in der Prärie von New Mexico steht. O’Keeffe geriet beinahe alles, so auch New Yorker Stadtschluchten (!), zur am Schnittpunkt zwischen Figuration und Abstraktion kippenden, magischen, inneren Landschaft. Egal was sie malte. Und ob in South Carolina, Texas, New York oder dem „Land der Verzauberung“, New Mexico, wo sie seit 1933 erst viele Monate im Jahr, seit 1949 dann bis zu ihrem Tod 1986 dauerhafte lebte. „Nichts ist weniger real als der Realismus“, ihr Credo. Ihr Domizil war ein Farmhaus der Ghost Ranch in der Nähe von Abiquiu, wo sie später ein zweites Haus gekauft hat.
Das Glück, so nah
Von dort fuhr sie zum Black Place, 150 Meilen entfernt, eine Gegend, die ihr wie „eine Elefantenherde mit grauen Hügeln und weißem Sand zu ihren Füßen“ erschien. Sie unternahm lange Wanderungen – und Fernreisen, mit 65 erstmals auch nach Europa. Wassily Kandinskys „Über das Geistige in der Kunst“, ihre Programmschrift schon als junge Künstlerin. Ihr Spätwerk dann löst sich beinahe ganz ins Abstrakte auf. Wie bei der Draufsicht auf eine über eine mäandernde schwarze Schleife in „Winter Road“, 1963. Oder beim Blick aus dem Flugzeugfenster, der sich bei ihr zu grünlich-bläulichen Streifen verdichtet, die über einer monochrom weißen Wolkendecke liegen. Mit am liebsten malte sie die Klippen vor ihrer Tür.
„Zwei Wände im Zimmer meines Hauses in Abiquiu sind aus Glas, und von einem Fenster aus sehe ich die Straße Española nach Santa Fé und hinaus in die Welt.“ Mehr brauchte sie sehr sehr lange nicht. Sie wurde 98. Starb erblindet. Inzwischen ist ein in Texas gefundenes Reptil nach ihr benannt. Effigia okeeffeae. Es ist leider ausgestorben.
Die Ausstellung
Georgia O’Keeffe in der Fondation Beyeler; Basel-Riehen; bis 22. 5. Info: www.fondatonbeyeler.ch