Salzburg RHEINPFALZ Plus Artikel Berliner Philharmoniker sind zurück: Osterfestspiele Salzburg mit „Rheingold“ eröffnet

Willkommen in der Fantasy-Welt des Wagner-„Rings“
Willkommen in der Fantasy-Welt des Wagner-»Rings«

Die Wagner-Gemeinde hat in dem Bariton Christian Gerhaher einen neuen, großartigen Wotan. Die Osterfestspiele in Salzburg sind mit einem bildmächtigen „Rheingold“ gestartet.

Man hatte sie wohl tatsächlich vermisst. Nach 13 Jahren kehren die Berliner Philharmoniker zu den Salzburger Osterfestspielen zurück, die ja einst von Herbert von Karajan begründet wurden und wohl das elitärste Musikfestival der Welt sind. Das Publikum feiert sie und ihren Chefdirigenten Kirill Petrenko am Freitag nach der Premiere von Richard Wagners „Das Rheingold“. Bis 2030 soll dieser neue „Ring“ in der Regie von Kirill Serebrennikow geschmiedet sein. Der warme Empfang wundert ein wenig, hatte das Berliner Vorzeigeorchester doch einst Salzburg ziemlich rüde den Rücken gekehrt, nur um jetzt dasselbe mit den Osterfestspielen in Baden-Baden zu tun, wo bei dem Festival ein „Lohengrin“ gezeigt wird – mit dem Mahler Chamber Orchestra.

Das Wagner-Jahr 2026

Das Wagner-Jahr 2026 – vor 150 Jahren fanden in Bayreuth die ersten Festspiele statt – startet also mit zwei gewichtigen Neuproduktionen, die den Druck auf Bayreuth durchaus hochhalten. Und dass ein Sänger wie Christian Gerhaher nicht am Grünen Hügel singt, ist für das Mekka der Wagner-Interpretation schlichtweg peinlich. So feiert er nämlich sein Debüt als Wotan bei den Festspielen in Salzburg und eben nicht in Bayreuth.

Christian Gerhaher feirt sein Debüt als Wotan.
Christian Gerhaher feirt sein Debüt als Wotan.

Der russische Regisseur Kirill Serebrennikow ist ein vielseitig begabter Künstler. Er inszeniert nicht nur Sprechtheater und Oper, sondern führt auch in Filmen Regie. Und er ist dem System Putin mehr als suspekt. Auch wegen seiner offen gelebten Homosexualität und seinen künstlerischen Projekten zur Ballett-Legende Nurejew oder auch zum russischen Nationalkomponisten Tschaikowsky, deren beider Homosexualität er thematisiert hat. Serebrennikow kritisierte die gewalttätige Homophobie in Russland, und er bekam die Macht des Systems Putin zu spüren: Verurteilung wegen angeblicher Veruntreuung von Fördergeldern, Hausarrest, Verhöre und andere Repressalien. Seit 2022 lebt er im Exil in Berlin.

Im Programmheft erläutert er, dass er im Buddhismus den Schlüssel zum Verständnis von Wagners Lebenswerk „Der Ring des Nibelungen“ sehe. Einmal davon abgesehen, dass es diesen Schlüssel wahrscheinlich gar nicht gibt, weil dieses gewaltige Werk sich einem endgültigen Verständniszugriff immer entziehen wird, finden sich tatsächlich Hinweise, die diese These stützen könnten. Wagner hat sich intensiv mit dem Buddhismus beschäftigt, plante sogar eine Oper mit dem Titel „Die Sieger“, in der es aber nicht um militärisch erfolgreiche Helden gehen sollte, sondern um Menschen, die sich selbst besiegen, also im Sinne des Buddhismus auch befreien können. Aus dem Projekt wurde nichts, besser gesagt, fast nichts. Denn Wagner bog den Buddhismus einfach ins Christentum um und komponierte den „Parsifal“.

Jess Dandy als geheimnisvolle Rheintochter Flosshilde.
Jess Dandy als geheimnisvolle Rheintochter Flosshilde.

Doch es ist wie so oft bei steilen Thesen der Regie – ihre Bewährungsprobe in der realen Bühnenwirklichkeit bestehen sie nicht. Ja, es gibt buddhistisch-hinduistisch anmutende Kostüme zum Beispiel bei Loge, während die Götter um Wotan und Fricka eher wie Beduinen aussehen. Überhaupt verrutscht die Szene immer wieder nach Afrika, etwa wenn der Goldschatz des Alberich von farbigen Menschen stolz am Körper getragen wird. Im Grunde aber erzählt Serebrennikow sehr brav am Libretto entlang, bebildert zum Teil überaus eindrucksvoll in der Salzburger Felsenreitschule. Bleibt aber den Beweis schuldig, eine neue Lesart des „Rings“ entdeckt zu haben. Nun, er hat ja noch bis ins Jahr 2030 Zeit.

