Kultur RHEINPFALZ Plus Artikel Die „Medicus“-Ausstellung in Speyer und die Pfälzer Heil-Heiligen

Ensemble der hölzernen Schutzheiligen: Gegen jedes Leiden einen heiligen Helfer.
Ensemble der hölzernen Schutzheiligen: Gegen jedes Leiden einen heiligen Helfer. Foto: Carolin Breckle/Historisches Museum

Der Held von Noah Gordons Erfolgsroman hat der aktuellen Ausstellung im Historischen Museum der Pfalzden Namen gegeben. Neben dem „Medicus“ und seinen Lehrmeistern aus dem Orient und den antiken Kulturen sindin der spannenden Schau auch Medizinhistorie und mit ihr verbundene Schätze aus der Region zu bestaunen.

Was tun bei Husten? Alte Hausmittel wie heiße Milch mit Honig empfehlen selbst Kinderärzte heute noch. Beliebt sind auch Teesorten wie Spitzwegerich, Anis, Thymian oder Ingwer. Wenn das alles nicht hilft und man vor doch sehr geruchsintensiven Alternativen wie Aufgüssen aus Zwiebel- oder Knoblauchsirup zurückschreckt, bleibt am Ende nur der Gang zu Arzt und Apotheke, wo die unterschiedlichsten Mittel bereit stehen. Wobei so manch wortmächtig beworbenes Zauberpülverchen auch heute nur dann wirkt, wenn man fest daran glaubt. Dass Heilung allerdings nicht ohne rechten Glauben möglich ist, lässt uns auch jene Klosterfrau aus dem Mittelalter wissen, die Jahrhunderte später zum Shooting-Star der alternativen Heilkunde aufstieg: Hildegard von Bingen.

Wein hilft fast immer

Hört man ihr – zumindest in der „Medicus“-Ausstellung des Historischen Museums der Pfalz – nur lange genug zu, bekommt womöglich der Glaube an die neuzeitliche „Hildegardmedizin“ einige Kratzer. Der Empfehlung, sich doch mindestens alle drei Monate einem Aderlass zu unterziehen, um die Körpersäfte wieder ins Gleichgewicht zu bringen, wird gewiss niemand mehr folgen. Da mag die freundlich aus ihrem Kräutergärtlein herauslächelnde Äbtissin die Prozedur auch noch so sehr als Sofortmaßnahme gegen Erkältung empfehlen – wahlweise soll’s bei Verstopfung helfen. Auch auf mit viel Wein vermischte Asche der Weinrebe zur Behandlung von Zahnschmerz mag man nicht mehr so recht vertrauen. Auch wenn das Architekturfragment vom Disibodenberg, das bereits Anfang des 20. Jahrhunderts vom Historischen Museum angekauft wurde, zuvor auf einem Weingut in Odernheim als Keltertrog in Gebrauch war. Was aber dazu passt, dass Hildegard gerne auch Wein für ihre Heilmixturen nutzte. In diesem, der mittelalterlichen Klostermedizin gewidmeten Raum des Museums in Speyer, findet nun aber keineswegs die Demontage einer zudem noch regional verankerten „Heil-Heiligen“ statt. Im Gegenteil.

Risiko operierende Mönche

Nach einigen Ausflügen zu den Heilkundigen rund um das Mare Nostrum, zu den Kulturen Mesopotamiens und des Alten Ägyptens, des antiken Griechenlands und des Römischen Reiches – kurz: zu den Ursprüngen der modernen Medizin – wird rund um die Gestalt der 1098 in Bermersheim geborene Hildegard von Bingen deutlich, welche Wege das Wissen um die Medizin genommen hat und wie es im christlichen Frühmittelalter nach dem Zerfall des Weströmischen Reiches vor allem in den Klöstern gepflegt wurde. So lange zumindest, bis die Päpste es wohl für zu riskant hielten, dem Klerus auch chirurgische Heilversuche zu erlauben. Das Risiko, verantwortlich für das angesichts nicht vorhandener Kenntnisse der Hygiene durchaus häufige Ableben der Patienten gemacht zu werden, schien wohl zu groß. „Die Kirche schreckt vor Blut zurück“ lautete das Diktum.

