Jahrestag RHEINPFALZ Plus Artikel Die Ikone: Bob Dylan wird 80

Immer auf Tour, der rollende Stein: Nur selten lässt sich Bob Dylan heute bei Live-Auftritten fotografieren, hier 2012 bei einem
Immer auf Tour, der rollende Stein: Nur selten lässt sich Bob Dylan heute bei Live-Auftritten fotografieren, hier 2012 bei einem Festival in Spanien.

Er nuschelt, die Stimme knarzt – ein guter Sänger ist er nicht, aber doch der bdeutendste Song-Poet der USA: Am Montag wird die lebende Legende Bob Dylan, die seit 1988 auf „Never Ending Tour“ ist, 80 Jahre alt. Annäherung an einen Musiker, der sich bisweilen selbst im Weg steht und nach wie vor Rätsel aufgibt.

Im Januar 1964 sind die USA noch geschockt über das Attentat auf ihren Präsidenten John F. Kennedy. Und Lyndon B. Johnson und Barry Goldwater streiten über die Rolle Amerikas als Weltmacht. Da veröffentlicht Bob Dylan seinen Song „The Times They Are A-Changin’“. Von seinen Bewunderern wird der 22-Jährige als Prophet und Wegweiser in eine neue, bessere Welt gefeiert – eine Rolle, die ihm überhaupt nicht behagt.

Dylan sieht sich bestenfalls als unabhängiger Beobachter und Kommentator der turbulenten 1960er Jahre, begabt darin, diesen tiefgreifenden Wandel in Musik und poetische Texte zu fassen. In einer Rede verrät er seine Wut und seine Verwirrung: Er sei stolz, ein junger Mensch in einer jungen Welt zu sein, doch Politik wäre trivial und sinnlos.

Stimme des Aufbruchs

„The Times They Are A-Changin’“ wird als eine revolutionäre Botschaft aufgefasst, ist gleichsam Kampfprogramm für die Umgestaltung der US-amerikanischen Gesellschaft. Die Jugendrevolte der 60er Jahre findet in diesem Song ihre euphorische Rechtfertigung. Es ist ein geniales Werk in Schwarzweiß: Die Dinosaurier haben keine Chance mehr, sie mögen früher mächtige Tiere gewesen sein, aber dann sind sie spurlos verschwunden. Der Tenor des Songs ist unversöhnlich und strikt: Das Übel muss erbarmungslos ausgetilgt werden, denn die Zeit der Freiheit und Liebe ist gekommen.

Besser als Dylan beschreibt niemand die Stimmung dieser Jahre. „Die Mehrzahl der Protestsongs sind dümmlich. Ihnen fehlt jede Schönheit. Im Gegensatz dazu sind Bob Dylans Songs voller Kraft – als Lyrik und als Musik. Bob drückt aus, was all die Kids sagen wollen. O mein Gott, wie der Junge singen kann. Er kann einen so furchtbar anrühren“, sagt Joan Baez, die Folksängerin und zeitweilige Partnerin Dylans.

Strategien der Selbststilisierung

Aber auch für einen Poeten wie Bob Dylan gilt das Wort des Schriftstellers D. H. Lawrence: „Glaubt nicht dem Künstler, sondern seinem Werk.“ Bei seiner Kraft der Fantasie kann es nicht verwundern, dass Dylans innerer Zwang zur Gestaltung künstlerischer und damit künstlicher Wirklichkeiten nicht an den Grenzen der Songtexte endet, sondern dass er sich selbst und seine unmittelbare Umwelt in diesen Prozess einbezieht. Das gleiche unbeschreibliche Talent, das ihn im Übermaß archetypische Bilder finden lässt und eine ganze Rock-Generation aus der Sprachlosigkeit erlöst, hat ihn auch befähigt, Bob Dylan zu werden, wie er sich selbst sieht.

Dabei hat Dylan die Strategie der Selbststilisierung in der Popmusik durchgesetzt wie zuvor nur James Dean im Film der 50er Jahre. Dylan zehrt noch heute von seinem Mythos, und ein Ende ist nicht abzusehen, denn dazu ist mittlerweile die Fallhöhe viel zu groß. Nur Finsternis habe er noch zu verlieren, hat Bob Dylan einmal gesagt. Er ist eine traurige Gestalt geworden, ein gefesselter Riese, ein fintenreicher Gaukler und launiger Spieler. Ein Mensch, der ganz oben war und wahrscheinlich nie ganz unten ankommen wird.

Erlogene Außenseiter-Biografie

Als der als Robert Allen Zimmerman am 24. Mai 1941 in Duluth, Minnesota geborene Musiker im Januar 1961 in der Folk-Szene von Greenwich Village erschien, hatte er längst mit seiner Vergangenheit gebrochen und seine Wunschbiografie erlogen. Er sei ein Waisenkind aus Oklahoma, seine Verwandte seien Spieler in Las Vegas, professionelle Diebe und Sioux-Indianer. Nichts davon stimmt, aber die Außenseiter-Laufbahn passt in eine Zeit, in der die kämpferischen Liedermacher Pete Seeger und Woody Guthrie zu Idolen einer neuen, undogmatischen linken Szene wurden.

