Kultur Die kesse Amerikanerin

Gegenentwurf zu den deutschen Schlagersängerinnen: Connie Francis auf einem Foto der 1960er.
Gegenentwurf zu den deutschen Schlagersängerinnen: Connie Francis auf einem Foto der 1960er.

Ende der 1950er Jahre kam Connie Francis als musikalische Abgesandte aus den USA nach Deutschland, um hier jenen „Schönen fremden Mann“ in einer Direktheit anzusingen, wie es vorher noch keine Sängerin gewagt hatte, und um dann doch zu signalisieren, dass die Liebe ein seltsames Spiel ist. Heute feiert Connie Francis ihren 80. Geburtstag.

Tagein tagaus schreiben in den 50er und 60er Jahren im New Yorker Brill Building Komponisten und Textdichter für die großen Plattenfirmen Songs am Fließband. Einer dieser Komponisten heißt Jack Keller, dem die passende Musik zu Howard Greenfields Text „Everybody’s Somebody’s Fool“ einfällt. Das Lied wird am 7. April 1960 vom damals 22-jährigen Teenager-Idol Connie Francis aufgenommen und – zwei Jahre nach der erste Single – ihr erster Spitzenplatz in der Hitparade sowohl in den USA als auch in England. Doch das ist ihrer Plattenfirma MGM noch nicht genug. Man weiß von der gängigen Praxis in Deutschland, angloamerikanische Spitzentitel von einheimischen Interpreten mit deutschen Texten covern zu lassen. Dem möchte man zuvorkommen, und so kommt es, dass die US-amerikanische Sängerin das Stück selbst auf Deutsch einsingt. Es heißt „Die Liebe ist ein seltsames Spiel“. Die Worte stammen von Ralph Siegel. Erst diese deutsche Fassung wird auch hierzulande ein Riesenhit und erreicht Platz eins der Hitparade. Connie Francis ist eine der frühesten Erscheinungen, die internationales Flair ins deutsche Schlagerwesen bringt – und zwar wesentlich mehr als die lispelnden Skandinavierinnen Wencke Myhre, Dorthe oder Gitte. Und sie ist ein Gegenentwurf zur niedlichen deutschen Conny (Froboess), auch wenn die längst die Badehose wieder eingepackt hat und nun kess mit Peter Kraus flirtet. Eine Eroberung, die im vergangenen Jahr auch Connie Francis gestand: „Ich hatte in Deutschland einen meiner ersten Freunde: Peter Kraus“. Und Connie Francis, in Belleville/New Jersey geboren, ist eine Alternative zum hausbackenen Blondchen Doris Day. Mit ihren schwarzen, auftoupierten Haaren und dem blassrosa Lippenstift verströmt Francis eine leicht prickelnde Verruchtheit und ist damit auch weit weg vom deutschen „Seelchen“ Maria Schell. Zudem ist Connie Francis italienischer Abstammung, was seit Frank Sinatra und Dean Martin einen gewissen Erfolg schon garantiert. Und sie gehört schon als Zwölfjährige zu den singenden, tanzenden und schauspielernden US-Kinderstars, was von Judy Garland bis Michael Jackson für Professionalität bürgt. 1961, ein Jahr nach dem Erstlingserfolg, schafft es Connie Francis erneut in die Hitparaden. Allerdings nicht in den USA, sondern in Europa, wo der Song „Someone Else’s Boy“ in acht Sprachen veröffentlicht wird. Der Text der deutschen Fassung, „Schöner fremder Mann“, stammt vom Luxemburger Camillo Felgen, einem der beliebtesten Moderatoren und Showmaster dieser Zeit, der auch die deutschen Texte der Beatles-Hits „Komm gib mir deine Hand“ und „Sie liebt dich“ schrieb. Und dann kommt „Paradiso“, Connie Francis’ erste Single, die nicht auf einem US-Original basiert. Nach dem dritten Charterfolg in Folge, platziert sie noch „Wenn du gehst“ (1962), das pompöse „Barcarole in der Nacht“ und „Die Nacht ist mein“ (beide 1963) in den deutschen Hitlisten, bis sie der Beat als konsequentes Ergebnis der musikalischen Angloamerikanisierung endgültig vom Sonnenplatz verdrängt. Bis heute. Versuche eines Comebacks zwischen längeren Phasen der Abstinenz scheitern regelmäßig. Eine Neuaufnahme ihrer alten Hits 1989 ist ebenso ein Flop wie einige Fernsehshows Anfang der 90er Jahre. Für viele Fans von einst ist das Auftreten der gar nicht mehr wiederzuerkennenden kleinen dicken Dame mit den kurzen blonden Haaren ein Schock, zumal die zum Playback abgefahrene, jugendliche Stimme so gar nicht mehr zu ihr passen will. Mit der Zeit wird es immer ruhiger um die Sängerin: Bis vor einigen Jahren tourt Connie Francis noch, zuletzt durch Asien, spielt Shows in Las Vegas und widmet sich dem Verfassen ihrer Autobiografie „Among My Souvenirs: The Real Story“, die 2017 veröffentlicht worden ist.

Mehr zum Thema
x