Buch aktuell RHEINPFALZ Plus Artikel „Die Sprache der Sonne“ von Matthias Göritz

Nach Istanbul führt der Roman „Die Sprache der Sonne“.
Nach Istanbul führt der Roman »Die Sprache der Sonne«.

Ins Istanbul der 1930er-Jahre führt der neue Roman von Matthias Göritz. Er verknüpft geschickt Vergangenheit und Gegenwart, Fiktion und Realität. Im Mittelpunkt steht dabei eine Familiengeschichte.

„Die Sprache der Sonne“ heißt der neue Roman von Matthias Göritz. Der preisgekrönte Lyriker, Übersetzer, Theaterautor und Professor an der Washington University in St. Louis hat die Handlung seines Buches, das auch auf wahre Biografien zurückgreift, fast gänzlich nach Istanbul verlegt. Im Mittelpunkt steht die junge US-Amerikanerin Lee, die auf der Suche nach der Vergangenheit ihrer Großmutter Helene ist. Diese rettete sich in den 1930er-Jahren als Jüdin vor der Verfolgung des NS-Regimes in die Türkei.

Nicht zuletzt Kemal Atatürk, der Begründer der Republik Türkei und von 1923 bis 1938 erster Präsident des nach dem Ersten Weltkrieg aus dem Osmanischen Reich hervorgegangenen säkularen Staats, hatte ihr dies ermöglicht. Als sich nach der Nürnberger Rassegesetzgebung 1935 Juden immer mehr bedroht fühlten, bot Atatürk ihnen großzügig Asyl an. Vor allem Intellektuelle, die ihm bei seiner Hochschulreform helfen sollten, lud er ein: Ingenieure, Ärzte, Juristen, Geisteswissenschaftler und Oppositionelle. Leo Spitzer, Paul Hindemith, Ernst Reuter.

Die gelehrte Großmutter

Helene Bischoff – eine fiktive Figur – wird im Buch Assistentin von Erich Auerbach, dem Romanisten und Erfinder der Komparatistik, der nach der Machtergreifung seinen Lehrstuhl in Marburg verlor. In der Türkei – abgeschnitten von guten Bibliotheken und jeglicher akademischen Debatte – entstand sein Hauptwerk „Mimesis“, das erst 1946 in der Schweiz erscheinen konnte und weltweit als „Leuchtturm der Freiheit“ gefeiert wurde.

Auerbachs „Mimesis“ ist eine Art roter Faden durch Göritz’ Roman. Nicht nur Lee ist fasziniert von diesem Werk, auch ihre Großmutter, die in die USA ging und dort, am Bard College in New York, wo übrigens auch Göritz selbst lehrte, Professorin wurde und dort Hannah Arendt kennenlernte.

Der Spitzel

Noch einer erweist sich als Jünger des großen Auerbach: Georg Naumann, die zweite fiktive Hauptfigur des historischen Erzählstrangs. Er war gleichfalls in die Türkei geflohen; ein abgebrochener österreichischer Orientalistik-Student mit großdeutschen Tendenzen, der sich im Ersten Weltkrieg freiwillig zu den deutschen Fahnen meldet und schwer verwundet wird, zeitweilig exzessiv ins Berliner Nachtleben taucht und – als Homosexueller – in die Fänge des nationalsozialistischen Geheimdienstes gerät.

In dessen Auftrag ist er dann als Journalist für das Büro des „Völkischen Beobachters“ in Istanbul unterwegs. Er soll deutsche Intellektuelle aushorchen und nach Berlin berichten. Was er zunehmend weniger eifrig tut: vor allem, weil er dem NS-Regime zu misstrauen beginnt und am liebsten in der von ihm geliebten Stadt am Goldenen Horn in den Freundschaften mit Schriftstellern und Poeten schwelgt und seinen Sprachstudien nachginge.

Atatürks Theorien

Göritz’ Roman ist eine faszinierend kunstvolle Collage aus Gegenwart und Vergangenheit, Extrakten aus Tagebüchern, Briefauszügen und erinnerten Gesprächen. Da Georg Naumann schon in seiner Jugend für Kemal Atatürk geschwärmt hat, bleibt es nicht aus, dass auch die Leserschaft mit dessen widersprüchlichen Maximen konfrontiert wird, während sich der Spion wider Willen immer stärker von ihm distanziert. Irgendwann veröffentlicht Naumann unter Pseudonym sogar ein großes Essay, in dem er es wagt, den Autokraten Atatürk mit Hitler zu vergleichen, was ihm Folter und Verfolgung einträgt.

Natürlich gibt es auch viele private Verstrickungen in diesem geschichtsträchtigen und gelegentlich ein wenig theorielastigen Roman. Lee hat eine schwierige Beziehung zu ihrer Mutter, aus der eine glühende Amerikanerin und „Trumpistin“ geworden ist, die mit ihrer eigenen Mutter, der Professorin Helen Bischoff, die ihrem Kind nicht einmal den Namen seines Vaters verraten will, nicht viel anfangen kann. Lee selbst führt ein kompliziertes Liebesleben, sie schwankt zwischen Männern und Frauen, dem Journalismus und einer Universitätslaufbahn. Und sie hegt aufgrund ihrer Studien rund um die Biografie ihrer Großmutter den wohl nicht unbegründeten Verdacht, dass Georg Naumann, der sporadisch darin auftauchte, ihr Großvater ist.

Der merkwürdige Titel

Was den Titel dieses stellenweise so zart und lyrisch klingenden, fast immer aber auch als Führer durch das alte und unter Erdogan gefährlich auswuchernde Istanbul zu lesenden Romans anbelangt, lohnt es sich, noch etwas nachzuhaken. Wollte doch Atatürk mit seiner 1928 begonnenen Sprachreform ein streng laizistisches Land erschaffen. In deren Verlauf trat die lateinische Schrift an die Stelle des arabischen Alphabets, und eine eigens gegründete Türkische Sprachgesellschaft sollte tausende Lehnwörter tilgen, die arabischen und persischen Ursprungs waren, um sie durch Worte aus den türkischen Dialekten zu ersetzen. Sogar neue Vorsilben wurden der neuen Sprache implantiert, während die Zeitungen täglich zehn bis 20 „unliebsame“ Wörter abdruckten und die Leser aufforderten, Alternativen anzubieten. Nicht wenige Linguisten betrachten deshalb Atatürks Sprachpurismus im Nachhinein mit großer Skepsis und beklagen, dass die meisten Türken das, was ihre Großeltern vor 1930 geschrieben hätten, nicht mehr lesen und verstehen könnten.

Warum Matthias Göritz seinen Roman „Sprache der Sonne“ nannte, ist somit ein bisschen unerfindlich. Zumal die „Sonnensprachtheorie“, die von 1935 bis 1938 als Staatsdoktrin galt und das Türkische – quasi als Gipfelpunkt der Reform – als „Mutter aller Sprachen“ sah, auf die pseudowissenschaftliche Schrift eines ansonsten weitgehend unbekannten, in Wien tätigen Gelehrten namens Hermann Feodor Kvergić zurückgeht .

Lesezeichen

Mattias Göritz: „Die Sprache der Sonne“; C.H. Beck Verlag; 331 Seiten; 25 Euro.

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