Bob Dylan, der damals sogar in abgelegten Anzügen des todkranken Woody Guthrie aufgetreten sein soll, dabei Sprache, Gestik und Mimik seines Idols bis ins Detail imitierte, saugt die Einflüsse der jungen New Yorker Szene auf: Aus schwarzem Blues und weißer Country & Western-Musik entwickelt er mit seiner knarzigen Stimme, die er mit einfachen Harmonien unterlegt und mit sparsamen Mundharmonika-Phrasen ergänzt, einen neuen Stil, der an jedem Lagerfeuer mit einer Wandergitarre leicht zu kopieren ist.

Die Lust am Unfertigen

„In seinen besten Momenten klingt Bob Dylans Stimme, als schalle sie über die Mauern eines Tuberkulose-Sanatoriums.“ Diese Zeile aus einem Artikel der „Times“ ist nicht gerade ein Kompliment, doch Äußerungen wie diese sind zu Beginn seiner Karriere nicht selten. Die Adjektive, die am meisten auf Dylans Stimme angewandt werden, heißen: hart, harsch, rau, hässlich. Adjektive, die auch auf die meisten originellen Stimmen im Blues und Country zutreffen. Doch Dylan kann auch weich und anschmiegsam singen, wie er es in Balladen und Liebesliedern immer wieder bewiesen hat.

Dylans frühe Lieder, „Blowin’ In The Wind“, „The Times They Are A-Changin’“ oder „A Hard Rain’s Gonna Fall“ werden Hymnen einer ganzen Generation, der der Rock’n“Roll der Stones oder der Who zu hart ist. Die typische amateurhafte Nachlässigkeit seiner Songs, gespeist durch die unbändige Lust am Unfertigen, lässt Dylan immer die Möglichkeit offen, schnell zu reagieren. Als sich die Linke in politischer Perspektivlosigkeit zu verlieren droht, sich in Drogen und freie Sexualität flüchtet, singt Dylan in „Like A Rolling Stone“ den großen Abgesang auf die falschen Propheten.

Die Elektrifizierung

Seine Gitarre hat er mittlerweile an einen Verstärker gestöpselt und damit die Musik elektrisiert. Viele werfen ihm nun Verrat an alten Idealen vor, beschimpfen ihn als „Judas“. Dylan windet sich. Es ist klar, dass er seinen Erfolg dem Folk zu verdanken hat, aber er will nicht länger die Galionsfigur spielen und schon gar nicht der wegweisende Heilsbringer für eine aufbegehrende Jugend sein. „Lügner“, schreit er unter Tränen zurück und scheint sich nach der alten Einfachheit und Klarheit zu sehnen.

Seine Texte bedienen mit ihrem Assoziationsreichtum die kollektiven Mythen und Emotionen des desillusionierten Gegenkultur der späten 60er Jahre. Seine dunklen, apokalyptischen Zivilisationsporträts überführen damit zum ersten Mal Rockmusik in Zeitstimmung. Doch den Starruhm verkraftet er nie. Er geht in die innere Emigration, zieht sich auf dem Höhepunkt der Vietnamproteste von der Szene zurück und besingt 1968 mit „All Along The Watchtower“ seinen privaten Ausstieg.

Gegen sich selbst ansingend

„Alles was ich mache, basiert auf Fehlern“, erwidert er einmal auf harsche Kritik, die ihn immer wieder trifft. Es wird still um ihn – auch weil er selbst gegen sich anzusingen scheint. Seine alten Lieder zersingt und vernuschelt er bis zur Unkenntlichkeit. Er muss sie für sein Publikum singen und will doch eigentlich lieber seine neuen Songs vorstellen. Die aber will kaum noch jemand hören. Doch noch immer gilt der Satz: Keiner singt Dylan wie Dylan, und John Lennon hat einmal dazu gesagt: „Man braucht gar nicht zu verstehen, was Dylan singt, man braucht nur zu hören, wie er singt.“

„Rockmusiker“, sagt Rolling Stone Keith Richards, „würden wahrscheinlich noch immer über Frauen, Mädchen und schnelle Wagen singen, wenn es Bob Dylan nicht gegeben hätte.“ Dies allerdings dankt ihm nur die Geschichte: Bob Dylan ist einer der einflussreichsten Pop-Künstler, vergleichbar wohl nur noch mit den Beatles. Als Musiker ist er hingegen bravourös gescheitert: Dylan-Songs haben andere besser interpretiert – und das war oft nicht schwer.

Der Junge mit der Mundharmonika: Bob Dylan in frühen Tagen.
Der Junge mit der Mundharmonika: Bob Dylan in frühen Tagen.
„Die Mehrzahl der Protestsongs sind dümmlich. Ihnen fehlt jede Schönheit. Im Gegensatz dazu sind Bob Dylans Songs voller Kraft –
»Die Mehrzahl der Protestsongs sind dümmlich. Ihnen fehlt jede Schönheit. Im Gegensatz dazu sind Bob Dylans Songs voller Kraft – als Lyrik und als Musik«, schwärmte Joan Baez von Bob Dylan.
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Hibbing, USA: In diesem Haus mit der Nummer 2425 an der 7th Avenue wuchs Robert Allen Zimmerman auf – und wurde als Bob Dylan berühmt.
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Zum 80. Geburtstag lässt sich in den wenigen verbliebenen Plattenläden nach Bob-Dylan-Alben stöbern.
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