Serebrennikows Sympathien gelten offensichtlich dem vermeintlichen Übeltäter Alberich, dessen Raub des Rheingolds ja am Anfang dieser ganzen Untergangsgeschichte steht. Ihn versetzt die Regie als gehetztes, gepeinigtes Wesen, mehr Tier als Mensch, in einem fast durchgängig laufenden Video in eine apokalyptische Endzeit. In eine karge, verwüstete Welt, in der Eis und Feuer in Form von Lava herrschen. Furchterregend aussehend, rennt ein Schauspieler fast die ganze Zeit nackt durch diese düstere Zukunftswelt, und wir denken an die Kinofilme der „Mad-Max“-Reihe ebenso wie an „Der Herr der Ringe“. Und in dem Moment, in dem Loge brutal Alberich den Ring entreißt, indem er ihm den Finger abschneidet, „zerplatzt“ der Film, um erst wieder beim Auftritt Erdas einzusetzen. Das Geschehen auf der Bühne wird zudem durch zahlreiche Schauspieler und Tänzer ergänzt, die uns aber beim Verständnis auch nur bedingt hilfreich sind.

Der Ring-Räuber: Leigh Melrose als Alberich
Der Ring-Räuber: Leigh Melrose als Alberich

Am Ende dann doch noch eine Botschaft. Zum Einzug der Götter in Walhall werden luftige Puppen emporgezogen. Die Seelen der befreiten Geister? Nach und nach bilden sie einen Kreis. Der Ring schließt sich in einem spektakulären Bild – und das bereits im „Rheingold“.

Dieses ist ja das Leichtgewicht unter den vier Teilen des „Rings“. Man sollte das nicht mit dem breiten Pinsel auf die Leinwand klatschen, und genau das tun Kirill Petrenko und die Berliner auch nicht. Ihnen geht es nicht um Emphase und Pathos um jeden Preis, sondern um sensibles Ausleuchten dieser so farbenprächtigen Partitur.

Patrick Guetti als Fafner.
Patrick Guetti als Fafner.

Das gilt in gewissem Maße auch für Christian Gerhaher in der Rolle des Wotan. Der Bariton ist einer der weltweit besten Liedinterpreten, und das hört man ihm auch in dieser hochdramatischen Partie an. Er singt stets kultiviert, immer textverständlich, und kann sich darauf verlassen, dass er vom Orchester nie dynamisch überfordert wird.

Gerhahers Niveau halten auch Catriona Morison als Fricka, Jasmin White als Erda und Le Bu als Fasolt. Patrick Guetti als Fafner will an manchen Stellen etwas zu viel, die Stimme dröhnt und röhrt mehr, als dass sie klingen würde. Und Brenton Ran ist darstellerisch ein wirklich großartiger Loge, aber seiner Stimme fehlt es dann – trotz aller Sensibilität von Kirill Petrenko am Pult – manchmal an Durchschlagskraft.

Sympathie für Alberich

Bliebe noch das Nibelungen-Brüderpaar Alberich und Mime – neben den Rheintöchtern, gesungen von Lousie Foor, Yajie Zhang und Jess Dandy. Leigh Melrose schafft es als Alberich tatsächlich, dass wir mit ihm mitleiden, dass wir verstehen können, was ihn zum Bösewicht gemacht hat. Und doch hindert ihn das nicht daran, mit seinem von Thomas Ciluffo gesungenen Bruder Mime genau so zu verfahren, wie die Welt ihm Unrecht angetan hat. Beide beglaubigen auch sängerisch ihre Charakterisierung der Figuren.

Szene mit ajie Zhang (Wellgunde), Jess Dandy (Floßhilde), Louise Foor (Woglinde).
Szene mit ajie Zhang (Wellgunde), Jess Dandy (Floßhilde), Louise Foor (Woglinde).

Und wohin führt das nun? Es ist noch ein langer Weg bis zur „Götterdämmerung“. Bildmächtiger war ein „Ring“ jedenfalls selten. Nur ist Oper dann eben doch kein Kino.

Termine

1. und 6. April. www.osterfestspiele.at

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