Es entstanden nun medizinische Universitäten wie jene von Salerno, und Verordnungen des Stauferkaisers Friedrichs II. führten um 1240 dazu, dass Ärzte fortan nicht auch gleichzeitig Apotheker sein konnten. Die Bibliotheken der Klöster jedoch bargen weiter die alten Arznei- und Medizinbücher, in denen, so jedenfalls wird vermutet, sich auf Umwegen über Byzanz und den arabischen Raum bruchstückhaft die Kenntnisse der Antike herüberretteten – übrigens auch die Sache mit dem Aderlass und die Vier-Säfte-Lehre des griechischen Arztes Galen – und mit christlichem Gedankengut vermengten.

Rezepturen in Versform

Den Regeln des heiligen Benedikt von Nursia (um 480 bis um 560) folgend, wonach „die Sorge für die Kranken vor allem und über allem“ stehen soll, gehörten Krankenstationen ganz selbstverständlich zu jedem Kloster. Und es entstanden Anleitungen zur Heilkunst wie das Lorscher Arzneibuch mit Rezepturen und Erläuterungen zu diversen Heilkräutern. Dass Autoren wie Walahfried von Strabo (808/809-849) oder nach ihm im 11. Jahrhundert Odo von Meung ihre kräuterkundlichen Erkenntnisse in Gedichten mit perfekten Hexameter-Versen niederschrieben, mag späteren Wissenschaftlern recht suspekt vorgekommen sein. Zu Zeiten Hildegards jedoch war ihre Medizin-Poesie weitaus erfolgreicher und bekannter als etwa die Schriften der Äbtissin vom Disibodenberg. Was diese in der Speyerer Ausstellung dann auch recht säuerlich anmerken darf …

Nun, dafür ist Hildegard von Bingen dann später zum Medienstar geworden und gewissermaßen zur Symbolfigur der Klostermedizin aufgestiegen. Das hat sie indirekt auch einem Speyerer Schreiber zu verdanken: Als Wilhelm Gralap um 1456 die in Mittelhochdeutsch abgefasstes Sammlung wissenschaftlicher Beschreibungen der medizinischen Wirkung von Pflanzen, Tieren und Gesteinen niederschrieb, griff er dabei auch auf Odo von Meungs „Macer floridus“ zurück, den weitaus größten Teil aber übernahm er aus den Werken Hildegards: „Physica“ und „Causae et Curae“. Von Artemisia bis Zitwerwurzel werden Wirkung und Verwendung der Pflanzen beschrieben und durch verschiedene Rezepte ergänzt.

Botaniker-Pfarrer aus Hornbach

Das Speyerer Kräuterbuch wird in der Staatsbibliothek zu Berlin aufbewahrt und ist für die Dauer der Medicus-Ausstellung an seinen Entstehungsort zurückgekehrt. Andere, ganz ähnliche hier gezeigten Schätze hatten eine weniger lange Reise, sie kamen aus der nahen Landesbibliothek: das Kräuterbuch des Hieronymus Bock (1498-1554), der zwar als Leibarzt des Zweibrücker Herzogs Ludwig II. nichts gegen dessen Alkoholsucht ausrichten konnte, im Fabianstift zu Hornbach schon wenig katholisch war und auch als reformierter „Pfarrer“ weniger Theologe als vielmehr Botaniker war. Weit gereist wie er und ebenfalls als Arzt und Botaniker tätig war sein Schüler Jakob Diether aus Bad Bergzabern (1522-1590), der sich nach seinem Herkunftsort Jacobus Theodorus Tabernaemontanus nannte, und auch er hat ein „Neuw Kreuterbuch“ hinterlassen, darin „viel und mancherley heylsame Artzeney“.

