Ludwigshafen
Die Staatsphilharmonie und der Pianist Alexander Krichel bringen Beethoven zum Tanzen
So geschehen am 22. Oktober im Feierabendhaus der BASF. Eine Sternstunde der Beethoven-Interpretation. Ihre Protagonisten: der Dirigent Julian Rachlin, der Pianist Alexander Krichel und die Deutsche Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz. Schon allein, wie Krichel nach den gewaltigen Tastenkaskaden der Eröffnung jenes fein perlende, zunächst fast auf der Stelle tretende Thema ziseliert, das auf die erste orchestrale Steigerungswelle folgt und sich nur langsam ins melodisch Schwebende entwickelt, ist so delikat, dass man sofort die Ohren spitzt. Das klingt ungemein kristallin und doch zart. Später, in der Kadenz des Kopfsatzes wird Krichel dasselbe Motiv anders spielen. Noch immer kristallin, aber nun härter, so dass es mechanischer tönt, wie Spieluhrmusik.
Überhaupt erweist sich der 36-jährige Pianist – hernach auch in seiner Ravel-Zugabe – als Klangfetischist, der genau kalkuliert, wie er eine Taste anschlägt. Da passiert kein einziger Handgriff unreflektiert. Gleichwohl wirkt Krichels Klavierspiel alles andere als blutleer. Unter der Kontrolle schlummert eine Leidenschaft, die sich, wo gefordert, Bahn bricht. Etwa in den wuchtigen Passagen des Kopfsatzes. Oder im Rondofinale, das, nach einem sehr kontemplativen Adagio, regelrecht explodiert in tänzerischem Übermut.
Krichels Ansatz ergänzt sich ideal mit dem Temperament des 50-jährigen Dirigenten Julian Rachlin, der es versteht, das Orchester zu großer Emphase anzustacheln, dabei aber immer die Gesamtarchitektur im Blick behält und neben expressiven Entladungen auch feine dynamische Abstufungen herausarbeitet.
Ein Fenster in die Zeit Beethovens
Dadurch gelingt es den Interpreten insbesondere im Schlusssatz, eine Art Fenster in die Zeit Beethovens zu öffnen: Das fünfte Klavierkonzert entstand 1809 und damit inmitten der Napoleonischen Kriege. Beethoven, ursprünglich ein Fan Napoleons, litt unter der Bombardierung und Besetzung Wiens durch französische Truppen. Und so machen Rachlin und Krichel gleichsam hörbar, wie Beethoven in seinem Rondo-Allegro alle Unbill der Napoleonischen Kriege mit Tanzwut und Ländlerleichtigkeit hinwegfegt. Wobei auch der allegorische Sinn des ungewöhnlichen Dialogs von Klavier und Pauke während der Coda hervortritt: Dieser Moment verweist ganz klar auf den militärischen Zeithorizont.
Das dirigentische Vermögen, das Rachlin beim fünften Klavierkonzert an den Tag legt, führt dann nach der Pause zu einer fesselnden Interpretation der siebten Sinfonie. Gemeinhin nimmt man den zweiten Satz als deren Herzstück wahr, dieses seltsam ins Fatale tendierende Allegretto. Und Rachlin, der die 1812 vollendete Sinfonie auswendig dirigiert, macht seine Sache fraglos gut, legt auch hier wieder schön Strukturen frei, akzentuiert das Wechselspiel der Instrumentengruppen. Doch in den beiden folgenden Sätzen macht er seine Sache noch besser.
Die Apotheose des Tanzes
Nicht nur energisch, sondern hochenergetisch fetzen Rachlin und die Staatsphilharmonie, an die Grenzen der Spielbarkeit gehend, durch das Presto und das finale Allegro con brio. Aus der „Apotheose des Tanzes“, wie Richard Wagner Beethovens Siebte charakterisierte, wird eine rauschhafte Übergipfelung des Tanzes, die bewusst macht, dass es hier nicht nur um rhythmische Rasanz geht, sondern ganz existenziell um die Wurst. Um die Freiheit. Um die Menschheit.