Kultur Die sexuelle Revolution frisst ihre Kinder
Bereits mit dem ersten Satz verweist Ulrich Woelk auf die Katastrophe am Ende seines Romans „Der Sommer meiner Mutter“: „Im Sommer 1969, ein paar Wochen nach der ersten bemannten Mondlandung, nahm sich meine Mutter das Leben.“ Man glaubt dann sehr schnell, schon nach den ersten Kapiteln, zu wissen, was der Hintergrund dieses Selbstmords sein könnte. Und wird doch völlig überrascht.
Der 58-jährige Ulrich Woelk galt Anfang der 1990er Jahre als eines der großen Zukunftsversprechen der deutschen Gegenwartsliteratur. Ganz ist er diesen Vorschusslorbeeren nicht gerecht geworden. „Der Sommer meiner Mutter“ ist ein handwerklich sehr gut, manchmal etwas routiniert wirkendes Porträt einer deutschen Gesellschaft im Wandel. 1969. Die Mondlandung steht für den Sieg der Technik über die Natur, für den absoluten Triumph des menschlichen Erfindergeist. So ganz nach dem Geschmack des elfjährigen Tobis und seines Vaters, der als Ingenieur in einer leitenden Stellung arbeitet. Sie sind gerade in einen Kölner Vorort gezogen, die Mutter Eva geht ganz auf in ihrer Rolle als Hausfrau und Mutter. Und doch ist sie tief unglücklich. Die späten 1960er Jahre sind schließlich auch das Jahrzehnt der sexuellen Revolution, auch wenn Tobis Vater von der selbstbestimmten Sexualität seiner Frau nicht viel hält. Ihm wäre es lieber, sie würde im Bett schlichtweg funktionieren – so, wie er es sich wünscht. Also möglichst oft. Tobi hört das Gespräch heimlich mit, das in der Klage des Vaters gipfelt: „,Aber du möchtest es gar nicht’, sagte mein Vater.“ Woelk hat auch einen Emanzipations- und Entwicklungsroman geschrieben, es geht um eine Art Initiationserlebnis sowohl des Sohnes, als auch seiner Mutter. Und als Beschleuniger dieser Entwicklung, dieses Prozesses, wirken die neuen Nachbarn, die Familie Leinhard. Er Gitanes-Raucher, Kommunist und Universitätsprofessor für Philosophie, sie Übersetzerin von Krimis aus dem Englischen, Jeansträgerin und irgendwie ganz anders auftretend und wirkend als die Mutter von Tobias. Und dann wäre da noch Rosa, die 13-jährige Tochter, mit der Tobias zu gegenseitigen Körpererkundungsfahrten aufbricht. Er lernt dabei viel, sie weiß eigentlich schon alles. Je näher das Datum der Mondlandung rückt, desto mehr Tempo nimmt auch der Roman auf. Jetzt muss doch etwas passieren, denkt man, muss doch eine der Figuren zu einem neuen Planeten ihrer unterdrückten beziehungsweise noch nicht voll entwickelten Sexualität aufbrechen: Tobi mit Rosa? Seine Mutter mit Herrn Leinhard? Sein Vater mit Frau Leinhard? Nichts von alledem. Tobi erwischt seine Mutter mit der Nachbarin, beide nackt. Er versteht nicht, was da passiert. Wirkt verstört, so sehr, dass auch sein Vater spürt, dass etwas vorgefallen sein muss. Die Mutter hält dem Druck nicht stand, und offenbart sich. Ein Skandal. Im katholischen Köln, 1969! Es folgt ein hässlicher Scheidungskrieg – und die tiefe Verzweiflung einer Frau, die erlebt hat, dass es ein anderes Leben gibt, als das, was sie bisher geführt hat. Doch selbst dieses hat sie nun ebenso wie ihren geliebten Sohn verloren. Der Selbstmord, der so sachlich-nüchtern in das Buch eingeführt wurde, ist nur die logische Konsequenz. Einen anderen Ausweg aus dieser starren, verkrusteten Gesellschaft gab es in den späten 1960er Jahre trotz allem Gerede von Freiheit und Emanzipation nicht für eine Frau, die für sich entschieden hat, Frauen zu lieben. Die sexuelle Revolution frisst ihre Kinder. Lesezeichen Ulrich Woelk: „Der Sommer meiner Mutter“, 189 Seiten, 19,95 Euro, CH Beck, München.