Geheimnisvolles Lebenselixier

Längst hatte im 16. Jahrhundert die Heilkunde die Klöster verlassen und spielte sich an den Universitäten und Höfen von Padua über Montpellier bis Heidelberg und Straßburg ab. Dort studiert hat auch Johann Kiesow, der 1718 in Zweibrücken geborene Sohn eines Kammerdieners des polnischen Exilkönigs Stanislas Leszcziynski, der sich 1762 in Augsburg niederließ und dort Furore machte mit einer von ihm erfundenen „Lebensessenz“. „In Kommission ächt zu haben“ war dieses Elixier auch beim Apotheker Rauß senior in Speyer. Ein Fläschchen davon landete im Depot des Historischen Museums und glänzt nun geheimnisvoll golden in der Ausstellungsvitrine.

Schon im 18. Jahrhundert mochte es den Kunden allerdings ratsam erschienen sein, sich zusätzlich noch vertrauensvoll mit der Bitte um Hilfe an die göttliche Macht zu wenden. Schließlich stehen als Fürsprecher ganz oben eine Reihe von heiligen Helfern zur Verfügung. Die nun bilden ein wunderbares stilistisch einheitliches Ensemble gleich zu Beginn der Ausstellung und stammen, ergänzt durch Leihgaben aus dem südwestdeutschen Raum, aus dem Speyerer Domschatz: farbig gefasste Statuen aus Linden- oder Nussbaumholz aus dem 18. Jahrhundert von Heiligen, deren Leben (und Sterben) in Zusammenhang mit der zu heilenden Erkrankung zu bringen ist. Seien es Laurentius (bei Hautleiden und Verbrennungen) oder Wendelin (fürs Vieh zuständig), Gangolf (vom Liebhaber seiner Gattin, einem Priester (!), ermordet und deswegen kompetent bei Eheproblemen) oder Valentin (bei Gicht ebenso wie bei Wahnsinn). Die Muttergottes wird sekundiert von den Heiligen Elisabeth und Katharina. Und dann ist da noch Blasius, im 3. Jahrhundert erst Arzt, dann Bischof in Armenien, der seit dem Mittelalter zu den 14 Nothelfern gehört. Wer nun neben Arzt oder Apotheker bei Husten noch einen Heiligen fragen will, kann sich ja am 3. Februar den Blasiussegen holen und muss sich dann ein Jahr lang keine Gedanken mehr machen um Hals- und Kehlkopferkrankungen aller Art.

Die Ausstellung

„Medicus – Die Macht des Wissens“; bis 21. Juni im Historischen Museum der Pfalz in Speyer, dienstags bis sonntags 10-18 Uhr; Katalog (Theiss Verlag) 24,90 Euro (im Museum).

Der heilige Blasius, einer der 14 Nothelfer: Er wurde vor allem bei Halsschmerzen angerufen. Diese um 1500 entstandene Lindenhol
Der heilige Blasius, einer der 14 Nothelfer: Er wurde vor allem bei Halsschmerzen angerufen. Diese um 1500 entstandene Lindenholz-Figur stammt aus der Domschatzkammer des Historischen Museums. Foto: Carolin Breckle/Historisches Museum der Pfalz
Ein Architekturfragment von Hildegards Kloster auf dem Disibodenberg, später als Keltertrog genutzt.
Ein Architekturfragment von Hildegards Kloster auf dem Disibodenberg, später als Keltertrog genutzt. Foto: Breckle/Historisches Museum
Lebenselixier aus dem Speyerer Museumsdepot.
Lebenselixier aus dem Speyerer Museumsdepot. Foto: Breckle/HM
Seite aus dem Speyerer Kräuterbuch.
Seite aus dem Speyerer Kräuterbuch. Foto: Breckle/ Stiftung Preuss. Kulturbesitz
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