Literatur
Die Trümmer der Utopie: die Lebensgedichte von Michael Buselmeier und Jürgen Theobaldy
Vor einem halben Jahrhundert waren Mannheim und Heidelberg die Schauplätze einer epochalen Zäsur in der deutschen Literaturgeschichte. Der junge Mannheimer Arbeitersohn Jürgen Theobaldy hatte Ende 1971 mit politisch angriffslustigen Gedichten die Lyrik der „Neuen Subjektivität“ erfunden, ein paar Jahre später gesellte sich der Heidelberger Theater-Enthusiast Michael Buselmeier hinzu, um den poetischen Aufstand gegen die Konventionen weiter voranzutreiben.
Kindheit ohne Bücher
1944 in Straßburg geboren, wohin seine Mutter vor den Bombenangriffen der Alliierten evakuiert worden war, wuchs Theobaldy in einem Haushalt in Mannheim ohne Bücher auf. Ende der 1960er Jahre studierte er in Heidelberg und entdeckte eines Tages das subliterarische Blättchen „Der fröhliche Tarzan“ aus Köln. Das wurde zur Initialzündung für Theobaldys eigene Zeitschrift Benzin, die er Ende 1971 auf einer Matrize in hundert Exemplaren selbst herstellte. 1974 galt Theobaldy dann schon als Wortführer der „Neuen Subjektivität“ und verkündete in Rowohlts Literaturmagazin stolz: „Die jüngeren Lyriker sind mit ihren Gedichten ins Handgemenge gegangen, sie bleiben beweglich, sie lassen sich nicht darauf ein, ihre Gedichte, leicht und glatt wie Luftballons in esoterische Höhen zu schicken, wo nur mehr schlaffe Hüllen übrigbleiben, ha, die Form an sich!“ Die Idee, das Gedicht ins politische Handgemenge zu schicken, hatte ungewöhnlichen Erfolg: Von Theobaldys Gedichtband Blaue Flecken (Rowohlt, 1974) wurden über 8000 Exemplare unter die Leute gebracht. Eine für heutige Lyrikbände unerreichbare Zahl.
Ein halbes Jahrhundert nach diesen phänomenalen Erfolgen hat Theobaldy nicht nur ein großes Lebenspoem in der Zeitschrift Sprache im technischen Zeitalter (Nr. 239) veröffentlicht; es ist auch eine Best of-Auswahl seines Werks in der Reihe Poesiealbum erschienen. Im Poesiealbum verblüffen die Gedichte, in denen sich die poetischen Subjektivisten in Straßenschlachten mit der Polizei aufreiben. Eine heftige Aktion gegen die Auslieferung der BILD-Zeitung an Ostern 1968 wird poetisch so kommentiert: „Auf der Rückfahrt im Auto/ durchnäßt und erschöpft, träumte ich von Lenin, den wir/ auf den Schultern ins Palais Schaumburg getragen hatten.“ Dieser naive Übermut wird in späteren Gedichten Theobaldys skeptisch konterkariert; das lyrische „Wir“ ist verschwunden, die „Erleuchtung“ ausgeblieben: „Eine Straße hat kein Ende, / eine Grenze war ein Grab,/ ein Stein ist ein Flügel,/ in Trümmern die Fahnen aus Beton.“
Gesang des Abschieds
Ein vergleichbares „Lebensgedicht“ hat in diesen Tagen auch der Heidelberger Dichter Michael Buselmeier (Jahrgang 1938) unter dem Titel „Wie ich zur Welt kam“ veröffentlicht, die poetische Bilanz eines Autors, der sich stets als Außenseiter verstanden hat, positioniert „am Rand“, abseits des literaturbetrieblichen Geweses. In seiner lyrischen Selbstvergewisserung ruft er noch einmal die Schlüsselszenen seiner dissidentischen Existenz auf, die 1968 mit der Publikation eines Prosatextes in Hans Magnus Enzensbergers legendärem Kursbuch 15 begann.
Buselmeier imaginiert hier seinen Lebensweg als einsam durch die Ruinen der Nachkriegszeit irrender Einzelgänger, auf der Suche nach einer „Sprache/ die aus der Dämmerung der Kippenstecher/ Katzentöter und Scherenschleifer kam/ derer die am Gleisrand hockten“. Die „konservative Utopie“ im Geiste Adalbert Stifters ist ihm dabei so nah wie die Visionen des politisch abtrünnigen Ezra Pound, der Ende 1945 wegen seiner Propaganda für Benito Mussolini von den Amerikanern in einen Drahtkäfig gesperrt wurde.
Buselmeiers „Lebensgedicht“ liest sich wie ein Gesang des Abschieds. Am Ende des Gedichts versammeln sich seine toten Freunde, der Epigrammatiker Arnfrid Astel und der Pfälzer Lautpoet Werner Laubscher, mit ihm auf seiner Sehnsuchtsinsel Stromboli. Und er wandert mit den Freunden weiter, „quer über die Meridiane“.
Lesezeichen
Michael Buselmeier: „Wie ich zur Welt kam. Lebensgedicht“; Verlag Ulrich Keicher, Warmbronn; 32 Seiten, 15 Euro.
Jürgen Theobaldy: „Poesiealbum (Nr. 368)“; Märkischer Verlag, Wilhelmshorst; 34 Seiten, 5 Euro.